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    ver.di-Frauen fordern „Kurswechsel“ in der Rentenpolitik - Rentenniveau …

    ver.di-Frauen fordern „Kurswechsel“ in der Rentenpolitik - Rentenniveau stabilisieren

    Eva Welskop-Deffaa, 12. Frauenalterssicherungskonferenz 06.09. in Berlin. Matthias Reichelt

    Am 6. September starteten der DGB und seine Einzelgewerkschaften ihre gemeinsame Rentenkampagne. Und am gleichen Tag fand – nur wenige Auto-Minuten entfernt – die 12. Frauen-Alterssicherungskonferenz der ver.di statt. Eine Steilvorlage für ver.di-Chef Frank Bsirske, der vom DGB-Termin unverzüglich zur ver.di-Bundesverwaltung fuhr. Vor 200 hochmotivierten Frauen bekräftigte Bsirske die Botschaft der Kampagne: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Rentenpolitik! Statt Beitragssatzstabilität geht es um die Verlässlichkeit auskömmlicher Leistungen aus der gesetzlichen Rente – gerade auch für Frauen!

    Eva Welskop-Deffaa und Stefanie Nutzenberger, im ver.di-Bundesvorstand zuständig für Sozial- und Frauenpolitik, hatten – wie in den Vorjahren – gemeinsam zur Frauen-Alterssicherungskonferenz eingeladen. Insbesondere Frauen sind im Rentenalter von Existenznöten betroffen, ihre Renten liegen spürbar unter denen der Männer und daher – bei sinkendem Rentenniveau – oft nur knapp über den Leistungen der Grundsicherung im Alter. Junge Frauen zweifeln beim Blick auf die Statistiken der Deutschen Rentenversicherung, ob es sich überhaupt lohnt, in dieses System einzuzahlen. Gegen diese Zweifel braucht es ein klares Signal! Wir brauchen, das bekräftigten die ver.di-Frauen mit großem Nachdruck, ein Ende des Sinkflugs des Rentenniveaus und ein Rentenrecht, das die Lücken in den Versicherungsbiografien der Frauen schließt. Vernehmlich und kämpferisch bekräftigte so die 12. Frauen-Alterssicherungskonferenz die Marschrichtung der DGB-Rentenkampagne!

    Große Resonanz
    Der Einladung zur 12. Frauen-Alterssicherungskonferenz waren rund 200 Frauen gefolgt; und zwei Hände voll Männer waren ebenso interessiert an dem Programm, das eine bunte Mischung bot. Vorträge und Podiumsgespräche erläuterten die rentenpolitischen Fakten, beschrieben die Auswirkungen von politischen Einschnitten und machten anhand persönlicher Lebensberichte deutlich, was „Prekarisierung und Hybridisierung“ des Erwerbslebens für die Rente von Frauen bedeutet. Mit einer gemeinsamen Erklärung konstituierte sich zugleich ein „Frauen-Bündnis gegen Altersarmut“, in dem acht Organisationen einen rentenpolitischen Appell an die Politik richten.

    Rente - Spiegel des Erwerbslebens
    „Die Rente ist das Spiegelbild des Erwerbslebens. Und nach wie vor haben Frauen nicht die gleichen Einkommenschancen wie Männer“, betonte Eva Welskop-Deffaa, im ver.di-Bundesvorstand zuständig für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.“ Stefanie Nutzenberger, im ver.di-Bundesvorstand verantwortlich für Frauenpolitik, ergänzte: „Altersarmut hat ein Gesicht - und das ist weiblich: Ihr Einkommen - und damit ihr Alterseinkommen - ist häufig geringer. Mit der heute ins Leben gerufenen Initiative „Frauen-Bündnis gegen Altersarmut“ wird sich ver.di gemeinsam mit mehreren Frauenverbänden und -vereinen aktiv gegen die Altersarmut und für ein existenzsicherndes Einkommen von Frauen engagieren.“

