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Arme Eltern, arme Kinder

Arme Eltern, arme Kinder

Der Armutskongress in Berlin beleuchtete auch die „vererbte“ Armut von Kindern und Jugendlichen.

Die Zahl armer oder von Armut bedrohter Kinder und Jugendlicher nimmt in Deutschland seit Jahren zu. Derzeit leben mehr als 2,5 Millionen Kinder in Armut. 2015 galten rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren als arm. In der Altersgruppe der 18- bis unter 25-Jährigen trifft das sogar auf jeden vierten jungen Erwachsenen zu.

Einer der Gründe für die anhaltend hohe Zahl von armen Kindern ist der, dass Eltern in Deutschland ihren sozialen Status "vererben". Mehrere OECD-Studien belegen, dass die Aufstiegschancen von Kindern aus schwierigen sozialen Verhältnissen in Deutschland deutlich schlechter sind als in anderen europäischen Ländern, egal, welche Fähigkeiten sie aufweisen.

Um dieser Ungerechtigkeit entgegenzuwirken, hat der Paritätische Gesamtverband auch dieses Jahr gemeinsam mit verschiedenen Kooperationspartnern (u. a. DGB, PRO ASYL; Deutscher Kinderschutzbund, Verband alleinerziehender Mütter und Väter) im Juni den Armutskongress in Berlin ausgerichtet, bei dem auch der alljährliche Armutsbericht veröffentlicht wurde. Dort ist nachzulesen, dass 2015 in Deutschland nicht nur die Wirtschaftskraft, also der Reichtum, mittelbar gestiegen ist, sondern auch die Armut: die Armutsquote liegt aktuell bei 15,7 Prozent (neuere Zahlen als die von 2015 liegen noch nicht vor). Das ist ein „neuer Höchststand“ in einem Land, das zu den reichsten der Welt gehört und spricht für die Tatsache, dass der „wachsende gesamtgesellschaftliche Reichtum mit zunehmender Ungleichheit und Abkopplung einer immer größer werdenden Zahl von Menschen vom allgemeinem Wohlstand einhergeht“, so die Autor*innen des Berichts.

Der Niedriglohnsektor ist weiblich

Zu den Risikogruppen gehören vor allem Frauen und ihre Kinder: Alleinerziehende sind am stärksten von Armut betroffen. So wächst die Hälfte aller in Armut lebenden Kinder bei Alleinerziehenden auf.

Ein weiteres Ergebnis des Berichts: Immer mehr Menschen sind trotz Arbeit arm. Obwohl die Erwerbstätigenquote steigt, nimmt die Armutsquote stetig zu. Das liegt vor allem daran, dass immer mehr Menschen und insbesondere Frauen im Niedriglohnsektor und in Teilzeit arbeiten. Die Armut, die als Folge daraus für Frauen und Kinder Realität ist, setzt sich auch im Alter fort: bereits heute liegt das Armutsrisiko von Frauen, die über 65 Jahre und älter sind, bei 16 Prozent. Diese Zahlen werden, wenn wir keinen Kurswechsel in der Rentenpolitik durchsetzen können, noch weiter steigen. Schließlich ist das Erwerbseinkommen die Größe, die die Altersvorsorge bestimmt. Erziehungs- und Pflegetätigkeiten, die sogenannte Care- oder Sorgearbeit, die noch immer überwiegend von Frauen geleistet wird, werden bislang kaum im Rentenrecht berücksichtigt. Hinzu kommt, dass private Vorsorge für die wenigsten Alleinerziehenden im Bereich des Möglichen liegt – zu gering sind deren finanzielle Spielräume. Ein Kind oder mehrere großzuziehen oder die Eltern zu pflegen, hat also nicht nur akute Auswirkungen auf die finanzielle Lage der Frauen während dieser Lebensabschnitte, sondern wirkt sich auf den gesamten Lebensverlauf und insbesondere auf die Rente aus.

Teufelskreise durchbrechen

Kinder und Jugendliche, die in Armut aufwachsen, werden nicht selten später selbst Erwachsene, die arm sind. Sie werden dann oft wiederum arme Eltern. Dieser „vererbten“ Armut müssen wir in Deutschland, in einem der reichsten Länder der Welt, endlich strukturell begegnen!

