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Prekäre Arbeitsbedingungen - unsichere Zukunft?!

Prekäre Arbeitsbedingungen - unsichere Zukunft?!

Atypische Beschäftigungen nehmen weiter zu

Die Beschäftigung in Deutschland steigt weiter an, in 2016 gab es rund 31.400.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse. Noch stärker hat allerdings die Zahl der atypischen Jobs zugenommen, so eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBS). (HBS-Pressemeldung v. 18.05.2017) Die HBS-Untersuchung bestätigt somit, dass es hinter der guten Arbeitsmarktlage auch viel Schatten gibt, mit prekärer und atypischer Beschäftigung. Der Anteil von Teilzeitstellen, geringfügiger Beschäftigung (Minijobs) und Leiharbeit an der Gesamtbeschäftigung ist erneut gestiegen und hat den höchsten Stand seit 13 Jahren erreicht. Rund 39,6 Prozent aller abhängigen Beschäftigungsverhältnisse waren im vergangenen Jahr atypische Jobs. Diese Beschäftigungsformen tragen hohe Risiken am Arbeitsmarkt; viele Beschäftigte können nicht von ihrer Arbeit leben und ihnen droht Altersarmut. Deshalb fordern ver.di und die DGB-Gewerkschaften einen Kurswechsel, denn die Beschäftigten brauchen dauerhaft Sicherheit und Perspektive in ihrer Erwerbsarbeit.

Entwicklung und Struktur der Beschäftigungsverhältnisse

Bis Mitte der 2000er Jahre ging der Anteil der Beschäftigten in einem Normalarbeitsverhältnis deutlich zurück, derjenige der atypisch Beschäftigten hingegen wuchs kräftig. Unter dem Begriff "atypisch" werden Teilzeitstellen, Leiharbeit und Minijobs gefasst, die in ihrer Mehrheit auch sozialversicherungspflichtig sind. Die Prekarisierung ist durch die verbesserte Situation auf dem Arbeitsmarkt keineswegs gestoppt, auch wenn der Zuwachs bei Minijobs, u.a. bedingt durch die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns, sich verlangsamt hat. Den Beschäftigten werden diese Jobs oft als Brücke in den regulären Arbeitsmarkt verkauft. In Wirklichkeit befinden sie sich in einer Sackgasse. Prekär ist ein Erwerbsverhältnis, wenn die Beschäftigten bei ihrer Arbeit ein Einkommens-, Schutz- und soziales Integrationsniveau haben, das unter dem der in der Gesellschaft als anerkannten Standard liegt. Nach dieser Definition ist der überwiegende Teil der atypischen Beschäftigungsverhältnisse prekär. Sie sind nicht geeignet, auf Dauer den Lebensunterhalt von Menschen sicherzustellen und/oder deren soziale Sicherung zu gewährleisten, insbesondere in der Altersvorsorge.

Minijobs

Minijobs spielen nach wie vor am Arbeitsmarkt eine große Rolle. In Deutschland arbeiten lt. HBS rund sieben Millionen Menschen in einem Minijob und von ihnen haben 5,14 Mio. diesen Job als einzige Beschäftigung. Darunter sind rund drei Millionen Menschen im Alter von 25–64 Jahren, mehrheitlich Frauen. Viele hoffen darauf, dass Minijobs einen Einstieg in Gute Arbeit bieten können. Doch sie bieten kaum berufliche Perspektiven und keine eigenständige soziale Absicherung. In Minijobs werden Löhne gedrückt und Arbeitnehmer*innenrechte (z.B. oftmals keinen bezahlten Urlaub und keine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall) oft systematisch unterlaufen. Gleiche Arbeit, gleicher Lohn, gleiche Rechte – das gilt bei Minijobs oftmals nicht.

Selbst nach der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns in 2015 verdiente noch nahezu jeder bzw. jede Achte mit einem Minijob als Haupterwerb weniger als 8,50 Euro! Die Missachtung des Mindestlohngesetzes ist ein Skandal und reiht sich in das Muster der Lohndrückerei ein. Über den Minijob allein kann keine auskömmliche Rente erwirtschaftet werden, also ist Altersarmut vorbestimmt.

Teilzeitarbeit

Auch der Trend zu immer mehr Teilzeit ist kritisch. Im vergangenen Jahr gab es fast acht Millionen Teilzeitbeschäftigte, von denen 4,8 Mio. unter 20 Stunden in der Woche arbeiten. Fast jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit. Denn aufgrund der geringeren zeitlichen Arbeitsbelastung fällt es Teilzeitbeschäftigten leichter, ihre beruflichen und familiären Verpflichtungen miteinander zu vereinbaren. Prekär ist Teilzeitarbeit immer dann, wenn sie unfreiwillig geleistet wird. Laut dem 5. Armuts- u. Reichtumsbericht 2017 arbeiten 14 Prozent unfreiwillig in Teilzeit und streben eine Vollzeitstelle an. Hier wird deutlich, dass bei geringen Arbeitsstunden das Risiko steigt, den Lebensunterhalt nicht aus dem Arbeitsentgelt bestreiten zu können und somit auf staatliche Transferleistungen angewiesen zu sein.

Befristung

Rund 2,8 Mio. Menschen haben einen befristeten Job. Vor allem Jüngere sind gerade beim Einstieg ins Arbeitsleben davon betroffen. Knapp die Hälfte aller Befristungen sind sachgrundlose Befristungen und diese sollten ursprünglich mit dazu beitragen, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Die Arbeitslosigkeit wurde durch die Befristung nicht bekämpft und es wird deutlich, dass die Befristung massiv missbraucht (Ausweitung der Probezeit) wird.

Prekäre Arbeit ist eine Herausforderung für die Betroffenen, für die betriebliche Interessenvertretung und für die Gewerkschaften. Beschäftigungsverhältnisse erster, zweiter, dritter Klasse darf es nicht geben, denn dies führt zur Spaltung der Belegschaft und zur Entsolidarisierung und Verunsicherung der Gesellschaft.

Was muss sich ändern?

Gewerkschaftliches Ziel ist es, unsichere Beschäftigungsverhältnisse zurückzudrängen und Gleichbehandlung bei den Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Wir brauchen Gute Arbeit, die unbefristet und tariflich bezahlt ist. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen müssen dafür geändert und Verstöße gegen Arbeitnehmer*innenrechte müssen durch wirksame Kontrollen bekämpft werden. Deshalb fordern ver.di und der DGB, dass befristet Beschäftigte einen gesetzlichen Anspruch auf Übernahme erhalten müssen, wenn im Unternehmen ein adäquater Arbeitskräftebedarf vorhanden ist. Die Befristung ohne Sachgrund wird als verlängerte Probezeit missbraucht und ist daher abzuschaffen. Die Sachgründe für Befristungen sind auf das Nötigste zu beschränken. Ausufernde Kettenbefristungen müssen gesetzlich ausgeschlossen werden. Bei den geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen (Minijobs) ist die Gleichbehandlung aller Arbeitsverhältnisse bezogen auf Entgelt, Besteuerung, Arbeitsbedingungen und sozialer Sicherung herzustellen. Das bedeutet, dass die Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro gelten muss und die Pauschalbbesteuerung abgeschafft wird. Wer Altersarmut jetzt und für künftige Generationen vermeiden will, muss die prekären Beschäftigungsverhältnisse eindämmen. Gerade in guten wirtschaftlichen Zeiten gibt es keine Ausrede mehr, um soziale Missstände am Arbeitsmarkt und in den Betrieben zu beseitigen. Dafür muss die Bundesregierung die Rahmenbedingungen schaffen und nicht erst nach der Bundestagswahl im September 2017.