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Von Nachbarn lernen

Von Nachbarn lernen

Begegnungen mit der gesetzlichen Alterssicherung in Österreich und in der Schweiz

DGB-Expertenveranstaltung zum Österreichischen Rentensystem am 21.9.2016 ver.di  –

83 Prozent der Deutschen sagen, ihnen sei die finanzielle Absicherung für das Alter „sehr wichtig“. Damit rangiert die Alterssicherung unter den persönlichen Lebenszielen auf Platz 1 – mit deutlichem Abstand vor dem Ziel, „das Leben heute zu genießen“. Mit diesen Ergebnissen überraschte der Schufa Kredit-Kompass 2015. Die Ergebnisse der Schufa-Befragung bestätigten, ver.di (http://rente-staerken.verdi.de) und der DGB (http://rente-muss-reichen.de) zum Ausgangspunkt ihrer Rentenkampagne gemacht haben: Die Menschen erwarten von der Rentenversicherung, dass das Leistungsniveau morgen und übermorgen stimmt! Die Beschäftigten sind grundsätzlich bereit, höhere Beiträge in die Rentenversicherung einzuzahlen, wenn im Gegenzug die Leistungszusage verlässlich ist. Das Absinken des Rentenniveaus auf 41 Prozent im Jahr 2045, das sich aus dem geltenden Rentenrecht ergibt, wenn kein Kurswechsel erfolgt, passt zu den Lebenszielen der Deutschen nicht!

ver.di-Workshop zum Schweizer Rentensystem am 9.9.2016 ver.di  –

Bei der Suche nach tragfähigen Antworten auf die Frage, wie die Alterssicherung wieder lebensstandardorientiert und zukunftsfest gestaltet werden kann, haben ver.di und der DGB jetzt die Beispiele der Nachbarländer genauer angeschaut: Am 9. September veranstaltete ver.di einen Workshop zum Schweizer Rentensystem  am 21. September folgte der DGB mit einer Expertenveranstaltung zum österreichischen Rentensystem.

DGB-Expertenveranstaltung zum Österreichischen Rentensystem am 21.9.2016 ver.di  –

Die Ergebnisse waren verblüffend: In Österreich hat man sich zur Jahrtausendwende nicht von der Reformwut Deutschlands anstecken lassen, die Stärkung einer zweiten und dritten Säule zulasten der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung unterblieb. Gleichzeitig verzichtete Österreich auf Senkungen des Beitragssatzes, der seit 1988 unverändert bei 22,8 Prozent liegt. Stattdessen vereinfachte man 2014 die Rentenberechnung, sodass heute jedermann ohne Probleme nachvollziehen kann, wie sich aus den eigenen Beiträgen die jeweilige Rente errechnet. Die Renten der Neurentner orientieren sich eng an der Lohnentwicklung, ihre weitere Anpassung folgt der Inflationsrate. Auf diese Weise garantiert die gesetzliche Rente einen 80-prozentigen Bruttoersatz nach 45 Beitragsjahren bei einem Renteneintritt im Alter von 65 Jahren. 80-45-65 hat sich als Idealmaß der Alterssicherung in Österreich seit 2014 fest etabliert. Durch die umfassende Einbeziehung von Selbstständigen und Beamten in die gesetzliche Rentenversicherung hat Österreich das System zusätzlich stabilisiert.

ver.di-Workshop zum Schweizer Rentensystem am 9.9.2016 ver.di  –

Die betriebliche Altersversorgung (baV) spielt, so erläuterte Josef Wöss, Abteilungsleiter Sozialpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Wien, eine vergleichsweise kleine Rolle. Aber auch hier gelten klare Regeln, von denen man in Deutschland lernen kann: Es muss in Österreich in eine zusätzliche Altersversorgung die Hälfte des Beitrags vom Arbeitgeber eingezahlt werden, sonst gilt eine Altersvorsorge nicht als baV. Gestaltungsmöglichkeiten, wie sie in Deutschland mit der Entgeltumwandlung geschaffen wurden, kennt man in Österreich nicht. Bei uns hat die Einführung der beitragsfreien Entgeltumwandlung inzwischen dazu geführt, dass etwa die Hälfte der laufenden baV-Verträge allein aus Arbeitnehmerbeiträgen gespeist wird. Ihr Charakter als „betriebliche Altersversorgung“ ist damit kaum noch erkennbar. Die Minimalforderung der Gewerkschaften lautet entsprechend, dass die Arbeitgeber wenigstens die ersparten Sozialversicherungsbeiträge in die baV ihrer Mitarbeiter*innen weiter geben müssen, um diese Form der Altersvorsorge weiter zu entwickeln.

DGB-Expertenveranstaltung zum Österreichischen Rentensystem am 21.9.2016 ver.di  –

Auch der Blick auf die Schweiz lohnt. Die Schweiz kennt eine echte Volksversicherung, in der alle Beschäftigten einzahlen – unabhängig von der Höhe ihres Einkommens. Eine Beitragsbemessungsgrenze deutschen Zuschnitts kennt die Schweiz nicht. Die gesetzliche Rentenversicherung ist eine wirklich solidarisch angelegte Form der Altersvorsorge, in der die Leistungen stark degressiv ausgestaltet sind, die Beiträge aber nicht oberhalb einer bestimmten Einkommensgrenze gekappt werden. Gleichzeitig ist das System durch eine hohe Rücklage gekennzeichnet: In der sogenannten Ausgleichskasse wird das Ausgabenvolumen eines Jahres vorgehalten, um auf Schwankungen auf der Einnahmeseite vorbereitet zu sein.

ver.di-Workshop zum Schweizer Rentensystem am 9.9.2016 ver.di  –

Anders als Österreich kennt die Schweiz allerdings traditionell eine starke betriebliche Altersversorgung, die nun in Niedrigzinszeiten nicht mehr die Leistungen gewähren kann, auf die das System ausgerichtet und angewiesen war. Die Schweizer Gewerkschaften fordern daher eine Stärkung der ersten Säule – der umlagefinanzierten gesetzlichen Rentenversicherung. „Wir unterstützen die Gewerkschaften in Deutschland gerne bei ihrer Rentenkampagne zur Stabilisierung des Rentenniveaus“, unterstrich Rita Schiavi von unserer Schwestergewerkschaft UNIA. Sie bedauerte, die Frauen-Alterssicherungskonferenz der ver.di verpasst zu haben, die zum Start der DGB-Rentenkampagne die besondere Betroffenheit der Frauen deutlich gemacht hatte.

Rita Schiavi und vielen anderen Interessierten kann nun ein wenig weiter geholfen werden – denn das Video zur Frauen-Alterssicherungskonferenz ist fertig.