SelbstverwalterInnen im Porträt

Rudolf Lee

Rudolf Lee

Wenn Rudolf Lee, Jahrgang 1943, etwas anfängt, dann bleibt er auch dabei: 47 Jahre war erbei der Landeshauptstadt München angestellt, zuletzt bis zu seinem Ruhestand als Geschäftsleiter in der Bauabteilung Tiefbau. Ebenso lange – 47 Jahre – währt auch schon seine Mitgliedschaft bei der ÖTV/ver.di. Zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberperspektive eine Brücke zu schlagen, ist ihm vertraut – zwischen den verschiedenen Interessen konnte er schon immer gut vermitteln. Da seine Dienststelle, die unter anderem für den Bau und die Planung von Straßen, Geh- und Radwegen zuständig ist, insbesondere im Arbeiterbereich zu den gefahrengeneigten Beschäftigungsgruppen zählte, lag ein ehrenamtliches Engagement in der Selbstverwaltung der Gesetzlichen Unfallversicherung nahe – abfinden wollte sich Rudolf Lee mit den Gefährdungen seiner Kollegen und Kolleginnen nie. Rudolf Lee ist inzwischen seit 41 Jahren in der Unfallversicherung aktiv. Er setzt sich für die Versicherten im Vorstand der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und als Vorstandsmitglied der Kommunalen Unfallversicherung Bayern ein. Den Arbeitsschutz über die Selbstverwaltung zu stärken ist seine große Passion geworden. Was er früher neben der Arbeit und in seiner Freizeit tat, macht er heute, im Ruhestand, mit mehr Ruhe – peu à peu.

Wie wichtig ihm das Ehrenamt und das sozialpartnerschaftliche System der Unfallversicherung sind, das „im europäischen Vergleich in Deutschland vorbildlich“ ist, darüber hat er uns im Gespräch berichtet.

Rudolf Lee
Selbstverwalter im Porträt Rudolf Lee  –

1. Selbstverwaltung was ist das? Deine Antwort in 140 Zeichen:

Selbstverwaltung ist lebendige Demokratie. In ihrem Kern bedeutet sie weniger Staat, denn sie beteiligt die Bürger unmittelbar an der Erfüllung staatlicher Aufgaben.

2. GewerkschafterInnen in der Selbstverwaltung vertreten die Interessen der Versicherten. Was heißt das konkret?

Der Sozialstaat Bundesrepublik Deutschland ist nicht zuletzt durch das Engagement von GewerkschafterInnen in der Selbstverwaltung der Sozialversicherungen zu dem geworden, was er ist.

3. ver.di sagt: GewerkschaftsvertreterInnen in der Selbstverwaltung sind die idealen Versichertenvertreter. Warum? 

GewerkschaftsvertreterInnen sind in Anbetracht ihrer hohen sozialen Kompetenz geradezu prädestiniert, die berechtigten Interessen der Versicherten in der Selbstverwaltung wahrzunehmen und diese in der Auseinandersetzung mit der Sozialpartnerseite der Arbeitgeber zu vertreten. 

4. Viele Versicherte sagen uns: Ich weiß gar nicht, was meine Selbstverwalter für mich machen. Wie und wo können sie von Deiner Arbeit erfahren?

Dem einzelnen Selbstverwalter fehlen meines Erachtens die Möglichkeiten, die Bedeutung, Aufgaben und Arbeitsinhalte der Selbstverwaltung der Öffentlichkeit bzw. den Versicherten in breiterem Rahmen zu vermitteln. Dies müsste nach meiner Auffassung verstärkt von übergeordneten Einrichtungen wie den Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden, politischen Institutionen, den Sozialversicherungen – in unserem Fall von den Unfallversicherungsträgern ­ und nicht zuletzt von den versicherten Unternehmen selbst übernommen werden. 

5. ver.di hat einen kleinen Cartoon-Film gemacht, um über die Aufgaben in der Sozialversicherung zu informieren. Welches Bild in unserem Viola-Clip gefällt Dir am besten? 

Der Film ist insgesamt sehr gelungen und aufschlussreich. Das Eingangsbild mit der Wippe gefällt mir am besten, weil es trotz der einfachen Darstellungsweise sehr aussagekräftig und vielsagend ist. Es geht um ausgewogene Kräfteverhältnisse... 

6. Du bist in der Kommunalen Unfallversicherung in Bayern aktiv. Seit wann hast Du diese Aufgabe und was war in dieser Zeit die spannendste Herausforderung? 

Ich bin seit 1974, also seit 41 Jahren, in der Selbstverwaltung der gesetzlichen Unfallversicherung tätig. Vor Ort als Mitglied des Vorstandes der Kommunalen Unfallversicherung Bayern. Im Spitzenverband der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) bin ich in verschiedenen Funktionen ebenfalls seit 1978 engagiert: Nach der Fusion zur DGUV im Jahre 2007 bin ich dort Mitglied des Vorstands und außerdem in den Grundsatzausschüssen „Recht“ und „Berufskrankheiten“ aktiv. 

Wie für so viele, die an dieser Stelle interviewt wurden, waren auch für mich die Fusionen der verschiedenen Träger herausfordernd. In meiner langen Laufbahn als Selbstverwalter waren das so einige, aber die Fusion zur Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung 2007 war die umfangreichste. Wir mussten als Selbstverwalter darauf achten, dass die neuen Strukturen nicht nur „effizienter“ oder „schlanker“, sondern vor allem so gestaltet wurden, dass die Interessen der Versicherten optimal gesichert blieben.

Auch die Umsetzung des Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Unfallversicherung (UVMG) war sehr herausfordernd, denn die notwendige Reform, die eine Reduzierung der Berufsgenossenschaften und Unfallversicherungsträger vorsah, zog Prozesse nach sich, in der die unterschiedlichen Kulturen, Maßstäbe und Möglichkeiten harmonisiert werden mussten. 

Eine weitere spannende Herausforderung ist und bleibt für mich der Ausschuss des Vorstands zum Thema „Berufskrankheiten“. Hier geht es um ganz konkrete Fragen: Wie erkennt man Berufskrankheiten? Nach welchen Verfahren der Anerkennung geht man vor? Und sind beispielsweise Karzinome bei bestimmten Berufsgruppen, ich denke an Seeleute oder Straßenarbeiter, unmittelbar mit den Tätigkeiten verknüpft? Freilich haben wir das letztlich nicht zu entscheiden, es liegt dann am Bund, wie mit diesen Anerkennungsfragen und Problemen umgegangen wird. Aber die Vorbereitung der abschließenden Entscheidung durch unsere praktische Expertise ist von erheblicher politischer Bedeutung. 

Seit 2011 veranstaltet ver.di alljährlich im Mai den Tag der Selbstverwaltung. Dein persönliches Motto für den Tag der Selbstverwaltung 2016? 

Ich habe kein Motto, aber ein großes Anliegen: „Wie kann den Versicherten die Bedeutung, Aufgabe und Arbeit der Selbstverwaltung in der gesetzlichen Unfallversicherung besser vermittelt werden?“ Daran muss ver.di weiter arbeiten – am Tag der Selbstverwaltung 2016, aber auch darüber hinaus.