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Ausbildung statt Ausgrenzung

Ausbildung statt Ausgrenzung

Ein überaus aktuelles Thema wurde beim Seminar „Ausbildung statt Ausgrenzung“ vom 6.-8. April in der ver.di-Bildungsstätte in Berlin-Wannsee aufgegriffen. Denn jede und jeder vierte Auszubildende wirft die Ausbildung frühzeitig hin, wie viele Medien mit Bezug auf die Vorveröffentlichung des Berufsbildungsberichts 2018 um die Osterfeiertage titelten. Der Anteil der abgebrochenen Ausbildungen liege mit 25,8 Prozent erstmals über den seit Anfang der Neunzigerjahre üblichen Quoten von 20 bis 25 Prozent. Am höchsten ist der Anteil bei angehenden Sicherheits-Fachkräften mit 50,6 Prozent, am niedrigsten mit 4,1 Prozent bei Azubis, die Fachangestellte*r in der Verwaltung lernen.

Flipchart mit der Aufschrift "Willkommen zum Seminar Ausbildung statt Ausgrenzung; Berufliche Integration von jungen Erwachsenen mit Migrationsgeschichte" ver.di

Woran liegt das und wie können Gewerkschaften und Interessensvertretungen zum Ausbildungserfolg beitragen? Spätestens seit den Pisa-Studien wissen wir, dass schulischer Erfolg in Deutschland, stärker als in anderen Ländern, von Herkunft und sozialem Status abhängt. Ohne Zugang zu guter Bildung gelingt der soziale Aufstieg nicht und soziale Benachteiligung heißt häufig, keinen Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung zu finden. Diese Problematik setzt sich in der Berufsausbildung vielfach fort. Deshalb stand bei dem Seminar der ver.di-Migrationsausschüsse die migrationspolitische Dimension der Thematik im Vordergrund.

Projekt gegen Ausgrenzung

Drei Jugendliche, die hintereinander stehend auf einem Balkon verschiedene Berufskleidung tragen, um damit verschiedene Berufszweige darzustellen Berlin braucht dich!

Denn, wer welchen Beruf ergreift ist, ist vielfach ein Ergebnis struktureller Diskriminierungen im Bildungssystem sowie Benachteiligungen, die sich im direkten Bewerbungsprozess sowie in der Personalpolitik der Betriebe widerspiegeln.

In dieser Hinsicht ist das Projekt „Berlin braucht dich!“ (Mehr zur Initiative findet sich in der ver.di Publik 03-2018) des Berliner Senats ein konkreter Schritt, um strukturelle Benachteiligungen am Arbeitsmarkt für Jugendliche aus einkommensschwachen und migrantischen Familien und die interkulturelle Öffnung der Verwaltung anzugehen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den strukturellen Barrieren beim Übergang von der Schule in den Beruf und weniger auf individuellen Diskriminierungen, die im Betrieb erlebt werden, denn „das Bildungssystem selektiert und diskriminiert schon genug“, so Serdar Yazar, Teamleiter von Berlin braucht dich!, der das Projekt am Freitagabend zu Beginn des Seminars vorstellte.

Betriebliche Auswahlverfahren setzen falsche Prioritäten

Am nächsten Tag präsentierte Gülsah Tunali vom DGB-Bildungswerk die Zahlen, Daten und Fakten zur Ausbildungssituation von migrantischen Jugendlichen anhand einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung vor, die die eingangs dargestellten Problemlagen verdeutlichten. Laut der Studie sind Jugendliche mit Migrationshintergrund selbst unter ansonsten gleichen Voraussetzungen seltener erfolgreich als diejenigen ohne Migrationshintergrund. Vieles spricht dafür, dass die betrieblichen Auswahlverfahren ursächlich dafür sind.

Seminarraum mit verschiedenen Personen, u.a. stehender Seminarleiter und drei sitzende Seminarteilnehmer; im Hintergrund zwei Pinwände ver.di

Besondere Herausforderungen seien:

  • Einstellungstests und Kompetenzfeststellungsverfahren
  • Vorbehalte und mangelndes Interesse in Betrieben und Verwaltungen
  • Mögliche Bedenken der Führungs-und Personalverantwortlichen
  • Informelle Netzwerke
  • Kulturell und sprachlich bedingte Missverständnisse im Betrieb
  • Informationsdefizite der Betriebe zu Fördermaßnahmen
  • Überbewertung formaler Bildungsabschlüsse bzw. fehlende Anerkennung nicht formell erworbener Kompetenten (zum Beispiel Zweisprachigkeit)

Anschließend stellte Khalid Sharif vom Bildungswerk Kreuzberg die "Berliner Berufsrouten" vor, deren Ziel es ist, Jugendlichen die Vielfalt an Ausbildungsberufen näher zu bringen und Barrieren abzubauen. Sharif kam selber erst mit 14 Jahren nach Deutschland und hat eine Ausbildung als Zimmermann abgeschlossen. Deshalb kann er anschaulich aus eigener Erfahrung berichten, welche Chancen und Potenziale das System der dualen Ausbildung vielen jungen Migrant*innen und Geflüchteten bietet.

zwei Seminarteilnehmer vor einer Pinwand ver.di

Nachdem die Teilnehmenden über einige Maßnahmen zur Förderung von Jugendlichen für die Ausbildung und berufliche Begleitung informiert wurden, gab es einen Veranstaltungsblock zu den Handlungsmöglichkeiten der Interessenvertretungen.

JAV sehen Mehrwert

Pascal Prey, Vorsitzender der Haupt-JAV des Landes Berlin, sah besonders die Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) in der Verantwortung. So unterstützt sein Gremium, das über 8.000 Auszubildende in den Verwaltungen und Behörden der Hauptstadt vertritt, das Projekt der interkulturellen Öffnung der Verwaltung und versteht sich als Brückenbauer in die Belegschaften Die Anstrengungen zur verstärkten Einstellung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund seien nicht nur eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit, sondern hätten durch die Verbesserung der interkulturellen Kompetenz auch einen direkten Mehrwert für die Verwaltung.

Die JAV arbeitet dazu im Begleitgremium mit, das im Auftrag des Senats an der Überarbeitung des Berliner Partizipations- und Integrationsgesetzes beteiligt ist. Eine weitere wichtige Aufgabe für das betriebliche Jugendgremium sei es, an der Frage der Haltung in den Betrieben zu arbeiten, um das Ziel der interkulturellen Öffnung im Konsens zu erreichen und über Betriebsvereinbarungen festzuschreiben (Interview mit Pascal Prey in ver.di Publik). Zum Abschluss am Sonntag wurden die vielen Impulse in dem Seminar in einer gemeinsamen Zukunftswerkstatt aufgegriffen. Klar ist: Zum Thema "Zugang zu guter Ausbildung" werden auch weiterhin Veranstaltungen und Praxis-Workshops der ver.di-Migrationsausschüsse stattfinden, in denen gleichermaßen engagierte Diskussionen und spannende Berichte aus den Betrieben und von den Projekten zu erwarten sind.