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Berufliche Weiterbildung als Chance für eine inklusive Arbeitswelt

Berufliche Weiterbildung als Chance für eine inklusive Arbeitswelt

ver.di bleibt am Ball

Für den Zugang zum ersten Arbeitsmarkt ist Bildung von enormer Bedeutung. Das gilt für die Ausbildung ebenso wie für die Weiterbildung. Das gilt für Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen. Teilhabepolitik als soziale Lebenslaufpolitik gewerkschaftlich zu gestalten setzt daher voraus, Menschen mit Behinderung gleiche Chancen auf Bildung im Lebenslauf zu eröffnen. ver.di hat die inklusive Gestaltung von Aus- und Weiterbildung  zum teilhabepolitischen Arbeitsschwerpunkt gemacht. Am 16. November geht es bei der teilhabepolitischen Fachtagung 2016 um die Weiterbildungschancen von Menschen mit einer Behinderung, nachdem 2015 die berufliche Erstausbildung auf der Tagesordnung stand.

Auf der teilhabepolitischen Fachtagung der ver.di 2015 zeigte sich, dass in den Betrieben und Dienststellen erhebliche Informationsdefizite über die staatlichen Unterstützungsangebote bei der Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung bestehen. Alle Teilnehmenden der Fachtagung waren sich einig, dass sich auf diesem Feld noch viel bewegen muss, denn alle Menschen haben ein Recht auf Bildung. Dies kann nur gelingen, wenn alle beteiligten Akteure an einem Strang ziehen. Neben starken Gewerkschaften, Schwerbehindertenvertretungen und Betriebs- und Personalräten bedarf es vor allem des Willens aller beteiligten Akteure, wirklich für eine inklusive Arbeitswelt einzutreten.

Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, identifizierte als Gastrednerin der ver.di-Tagung 2015 neben der Ausbildung auch die berufliche Weiterbildung als wichtiges Handlungsfeld im Rahmen der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Diese garantiert „Menschen mit Behinderungen wirksamen Zugang zu allgemeinen fachlichen und beruflichen Beratungsprogrammen, Stellenvermittlung sowie Berufsausbildung- und Weiterbildung zu ermöglichen.“ Auch wenn es - vergleichbar mit den Verbesserungen bei der Ausbildung von Jugendlichen mit Behinderung - bereits gute Beispiele von betrieblicher Weiterbildung und Qualifizierung von Menschen mit Behinderung gibt, ist der Handlungsbedarf im Hinblick auf eine inklusive Integration in der beruflichen Fort- und Weiterbildung insgesamt erkennbar noch sehr groß.

Der (Weiter-)Bildung kommt vor dem Hintergrund der Herausforderungen einer sich dynamisch verändernden „Arbeitswelt 4.0“, den mit einer gesundheitlichen Einschränkung oder Behinderung verbundenen Beschäftigungsrisiken und einer älter werdenden Gesellschaft eine immer wichtigere Rolle zu. Denn die digitalisierungsgetriebene Dynamik in der Arbeitswelt, bekommen die Beschäftigten zunehmend stärker zu spüren – im betrieblichen Alltag und beim Jobverlust.

Ein Bedarf an Bildung und Weiterbildung besteht für Menschen mit Behinderung ebenso wie für Menschen ohne Behinderung ein Leben lang. Nicht selten jedoch führt eine gesundheitliche Einschränkung oder Behinderung dazu, dass es nicht mehr möglich ist, den erlernten oder bisher ausgeübten Beruf weiterhin auszuführen. Wenn eine bedarfsgerechte Anpassung und Ausgestaltung des bisherigen Arbeitsplatzes nicht möglich ist, wird eine berufliche Veränderung oft unumgänglich. Um sich im Betrieb oder auf dem Arbeitsmarkt neue Chancen zu eröffnen, kann es dann notwendig sein, einen neuen Beruf zu erlernen und sich weiter zu qualifizieren. Der beruflichen Weiterbildung, als eine wichtige Form des lebenslangen Lernens, kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Durch sie werden berufliche Qualifikationen erneuert und erweitert.

Zur  inklusiven Gestaltung des Arbeitslebens  gehört deshalb die Befähigung der Kollegen und Kolleginnen, selbstbestimmt am Ball zu bleiben. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die Weiterbildungsangebote uneingeschränkt auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich sind. Die Realität sieht jedoch bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit Behinderung häufig anders aus. Den Gewerkschaften und den betrieblichen Interessensvertretungen kommt bei der Ausgestaltung inklusiver Weiterbildungsbedingungen eine wichtige Rolle zu. Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen können und müssen dort gegensteuern, wo einzelne Beschäftigtengruppen an den Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung nicht oder nur ungenügend teilhaben oder aufgrund der nicht barrierefreien Gestaltung ausgeschlossen werden.

Weiterbildung spielt nicht nur in den Betrieben und Dienststellen eine wichtige Rolle. Sie gibt auch erwerbslosen Kolleginnen und Kollegen die Chance, wieder im ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. So hat der ver.di-Bundeskongress 2015 beschlossen, dass „bei der Betreuung von Arbeitslosen mit einer Behinderung […] der Fokus verstärkt auf qualifizierte Weiterbildung gelegt werden [muss], dazu gehören auch der Erwerb von anerkannten Berufsabschlüssen. Denn Qualifizierung und Bildung sind zentrale Punkte, um eine nachhaltige Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen.“

Der ver.di-Forderung nach einer stärkeren Fokussierung auf Weiterbildung wollen wir Nachdruck verleihen.  Aus diesem Grund findet die diesjährige teilhabepolitische Tagung von ver.di am 16. November in der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin unter dem Motto „Weiterbildung und Qualifizierung für Menschen mit Behinderung: Chancen und Herausforderungen für eine inklusive Arbeitswelt“ statt. Gemeinsam mit Vertreter*innen der Sozialversicherungen, der Wissenschaft, der Weiterbildungspraxis und mit Kolleginnen und Kollegen, die von ihren praktischen Erfahrungen berichten, wollen wir zeigen, welche Potenziale in Menschen mit Behinderungen stecken und mithilfe welcher Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten eine inklusive Weiterbildung und Qualifizierung ermöglicht werden kann; wo die Probleme liegen, und wie wir diese gemeinsam angehen können. Denn eines ist klar: Bildungshunger und Wissensdurst sind keine Dickmacher, sondern vitalisieren und befähigen den Menschen vielmehr zu einem selbstbestimmten (Erwerbs-)Leben.