SelbstverwalterInnen im Porträt

Klaus Growitsch

Klaus Growitsch

Klaus Growitsch, Jahrgang 1940, wurde in eine Gewerkschafterfamilie hinein geboren. Kein Wunder also, dass er sich schon während seiner Ausbildung zum Sparkassengehilfen, so hieß das noch in den fünfziger Jahren, in der Gewerkschaftsjugend engagierte. Nach einem Studium leitete der Diplom-Volkswirt bei der Deutschen Angestellten Gewerkschaft eine Einrichtung der beruflichen Fortbildung. Seit der Sozialwahl 1974, inzwischen hauptamtlicher Gewerkschaftssekretär, ist Klaus Growitsch schon in der Selbstverwaltung aktiv; zunächst in der Unfallversicherung und in einer Krankenkasse. Dieses ehrenamtliche Engagement ergab sich nahezu organisch, da er als Referent für Sozialpolitik auch zuständig für die Krankenversicherung war und so viele Kontakte knüpfte. Bis 2004 war Klaus Growitsch bei ver.di Bereichsleiter für Sozial- und Gesundheitspolitik. Auch heute, im Ruhestand, ist er als Versichertenberater der Deutschen Rentenversicherung im ver.di-Landesbezirk Hamburg der Ansprechpartner für alle Detailfragen zur Rente. Zudem ist er stellvertretendes Vorstandsmitglied der Deutschen Rentenversicherung Bund. Hier wird jährlich der zweitgrößte Haushalt der Bundesrepublik Deutschland beschlossen. Dass erfahrene Selbstverwalter wie Klaus Growitsch dort kontrollierend teilhaben, ist Glück für uns: denn seine Erfahrung, zum Beispiel sein Gespür für bestimmte Taktiken, wie Unangenehmes hinter Bergen überflüssiger Informationen zu verstecken, ist sehr wertvoll.

Klaus Growitsch hat unseren Fragebogen beantwortet und uns im Gespräch aus seiner langjährigen Erfahrung in der Selbstverwaltung berichtet:

Selbstverwalter_innen im Porträt Klaus Growitsch  –

Selbstverwaltung was ist das? Deine Antwort in 140 Zeichen.

Verwaltung der sozialen Sicherung für Betroffene durch Betroffene! Beitragszahler und Leistungsbezieher!

GewerkschafterInnen in der Selbstverwaltung vertreten die Interessen der Versicherten. Was heißt das konkret?

Versicherte haben kein einheitliches Interesse. Als Beitragszahler möchten sie nicht, dass von ihrem Entgelt zu viel abgezogen wird. Als Leistungsempfänger hingegen möchten sie, dass die Sozialversicherungsträger das zur Genesung und Wiederherstellung der Arbeits- oder Erwerbsfähigkeit sowie zur Erhaltung des Lebensstandards Erforderliche leisten. GewerkschafterInnen kennen und achten diese unterschiedlichen Interessenlagen und sorgen mit ihren Anträgen und Beschlüssen bei den einzelnen Trägern der Sozialversicherung für die soziale Ausgewogenheit bei Beiträgen und Leistungen.

ver.di sagt: GewerkschaftsvertreterInnen in der Selbstverwaltung sind die idealen Versichertenvertreter. Warum?

Durch ihre Einbindung in die Betriebe kennen sie die Belastungen, die Sorgen und auch die Nöte der Versicherten, sei es als Beitragszahler, sei es als Leistungsbezieher. Patientenvertreter hingegen sehen - und das ist auch ihre berechtigte Aufgabe - den Schwerpunkt ihrer Arbeit in der bestmöglichen Versorgung ihrer Klientel; eine reine Rentner-Interessenvertretung andererseits wird ihr Augenmerk nur auf die Rentenhöhe legen, die Aufbringung der Mittel wird dann aus dem Auge verloren. Und eine reine Beitragszahlervertretung, sozusagen ein Steuerzahlerbund für die Sozialversicherung, bemüht sich dann ausschließlich um die Senkung der Beiträge, eine Tendenz, die es bei einigen Vertretern der Arbeitgeber bereits gibt. Die soziale Ausgewogenheit, die die Arbeit von GewerkschaftsvertreterInnen in der Selbstverwaltung auszeichnet, bliebe somit auf der Strecke.

Viele Versicherte sagen uns: Ich weiß gar nicht, was meine Selbstverwalter für mich machen. Wie und wo können sie von Deiner Arbeit erfahren?

Zum einen: Es fragt ja keiner nach (ausgenommen ihr jetzt!) ver.di ist aber ein guter Ort dafür: Über Informationsabende, bei Betriebs- oder Personalversammlungen kann unsere Arbeit publik gemacht werden. In der Rentenberatung in den örtlichen Geschäftsstellen von ver.di wie z.B. im Landesbezirk Hamburg, wo ich als Versichertenberater tätig bin, können wir direkt vor Ort mit den Menschen Kontakt aufnehmen.

ver.di hat einen kleinen Cartoon-Film gemacht, um über die Aufgaben in der Sozialversicherung zu informieren. Welches Bild in unserem Viola-Clip gefällt Dir am besten?

Ich kann kein einzelnes Bild herauspicken; der Clip gefällt mir, er ist in sich rund und hat die gebotene Kürze. Fachleute wie mich darf man aber eigentlich nicht fragen, dann gibt es ja immer (Detail-)Einwände. Ich hätte einen z.B. hinsichtlich der Parität in der Selbstverwaltung: Sie ist ja (glücklicherweise) noch nicht überall gegeben: es gibt noch Ersatzkassen, in denen nur Versichertenvertreter das Sagen haben!

Du bist in der Selbstverwaltung der Deutschen Rentenversicherung Bund als Versichertenberater und als stellvertretendes Vorstandsmitglied aktiv. Seit wann hast Du diese Aufgabe und was war in dieser Zeit die spannendste Herausforderung?

Selbstverwalter bin ich seit 1974. Seit dieser Zeit bin ich auch Mitglied eines Rentenausschusses in der gesetzlichen Unfallversicherung. Ein Ereignis, an das ich mich gut erinnere, war die erste Anerkennung eines Ermüdungsbruchs, den sich ein Hochleistungssportler zugezogen hatte, als Leistungsfall. Er wurde wie eine Berufskrankheit behandelt. In der Rentenversicherung ist zum einen die schwierige Umstellung des IT-Systems bei der DRV Bund eine große Herausforderung gewesen, zum anderen die unzureichende Personalausstattung der Auskunfts- und Beratungsstellen durch die Regionalträger, die die ehrenamtliche Tätigkeit als Versichertenberater fast zu einer hauptberuflichen Tätigkeit macht.

Seit 2011 veranstaltet ver.di alljährlich im Mai den Tag der Selbstverwaltung. Dein persönliches Motto für den Tag der Selbstverwaltung 2016?

Selbstverwalten heißt mitgestalten!