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Arbeitszeitgestaltung ist Arbeitsschutz

Arbeitszeitgestaltung ist Arbeitsschutz

Der Arbeitszeitreport 2016 belegt Flexibilisierungsgefahren für die Gesundheit

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hat den Arbeitszeitreport für 2016 vorgelegt. Die Ergebnisse zeigen, dass Mehrstunden für viele Menschen Normalität sind. Jeder zweite Vollzeitbeschäftigte arbeitet regelmäßig mehr als zwei Stunden pro Woche mehr als vertraglich vereinbart. Bei Teilzeit-Beschäftigten sind jede vierte Frau und jeder sechste Mann Mehrarbeiter*innen. Nur eine Minderheit unter ihnen gibt an das freiwillig zu tun. Jede zweite Überstunde wird weder bezahlt noch durch Freizeit ausgeglichen. Die Zahlen aus dem DGB-Index Gute Arbeit liegen noch höher: Im Dienstleistungsbereich arbeiten 17 Prozent der Vollzeitbeschäftigten über 48 Stunden pro Woche und überschreiten damit die gesetzliche Höchstgrenze für die wöchentliche Arbeitszeit.

Zunehmend prägen flexible Arbeitszeiten die Arbeitsrealität vieler Beschäftigten. 80 Prozent der Beschäftigten geben noch an, in der Regel wochentags zwischen 7 und 19 Uhr zu arbeiten, 43 Prozent der Beschäftigten allerdings berichten, mindestens einmal im Monat auch am Wochenende zur Arbeit zu gehen. Über regelmäßige Rufbereitschaft sind 8 Prozent außerhalb ihrer Arbeitszeit an ihre Arbeit gebunden. 22 Prozent geben zudem an, dass ihr Arbeitsumfeld erwartet, dass sie im Privatleben für dienstliche Belange erreichbar sind. Die Zahlen des Arbeitszeitberichts 2016 belegen ein weiteres Mal: Mit dem Normalarbeitsverhältnis erodiert auch die Normalarbeitszeit.

Die Flexibilisierung hat nicht nur volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Konsequenzen, sie hat auch einen sehr direkten und individuellen Effekt auf jeden Einzelnen. Viele Menschen arbeiten länger als ihnen gut tut, andere werden in Teilzeitjobs gedrängt, obwohl das Arbeitspensum im Grunde einer Vollzeitstelle entspricht und unangepasst bleibt. Immer mehr Beschäftigte arbeiten abends, nachts, samstags, sonntags und im Schichtdienst. Regelmäßige Erholung ist oft nicht oder kaum mehr möglich. Die Arbeitszeit wird in der Folge zunehmend als belastend und gesundheitlich riskant erlebt.

Das ist kein subjektives Empfinden. Arbeitswissenschaftlich ist belegt, dass die Dauer, Lage und Verteilung der Arbeitszeit entscheidenden Einfluss auf das psychische und körperliche Wohlbefinden des arbeitenden Menschen hat. Und auch der aktuelle Bericht der BAuA ist eine weiterer Beleg dafür: Je mehr Überstunden Beschäftigte leisten müssen, desto häufiger leiden sie an Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit und Erschöpfung. 

Die Gesundheit der Beschäftigten steht im direkten Zusammenhang mit der Arbeitszeitgestaltung. Beschäftigte mit hohen betrieblichen Flexibilitätsanforderungen, wie etwa Arbeit auf Abruf, Rufbereitschaft oder kurzfristigen Änderungen ihrer Arbeitszeit, schätzten ihr gesundheitliches Befinden tendenziell schlechter ein und sind unzufriedener mit ihrer Work-Life-Balance als andere Beschäftigte, das zeigt der Report. “Umgekehrt zeigt sich durchgängig, dass sich Einflussmöglichkeiten der Beschäftigten auf die Arbeitszeitgestaltung sowie Planbarkeit und Vorhersehbarkeit der Arbeitszeit positiv auf Gesundheit und Work-Life Balance auswirken”, so die Autoren der Studie.  

Arbeitsschutz 4.0 gestalten

Die konkrete Ausgestaltung der flexiblen Arbeitszeiten im Zusammenspiel zwischen betrieblichen Anforderungen einerseits und Belangen der Beschäftigten andererseits erweist sich somit als eine der zentralen Stellschrauben für gesunde Arbeitszeitgestaltung, für die sich ver.di einsetzt. An ihnen will ver.di drehen. Die Zeit ist reif, denn über das Thema Arbeitszeit wird derzeit, vor allem vor dem Hintergrund des Wandels der Arbeitswelt, heftig diskutiert. Die immer lauter werdenden Stimmen der Arbeitgeberverträge, die Arbeitszeitregeln zu “flexibilisieren”, weisen, wenn man die Ergebnisse des Arbeitszeitreports ernst nimmt, genau in die falsche Richtung. ver.di pocht seit Jahren darauf, dass die Regelungen des Arbeitszeitgesetzes arbeitswissenschaftlich abgeleitet sind. Das Arbeitszeitrecht ist Arbeitsschutzrecht. Zu lange Arbeitszeiten führen, genauso wie fehlende Ruhezeiten, nachweislich zu einem signifikanten Anstieg der Arbeits- und Wegeunfälle und zu Erkrankungen.

