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Zukunft der Arbeit

Zukunft der Arbeit

ver.di-Workshop zur Erwerbshybridisierung am 25.11.2016 in Berlin ver.di

Gewerkschaften sind die ersten, die bemerken, wenn sich die Arbeitswelt ändert. Das belegt einerseits das soeben erschienene Buch „Die digitale Treppe“ von ver.di-Bundesvorstandsmitglied Lothar Schröder, das zeigen andererseits zahlreiche aktuelle Studien der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung – zuletzt das spannende Arbeitspapier von Wieteke Conen, Joop Schippers und Karin Schulze Buschoff über Solo-Selbstständigkeit im deutsch-niederländischen Vergleich (WSI working paper Nr. 206/Dezember 2016).

ver.di-Workshop zur Erwerbshybridisierung am 25.11.2016 in Berlin
ver.di

Im Mittelpunkt vieler Beobachtungen steht eine große Veränderung: Mit der fortschreitenden Digitalisierung kommt es im Erwerbsverlauf immer häufiger zu Vermischungen von abhängiger und selbstständiger Arbeit. „Erwerbshybridisierung“ ist der Fachbegriff für diese Entwicklung. Unübersehbar gibt es immer mehr Menschen, die im Erwerbsverlauf zwischen abhängiger Beschäftigung und Solo-Selbstständigkeit wechseln (so das IfM in einer exzellenten Sekundärauswertung des Nationalen Bildungspanels), immer mehr Menschen machen sich selbstständig und bleiben parallel in einer Teilzeitstelle angestellt (z. B. im Friseurhandwerk). Immer mehr Arbeitsvertragsverhältnissen sieht man es auf den ersten Blick nicht mehr an, ob sie eine abhängige sozialversicherungspflichtige oder eine selbstständige Honorartätigkeit sind (das gilt z. B. für den künstlerischen und den Design-Bereich).

Die Einbeziehung des Einkommens aus selbstständiger Arbeit in die Rentenversicherung kann nicht auf die lange Bank geschoben werden. Die Arbeitnehmerinnen von morgen brauchen als digitale Nomaden eine soziale Absicherung, die sich an ihren hybriden Erwerbsverläufen orientiert. Sie darf nicht länger exklusiv auf die Erwerbsbiografie des Industriearbeiters des 20. Jahrhunderts zugeschnitten sein.

Die Möglichkeiten, Teile der eigenen Arbeitskraft selbst zu „vermarkten“, werden durch die Digitalisierung größer und für etliche (junge) Menschen immer attraktiver oder aber auch zu einer Notwendigkeit. Arbeiten 4.0 heißt: Auf Plattformen suchen IT-Fachleute nach Aufträgen (Motivationen und Durchsetzung von Interessen auf kommerziellen Plattformen. Ergebnisse einer Umfrage unter Kreativ- und IT-Crowdworkern von Ayad Al-Ani und Stefan Stumpp) werden immer öfter auch Taxidienste und Reinigungsarbeiten vermittelt, verbreitet sich Crowd- und Clickwork als neue Formen der Selbstständigkeit (Weißbuch 4.0/BMAS).

Die seismographische Beobachtung der Veränderungen ist für die gewerkschaftliche Tarifarbeit von zentraler Bedeutung, sie hat zugleich aber auch erhebliche Bedeutung für die Entwicklung zukunftsweisender arbeitsmarkt- und sozialpolitischer Forderungen.

Daher hat das Ressort Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der ver.di nun (am 25. November 2016) in Berlin einen Dialog-Workshop zur „Erwerbshybridisierung“ durchgeführt – gemeinsam mit dem Arbeitskreis „Die Arbeit der Selbstständigen“ in der Sektion „Arbeits- und Industriesoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Hans Pongratz, Andrea Bührmann und Uwe Fachinger waren gemeinsam mit Eva Welskop-Deffaa die Initiatoren des Treffens. Interdisziplinär folgten Betriebs- und Volkswirt_innen der Einladung ebenso wie Soziolog_innen, Richter und ver.di-Kolleg_innen.„Die sozialpolitischen Antworten auf hybride Erwerbsverläufe zu gestalten ist eine der drängenden Herausforderungen, wenn wir Altersarmut auch morgen vermeiden und unser Sozialversicherungssystem zukunftsfest machen wollen“, bilanzierte Eva Welskop-Deffaa die Debatten des Praxis-Wissenschafts-Dialogs.

ver.di-Workshop zur Erwerbshybridisierung am 25.11.2016 in Berlin ver.di

Der Präsident des Bundessozialgerichts Rainer Schlegel unterstützte die sozialversicherungsrechtlichen Herausforderungen der neuen Arbeitswelt, indem er die langen Linien der Sozialrechtssetzung nachzeichnete, Karin Schulze Buschoff vom WSI zeigte Handlungsmöglichkeiten auf, die sich aus dem EU-Rechtsvergleich ableiten lassen. Veronika Mirschel aus der ver.di-Bundesverwaltung berichtete über die Einführung der Künstlersozialkasse und die Beratungsarbeit der ver.di-Selbstständigen.

Die Beiträge des Workshops sollen im Frühjahr 2017 als Sammelband bei Springer erscheinen.