Der Workshop "Raus aus der Bildungsarmut: Bildungschancen durch Verteilungsgerechtigkeit?”, eingeleitet von Impulsbeiträgen von Prof. Dr. Ronald Lutz, von der FH Erfurt und dem Kinderschutzbund Thüringen und Cornelia Kavermann, Arbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte Bottrop e.V. , ging der Frage nach, wie etwa verteilungspolitische Korrekturen staatlicherseits, sei es durch eine deutliche Anhebung von unteren Löhnen und insbesondere des Mindestlohnes oder aber besserer Transferleistungen für das untere Einkommenssegment, endlich strukturelle Verbesserungen für Kinder und Jugendliche bringen können.

 „Die Kinderarmut in Deutschland ist weiter skandalös hoch”, sagte Ronald Lutz, “und in fast allen Bereichen, die mit armen Kindern in Kontakt kommen, gibt es kein Verständnis für diese Armut und ihre nicht nur psychosozialen Folgen.” Er forderte neben mehr Armutssensibilität auch endlich wirklich wirksame Maßnahmen: steuerliche Umverteilung und wirksame Gegenmaßnahmen zur steigenden prekären Beschäftigung.

Kinderarmut führt zu zahlreichen Benachteiligungen in vielen Lebenslagen – und das mit gravierenden Folgen. Die Kinder haben keinen gleichberechtigten Zugang zu Bildung und zu Freizeitaktivitäten und sind damit von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Der Teufelskreis beginnt.

Ob finanzielle Zuschüsse des Staates bei einem Kind ankommen, hängt in Deutschland stark an der Lebensform der Eltern –alleinerziehend, zusammenlebend mit oder ohne Trauschein – nicht an ihrer Leistungsfähigkeit, konstatiert auch der Soziologe Hans Bertram in einer aktuellen Studie für die UNICEF. Damit verstoße Deutschland aus seiner Sicht gegen die Kinderrechtskonvention der UN, zu der sich Deutschland verpflichtet habe: Alle Kinder müssten unabhängig von ihrer Herkunft die gleichen Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe und Entwicklung bekommen. Auch die Implementierung der Kinderrechte ins Grundgesetz könnte den vielen betroffenen Kindern helfen, damit endlich vorliegende bildungs-, sozial- und arbeitsmarktpolitische Handlungsansätze politisch umgesetzt werden, so der Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbands.

Der Impulsbeitrag von Cornelia Kavermann, von der Arbeitsgemeinschaft Soziale Brennpunkte Bottrop e. V, war stärker praxisorientiert, aber ebenso alarmierend. Ihren Kampf gegen die Armut in NRW beschrieb die Leiterin einer Familienhilfeeinrichtung (Familienzentrum Rappelkiste, stadtteilhaben, Batenbrock) als Sisyphusarbeit. „Der Bildungserfolg von Kindern in Deutschland hängt immer noch von der Postleitzahl ab“, sagte sie. Es müsse dringend mehr Geld in die Bildung gesteckt werden, Deutschland liege mit seinen Bildungsausgaben im internationalen Vergleich auf dem 25. Rang. Kavermann betonte auch, dass Kinder mit Zuwanderungsgeschichte (trotz guter Bildungsabschlüsse) es besonders schwer haben und unsere besondere Unterstützung brauchen. Elternbildung, Partizipation, Mitbestimmung und eine Haltung, die alle willkommen heißt, zählen zu ihren Erfolgsrezepten in der praktischen Arbeit in Bottrop.

Einig waren sich die zahlreich mitdiskutierenden Workshopteilnehmer*innen, dass in Deutschland noch viel zu tun bleibe, um die skandalös hohe Armutsquote und ihre Folgen zu bekämpfen. Auch ver.di setzt sich seit Jahren für eine effektive und strukturelle Armutsbekämpfung ein, damit es für Kinder Chancengleichheit unabhängig von ihrer Herkunft gibt. Dabei ist Integration in Gute Arbeit aus Sicht von ver.di eine Grundvoraussetzung zur Armutsbekämpfung (siehe sopoaktuell Nr. 256).

Prekäre Arbeit muss zurückgedrängt und in reguläre Arbeit umgewandelt werden. Minijobs müssen in die Sozialversicherungspflicht einbezogen werden. Notwendig ist zudem eine qualitative und quantitative Ausweitung der Förderangebote, insbesondere von abschlussorientierten Bildungsmaßnahmen. Eine intensive, verstärkte Förderung muss es auch für langzeiterwerbslose Eltern geben, da die Erwerbslosigkeit beider Elternteile die zentrale Ursache für Kinderarmut ist.