    Nachdem Stefanie Nutzenberger zur Eröffnung der Tagung die verschiedenen Ursachen für das besondere Alterssicherungsrisiko von Frauen bereits skizziert hatte –  die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, die schlechtere Bezahlung in den sogenannten frauentypischen Berufen, prekäre Beschäftigung, Teilzeit und Minijobs – hielt Jutta Schmitz vom Institut Arbeit und Qualifikation IAQ (Duisburg) den Hauptvortrag des Vormittags. Jutta Schmitz hatte bereits beim Bundeskongress in Leipzig 2015 die Kongress-Teilnehmerinnen auf die anstehende Rentenkampagne eingeschworen. Sie erläuterte in Berlin die komplizierten Fakten eingänglich – und gelegentlich sogar lustig. Die Fachfrau stellte heraus, dass die Berechnungslogik der Rente immer noch von einer „Normalbiografie“ ohne Unterbrechungen ausgeht. Die sogenannte „Eckrente“ vernachlässigt die geschlechtsspezifischen Unterschiede, das sinkende Rentenniveau reduziert den Abstand zwischen Grundsicherung und Altersrente.

    Die kritische Entwicklung sei „handgemacht“ und „politisch gewollt“, so Jutta Schmitz, auch wenn die Einflussfaktoren der Rentenformel, die das Sinken des Rentenniveaus bewirken, in dem mathematischen Ungetüm zum Teil gut versteckt seien. Die in den letzten 15 Jahren durchgesetzten Gesetzesänderungen, das machte ihre Darstellung der rechtlichen und politischen Entscheidungen sichtbar, haben vor allem für Frauen drastische Folgen und müssen dringend revidiert werden. Es bestehe wenig Hoffnung, dass die steuerlich geförderte private (Riester-)Rente und die beitragsfreie Entgeltumwandlung die Lücken schließen könnten, die durch die Einschnitte bei der gesetzlichen Rente gerissen wurden. Gerade für Frauen sei die Stärkung der gesetzlichen Rente die einzige wirklich verlässliche Option in der Alterssicherungspolitik.

    Ausgespannt zwischen Prekarisierung und Hybridisierung
    Unter der Überschrift „Reicht die Rente noch zum Leben? Lebensverläufe von Frauen", bat Eva Welskop-Deffaa im Anschluss an den Vortrag von Jutta Schmitz sechs Frauen auf die Bühne, die aus ihrem (Arbeits-)Leben und den Auswirkungen auf die Alterssicherung berichteten. Die Konsequenzen und Effekte ihrer ganz unterschiedlichen Biografien in sehr verschiedenen Branchen waren am Ende bedrückend ähnlich: Familienarbeit, Erwerbsminderung, Erwerbslosigkeit, Selbstständigkeit, Lohnungleichheit und Migration verknüpften sich zu Lücken in den Versicherungsbiografien, die eine auskömmliche Rente kaum erwarten lassen. Die Lebensgeschichten von Renate Brauer, Karin Mohr, Angelika Hoffmann, Anja Vorspel, Vera Zarwel und Hilary Bown machten deutlich: Alt und Jung, Ost und West, mit Kinder und ohne, mit oder ohne Erwerbsphasen im Ausland – Frauenerwerbsbiographien sind aufgespannt zwischen Prekarisierung und Hybridisierung des Erwerbslebens. Frauen verdienen im Minijob zu wenig, um ordentlich fürs Alter vorsorgen zu können und zahlen nicht regelmäßig in die Rentenversicherung ein, wenn sich abhängige und selbstständige Tätigkeiten abwechseln. Die Lohnlücke potenziert sich so zu einer Rentenlücke, die in Deutschland im Vergleich zu den Renten der Männer bei 59 Prozent klafft.