Aus Sicht der Arbeitsforschung ist es zudem zentral, unter den Bedingungen einer Arbeitswelt 4.0 den Fokus von der Regelung der Arbeitszeit auf die Regelung der Pausen- und Ruhezeiten zu verschieben und zu fragen, „wie Planbarkeit, Leistungsgrenzen und Erholung verlässlich beachtet werden können, wenn die Arbeit immer öfter und schneller in die Freizeit hineinreicht“, so Eva Welskop-Deffaa, im ver.di Bundesvorstand für den Arbeitsschutz verantwortlich.

Sonntagsschutz und Ruhepausen

Der BAuA-Bericht belegt, dass mehr als die Hälfte der Beschäftigten ab und an auch an Sonn- und Feiertagen arbeiten. Der arbeitsfreie Sonntag schützt sich erkennbar nicht von allein – seine Verteidigung ist ein zentrales Arbeitsschutz-Anliegen von ver.di.
Gute Arbeit braucht verlässliche Arbeitszeiten, die den Bedürfnissen der Beschäftigten entsprechen, und Humanisierung der Arbeitswelt braucht verbindliche Arbeits- und Ruhezeiten jeden Tag. Für die Gewerkschaften ergibt sich daraus ein erheblicher Gestaltungsauftrag. Die Broschüre „Mehr Zeit für mich. Impulse für eine neue arbeitszeitpolitische Debatte”, die die tarifpolitische Grundsatzabteilung der ver.di erarbeitet hat, fasst einige Argumente und Anregungen zusammen, wie diese große Aufgabe umzusetzen ist. Der Abbau von Überstunden, die strikte Erfassung und Einhaltung von Arbeitszeit-Regelungen in den Betrieben sind wichtige Forderungen, zudem muss die Reduzierung des Arbeitspensums jedes Einzelnen sowie ein vollumfänglicher Personalausgleich dringend neu geregelt werden.

Das gerade erschienene Jahrbuch „Gute Arbeit 2017“ widmet sich unter dem Titel „Der Streit um Zeit - Arbeitszeit und Gesundheit“ ebenfalls dem Thema und bietet einen guten Überblick über den aktuellen Diskussionsstand. ver.di nutzt das Jahrbuch in der politischen Diskussion mit dem Ziel, den Arbeits(zeit)schutz in den anstehenden Gesetzgebungsverfahren zu stärken.

Digitalisierung und Flexibilisierung braucht Arbeitsschutz 4.0

Das existierende Regelwerk des Arbeits- und Gesundheitsschutzes erweist sich besonders dort als unzureichend, wo digitale Arbeit den Betrieb verlässt und Erwerbsformen »jenseits der Festanstellung« verbreitet sind. ver.di setzt sich dafür ein, dass die Schutzwirkungen des Arbeitsschutzes für alle wirksam werden und die Realitäten der Arbeitswelt 4.0 – geprägt von hoher Arbeitsintensität und psychischen Belastungen – eingehegt werden können. Eva Welskop-Deffaa mahnte schon im letzten Jahrbuch Gute Arbeit: „Ohne konzertierte Anstrengung der Gewerkschafter*innen in der betrieblichen Mitbestimmung, in den Strukturen der sozialen Selbstverwaltung der gesetzlichen Unfallversicherung und ohne, dass wir unsere Forderungen sehr vernehmlich in die politischen Debatten hineintragen, werden Erfolge nicht zu erreichen sein.“

Humanisierung der Arbeitswelt für alle

Wir brauchen mehr als „einen Helm für die Clickworker“, wenn wir sicherstellen wollen, dass Beschäftigung in der Arbeitswelt 4.0 unter menschengerechten Bedingungen stattfinden wird. Im Arbeitsschutzgesetz ist das Ziel der menschengerechten Gestaltung der Arbeit verankert. Das bedeutet, dass sich die Arbeit den (unterschiedlichen) Bedürfnissen von Frauen und Männern anzupassen hat und nicht umgekehrt.

Die Daten des Arbeitszeitreports bestätigen weiterhin große Unterschiede in der Arbeitszeitrealität von Männern und Frauen. Arbeiten immerhin 42 Prozent der Frauen in Teilzeit, so sind es bei den Männern lediglich 7 Prozent. Der größte Teil der Frauen nennt als Grund persönliche oder familiäre Verpflichtungen, wobei die kürzeren Arbeitszeiten im Vergleich zu den Männern in allen Lebenssituationen zu beobachten sind. Unter dem Titel „Mehr Zeitsouveränität durch Partnerschaftlichkeit. Neue Optionen für eine gerechte Arbeitszeitverteilung“ diskutiert der DGB am 13. Dezember 2016 in der ver.di Bundesverwaltung in Berlin. Gemeinsam mit der Familienministerin Manuela Schwesig soll über neue arbeitszeitpolitische Optionen und gewerkschaftliche Initiativen beraten werden. Dabei geht es auch um Informationen über die familiäre Vereinbarkeitsproblematik.

 

Literaturhinweis
"Arbeitszeitreport Deutschland 2016"; Dr. Anne Marit Wöhrmann, Dr. Susanne Gerstenberg; Lena Hünefeld, Dr. Franziska Pundt, Dr. Anne Reeske-Behrens, Frank Brenscheidt, Dr. Beate Beermann; Dortmund; Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin; 2016; 187 Seiten, ISBN 978-3-88261-206-6. Den Bericht gibt es im Internetangebot der BAuA unter www.baua.de/publikationen.

 

 

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