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Unterstützung bei Spracherwerb und Integration

Unterstützung bei Spracherwerb und Integration

Die Begleitung der Flüchtlinge steigert den Arbeitskräftebedarf in den Dienstleistungsberufen

Auch wenn über die Statistiken noch nicht das letzte Wort gesprochen ist: Unbestreitbar hat die Zahl der Schutzsuchenden, die als Flüchtende nach Deutschland gekommen sind, im letzten Jahr einen Höchststand erreicht. Welche Effekte dies auf die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hat und in welchen Berufen der Arbeitskräftebedarf durch die Betreuung der Geflüchteten besonders groß ist, diese Fragen beantwortet ein aktueller Bericht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit.

Die Zahlen, die das IAB für seinen Bericht auswerten konnte, betreffen den Zeitraum von Januar 2015 bis März 2016. Für diese Phase beobachtet das Institut eine deutlich und überdurchschnittlich anziehende Beschäftigung nicht nur im Innenausbau und im Hochbau (etwa für Flüchtlingseinrichtungen), sondern vor allem auch bei außerschulischen Lehrtätigkeiten, bei Sprachenlehrer*innen, Wachleuten, Sozialarbeiter*innen und in der öffentlichen Verwaltung.

Neben der Flüchtlingszuwanderung könnten auch sonstige Faktoren die gute Beschäftigungsentwicklung in den Dienstleistungsberufen beeinflusst haben, gibt der Autor des Berichts, Dr. Enzo Weber, mit wissenschaftlicher Vorsicht zu bedenken. Letztlich machten die Zahlen aber deutlich: In den ver.di-Branchen entsteht durch die Unterstützung der Flüchtlinge ein stark steigender Arbeitskräftebedarf, der in den nächsten Monaten weiter zunehmen wird, denn die Förderung des Spracherwerbs der Flüchtlinge und ihre Qualifizierung zur besseren Integration in den Arbeitsmarkt stehen erst am Anfang. Die Zuwächse in den einschlägigen Berufen sind im Vergleich zur Entwicklung der gesamten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung auffällig groß. Der Arbeitsmarkt in Deutschland profitiert insgesamt von den Herausforderungen, die sich durch die Zuwanderung ergeben – besonders in den sozialen Dienstleistungsbranchen steigt die Arbeitskräftenachfrage ganz erheblich.

Flüchtlingszuwanderung

Von August 2015 bis Februar 2016 lagen die Zahlen für die Flüchtlingszuwanderung monatlich bei etwa 100.000 Personen. Damit ergab sich eine direkte zusätzliche Nachfrage nach Dienstleistungen. Weder vom Bundesamt für Flüchtlinge und Migration noch von den Wohlfahrtsverbänden konnten die zusätzlichen Aufgaben mit dem vorhandenen Personal bewältigt werden.

Zusätzlicher Personalbedarf

Die Auswertung der Daten der Bundesagentur für Arbeit, die das IAB für seinen Bericht herangezogen hat, beweist: Der zusätzliche Personalbedarf ist vor allem im öffentlichen Bereich groß. In der öffentlichen Verwaltung lag er im März 2016 um 108,2 Prozent über der Arbeitskräftenachfrage im gleichen Monat des Vorjahres; für Sprachlehrer*innen geht das IAB im gleichen Zeitraum sogar von einer Steigerung der Nachfrage um 370 Prozent aus. „Betrachtet man die überdurchschnittliche Entwicklung des Vorjahreswachstums in diesen Berufen, so dürften die zusätzlichen Beschäftigungszuwächse im mittleren fünfstelligen Bereich liegen,“ lautet das Fazit des IAB.

Bessere Personalausstattung

Die Zahlen stützen die Prognosen der Arbeitsmarktforscher und ebenso die ver.di-Forderungen, den öffentlichen Dienst und alle anderen Branchen, die die Flüchtlingsversorgung übernehmen, zu stärken. Weil die zusätzlichen Aufgaben für die Beschäftigten in den Dienststellen, Ämtern und Verwaltungen, die für die Flüchtlinge zuständig sind, schon im Herbst 2015 erkennbar waren, hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft bei ihrem Bundeskongress in Leipzig bereits eine bessere Personalausstattung in diesen Bereichen angemahnt (Antrag zum ver.di-Bundeskongress 2015). ver.di fordert eine leistungsgerechte Entlohnung im öffentlichen Dienst ebenso wie mehr Stellen (siehe: https://www.verdi.de/themen/geld-tarif/tarifrunde-oed-2016) – nicht zuletzt in den Bereichen, die mit der Integrationsaufgabe direkt oder indirekt beschäftigt sind.

Integration braucht starke Kommunen

Gerade für die Kommunen sind die Herausforderungen in den nächsten Monaten absehbar groß. Sie werden nur dann in der Lage sein, die Integration der Geflüchteten zu meistern, wenn die notwendigen Finanzmittel – auch für den Wohnungsbau – zügig den Anforderungen angepasst und langfristig gesichert werden.

Für eine erfolgreiche Integration sind neben dem Ausbau tragfähiger kommunaler Strukturen die personelle Stärkung der Arbeitsverwaltung und der Ausbau von Sprachkursen dringend vonnöten (sopoaktuell Nr. 235). Der rasche Erwerb der deutschen Sprache – am besten verbunden mit einer Feststellung der im Heimatland erworbenen Kompetenzen – ist und bleibt vordringlich (sopoaktuell Nr. 238), wenn verhindert werden soll, dass Geflüchtete bei uns in prekäre Jobs abgedrängt werden. (https://www.verdi.de/themen/internationales/++co++6365f1cc-7341-11e5-bc68-5254008a33df).

Kultur der Begegnung

Die Erfahrungen der letzten Monate zeigen: Die Willkommenskultur des Sommers 2015 lässt sich dauerhaft zu einer Kultur der Begegnung weiter entwickeln. Unsere Gesellschaft ist fähig zu Hilfe und Solidarität.

Das große zivilgesellschaftliche Engagement der Sommer-Wochen muss dabei nachhaltig durch einen professionell und personell gut aufgestellten öffentlichen Dienst aufgefangen werden. Gemeinsam lassen sich die Herausforderungen der Einwanderungsgesellschaft gestalten. So werden am Ende alle profitieren – und das ist keinesfalls nur volkswirtschaftlich gemeint.