    12. Frauenalterssicherungskonferenz 06.09.2016 in Berlin Matthias Reichelt

    Interessant war jede einzelne Geschichte, besonders eklatant allerdings war das Beispiel von Hilary Bown, die mit 35 Jahren jüngste Gesprächspartnerin auf dem Podium. Ihre Geschichte, die Probleme mit der Anerkennung der im Ausland erworbenen Abschlüsse, der Qualifikation und der Ausländerbehörde, die sie von einer Beschäftigung in einer Kita trotz abgeschlossenem Master in Politikwissenschaft in die Selbstständigkeit zwangen, zeigte sehr gut, wie migrationsbedingte Lücken auf Erwerbschancen und Rente Einfluss nehmen. (Kurzporträts betroffener Frauen finden sich auch unter www.rente-staerken.verdi.de.)

    Rente muss zum Leben reichen
    Nach der Mittagspause sprach Frank Bsirske, von der Pressekonferenz zum Start der großen DGB-Rentenkampagne in die ver-di-Bundesverwaltung zurückgekehrt, mahnende Worte.„Die drohende Altersarmut ist eine tickende soziale Zeitbombe. Es ist ein absolutes Muss, für mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Die Rentenpolitik steht da ganz oben auf unserer Agenda “, betonte der ver.di-Vorsitzende. „Die Talfahrt des gesetzlichen Rentenniveaus muss gestoppt werden, das Rentenniveau stabilisiert und wieder angehoben werden. Die gemeinsame Rentenkampagne im DGB macht deutlich: Das Thema Rente geht alle an – wir werden nicht locker lassen, bis sich die Politik auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zubewegt. Wir brauchen ein Rentenniveau, das für alle, die über viele Jahre von ihren Löhnen Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt haben, im Alter ein Leben in Würde gewährleistet,“ so Bsirske

    Frank Bsirske auf der 12. Frauen-Alterssicherungskonferenz Matthias Reichelt Frank Bsirske

    Bündnisse gegen Altersarmut
    Auswege aus der drohenden Rentenfalle zu suchen, das ist eine der drängenden politischen Fragen, die ver.di und alle unter dem Dach des DGB zusammengeschlossenen Gewerkschaften angehen! Erfolge werden nur gemeinsam und im Bündnis mit weiteren Partnern zu erzielen sein. Das „Frauen-Bündnis gegen Altersarmut“, in dem acht Organisationen einen rentenpolitischen Appell an die Politik richteten, bekräftigte die wesentlichen Forderungen des DGB. Von der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros über den Verband alleinerziehender Mütter bis zum Katholischen Deutschen Frauenbund hat ver.di ein breites Spektrum von Partnerinnen versammelt. Mit den im Deutschen Frauenrat und im DGB organisierten Frauen, die am Bündnis beteiligt sind, unterstützen mehrere Millionen Frauen die Forderungen. Sie wollen bis zur Bundestagswahl den Druck auf die Politik erhöhen und sich auch für eine bessere rentenrechtliche Anerkennung von Sorgearbeit einsetzen. 

    Material zum Nachlesen und Nachschauen

    Pünktlich zur Frauenalterssicherungskonferenz erschien die neue Ausgabe der Sozialen Sicherheit (Nr. 8/2016). Sie thematisiert im Schwerpunktthema die großen Lücken, die Solo-Selbstständigkeit bei der sozialen Sicherung vor allem von Frauen reißt. ver.di-Frau Eva Welskop-Deffaa hat mit ihrem Artikel „Erwerbshybridisierung oder Altersarmut 4.0“ einen spannenden Beitrag für das Heft geliefert.

    Für die Bildungsarbeit zum Thema „Altersarmut und Rentenniveau“ eignet sich weiterhin besonders gut der Cartoon-Film des ver.di-Bundeskongresses 

    Weitere aktuelle Informationen zum Thema Alterssicherung auf unserer Website.

    Siehe auch: "Altersarmut ist eine tickende Zeitbombe" (weitere Informationen des ver.di-Bereichs Frauen- und Gleichstellungspolitik zur 12. Frauen-Alterssicherungskonferenz)