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„Wem gehört die Zeit?“– Arbeitszeitregelungen und Arbeitsschutz

„Wem gehört die Zeit?“– Arbeitszeitregelungen und Arbeitsschutz

Mit der Globalisierung und Digitalisierung der Arbeit ist auch die Arbeitszeit stärker in den Fokus der politischen Debatte gerückt. Arbeit 4.0 ist im Grunde die Entgrenzung von Zeit und Raum. Es wird mehr Flexibilität bei der Arbeit gefordert, die täglichen Arbeits- und Ruhezeiten werden infrage gestellt. In der Konsequenz bedeutet dies, dass sich der Mensch an die Arbeit anzupassen hat. Das widerspricht aber diametral dem Arbeitsschutzgesetz, welches eine menschengerechte Gestaltung der Arbeit fordert.

„Wer mehr als acht Stunden am Tag arbeitet, lebt gefährlicher.“ Das hat Professor Dirk Windemuth, Institutsleiter der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) in einem Interview gesagt. Dieser Satz weist auf das zentrale Problem der fehlenden Erholungsfähigkeit hin, die zu einer Kumulierung negativer Effekte und zu einer stärkeren Gefährdung sowohl der Sicherheit als auch der Gesundheit bei der Arbeit führt. In dem Zusammenhang hat auch die Ruhezeit eine wichtige Bedeutung: „Es gibt Hinweise darauf, dass diese Zeit wichtig ist, um wirklich von der Arbeit abzuschalten“, betont auch Windemuth. Flexibles Arbeiten im Homeoffice zum Beispiel stelle deshalb auch ein Risiko dar, das beachtet werden müsse.

ver.di hatte genau aus diesen Gründen auf dem Bundeskongress 2015 bekräftigt, dass die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen arbeitswissenschaftlich begründet sind und somit dem Gesundheitsschutz der Beschäftigten dienen. Die menschliche Natur passt sich demzufolge eben nicht so einfach den rasanten technischen Entwicklungen an und reagiert im wahrsten Sinne „verschnupft“: zunächst mit Beschwerden, dann mit Erkrankungen.

Die aktuellste WSI-Betriebsrätebefragung von 2016 hat ergeben, dass die Arbeitsbedingungen derzeit am stärksten von Termin- und Zeitdruck sowie einer deutlichen Zunahme von Arbeitsintensität und Eigenverantwortung bei der Arbeit geprägt sind. Als Folge davon liegt das Niveau der unbezahlten Mehrarbeit deutlich und konstant über dem Niveau der bezahlten Überstunden. Wichtigstes Thema der Zukunft sei deshalb eine Anpassung der Personalbemessung an den tatsächlichen Bedarf, so die Wissenschaftler des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, die die Befragung durchführen und auswerten.

Dass die Personalbemessung und die tatsächliche Arbeit übereinstimmen sollen, ist auch Inhalt des Arbeitsschutzgesetzes. Dieses fordert in § 5 eine Ermittlung von Gefährdungen durch das Zusammenwirken von Arbeitsabläufen und Arbeitszeit und durch psychische Belastungen bei der Arbeit und daraus folgend die Festlegung wirksamer Maßnahmen zur Reduzierung dieser Gefährdungen. Und die betriebliche Interessenvertretung ist dabei zu beteiligen. ver.di bietet hierfür eine Vielzahl von Fortbildungen im Seminarprogramm 2018 „Arbeits- und Gesundheitsschutz“ an. Zudem hat ver.di eine Online-Handlungshilfe zur Gefährdungsbeurteilung erarbeitet, empfehlenswert ist aber auch die der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA). (https://www.gda-portal.de/de/Fuer-Betriebe/Fuer-Betriebe_content.html).

Das Arbeitsschutzgesetz ist verpflichtend für alle Betriebe in Deutschland – es wird aber nach wie vor nur unzureichend umgesetzt. Die betriebliche Mitbestimmung muss deshalb durch eine rechtsverbindliche Beteiligung der Interessenvertretung bei der Gefährdungsbeurteilung unterstützt und die arbeitswissenschaftliche Forschung zu allen Fragen der Arbeitsverdichtung verstärkt werden. ver.di fordert zudem eine deutliche Personalaufstockung der Gewerbeaufsicht zur Beratung und Überwachung der Betriebe und eine schärfere Nachverfolgung mangelhafter Gefährdungsbeurteilungen, die bei Nichteinhaltung auch mit Sanktionen geahndet werden müssen.

Weitergehende Literatur: