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Gesundheitsversorgung in der Einwanderungsgesellschaft

Gesundheitsversorgung in der Einwanderungsgesellschaft

Von Herausforderungen und Zauberwörtern

Es sind große Zukunftsfragen, die am Abend des 26. Aprils in Berlin bei einer Kooperationsveranstaltung von ver.di und der DAK Gesundheit im Mittelpunkt standen. Wenn heute rund 20 Prozent der Bevölkerung Einwanderungsbezüge haben, werden aufgrund der demographischen Entwicklung künftig mehr Menschen mit Migrationshintergrund medizinische und pflegerische Leistungen in Anspruch nehmen. Schätzungen zufolge leben im Jahr 2030 etwa 2,8 Millionen Migrantinnen und Migranten in Deutschland, die 65 Jahre und älter sind.

Frank Bsirske anl. der gemeinsamen Veranstaltung der ver.di mit der DAK Gesundheit zum Thema "Migration und Gesundheit" am 26.4.2016 DAK Gesundheit Frank Bsirske

Damit stellt sich die Frage, ob die Angebote der Gesundheits- und Pflegeinstitutionen der zunehmenden Vielfalt der Bevölkerung entsprechen. ver.di hat die diesbezüglichen Herausforderungen für die Aus- und Weiterbildung von Fachpersonal und die Barrieren, die vielen Menschen den Zugang zu medizinischen und pflegerischen Dienstleistungen erschweren, bereits beim Bundeskongress mit einem eigenen Antrag in den Blick genommen.

Berücksichtigung von Wünschen und Interessen

Staatsministerin Aydan Özoguz anl. der gemeinsamen Veranstaltung der ver.di mit der DAK Gesundheit zum Thema "Migration und Gesundheit" am 26.4.2016 DAK Gesundheit Aydan Özoğuz

Die Staatsministerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration Aydan Özoğuz wies in ihrer Rede auf die Notwendigkeit hin, mehr Menschen mit Migrationsgeschichte in der Pflege zu beschäftigen und die dortigen Arbeitsverhältnisse aufzuwerten, um sie attraktiver zu machen. Basierend auf Untersuchungen im Vorfeld des Integrationsgipfels zu Gesundheit und Pflege stellte sie heraus, dass Migrantinnen und Migranten als Patienten keine separaten Einrichtungen, aber in ihren Wünschen und Bedürfnissen Berücksichtigung finden wollen. „Kultursensible Pflege“ lautet in diesem Zusammenhang das Stichwort, das auch der ver.di Vorsitzende Frank Bsirske in seinem Impulsvortrag aufgriff. Um diesen Anspruch einzulösen, brauche es neben finanziellen auch zeitliche  Ressourcen, so Bsirske. Er stellte die Forderung nach tariflich geregelten Freistellungen des Pflegepersonals für Fortbildungen in kultursensibler Pflege, Antirassismus-Trainings und interkultureller Kompetenz auf.

Mittelschichtorientierung überwinden

Frank Bsirske anl. der gemeinsamen Veranstaltung der ver.di mit der DAK Gesundheit zum Thema "Migration und Gesundheit" am 26.4.2016 DAK Gesundheit  –

Zugleich wies der ver.di Vorsitzende darauf hin, dass diese Problematik im Kern die Frage berührt, wie unser Gesundheitssystem beschaffen ist. Es müsse den hiesigen Gesundheitsdiensten und Krankenkassen zu denken geben, wenn nicht nur viele zugezogene Menschen, sondern sich auch viele Einheimische im Gesundheitswesen nicht ausreichend zurechtfänden: „Die notwendige interkulturelle Öffnung kann insofern dazu beitragen, die Mittelschichtorientierung des deutschen Gesundheitssystems generell zu überwinden“, schloss Bsirske. 

Praktische Beispiele

Eva M. Welskop-Deffaa anl. der gemeinsamen Veranstaltung der ver.di mit der DAK Gesundheit zum Thema "Migration und Gesundheit" am 26.4.2016 DAK Gesundheit Eva M. Welskop-Deffaa

Wie sich die Zugangsbarrieren konkret auswirken, zeigte der Gesundheitswissenschaftler Prof. Oliver Razum von der Universität Bielefeld anhand eines anschaulichen Vergleichs zwischen der Inanspruchnahme der Schwangerenvorsorge von Frauen türkischer Herkunft und der Nutzung von Reha-Maßnahmen durch Migrantinnen und Migranten. Während sich bei Vorsorgeuntersuchungen und Geburtsverläufen kaum Unterschiede zu „deutschen“ Frauen ergeben, zeigen die Untersuchungen zur Teilnahme an der medizinischen Reha ein anderes Bild. Im Gegensatz zur Zugänglichkeit zu den Gesundheitsangeboten für Schwangere erschweren verschiedene Barrieren den Zugang zu Reha-Maßnahmen. Fehlen kultursensible Einstellungen seitens des Personals, trägt dies zu schlechteren Ergebnissen einer Maßnahme bei. Razum konstatierte, dass die interkulturelle Öffnung der Reha-Einrichtungen dringend geboten ist, da die Unterschiede zwischen den Gruppen nicht allein durch soziodemografische und gesundheitliche Faktoren zu erklären seien.

Chance für Geflüchtete

gemeinsame Veranstaltung der ver.di mit der DAK Gesundheit zum Thema "Migration und Gesundheit" am 26.4.2016 DAK Gesundheit  –

Auf die Frage, wie diese Aufgabe umgesetzt werden kann, ging der Pflegepädagoge Dr. Hagen Tuschke vom Institut für berufliche Bildung des Vivantes Netzwerk für Gesundheit aus Berlin ein. Er hob hervor, wie wichtig es sei, die Ressourcen der Mitarbeiter*innen mit Migrationsgeschichte und ihre positive Voraussetzungen für kultursensible Pflege aktiv zu fördern. Gleichzeitig stellte er heraus, dass Integration im Gesundheitswesen auch bedeute, sich an den Bedürfnissen und Lebenslagen der Menschen auszurichten, die zu uns kommen. Diese Aufgabe übertrug er auch auf die Betreuung und Unterstützung der Auszubildenden.

Khaled Davrisch und Mohammed Jouni anl. der gemeinsamen Veranstaltung der ver.di mit der DAK Gesundheit zum Thema "Migration und Gesundheit" am 26.4.2016 DAK Gesundheit Khaled Davrisch (li) und Mohammed Jouni (re)

Mit Mohammed Jouni und Khaled Davrisch stellte er zwei ehemalige Auszubildende vor, die als Kinder mit ihren Eltern aus Syrien nach Berlin geflüchtet sind. Jouni berichtete davon, wie seine Kindheit und Jugend von der Furcht vor Abschiebung aufgrund des unsicheren Aufenthaltsstatus geprägt war. Die Unterstützung durch engagierte Mitarbeiter*innen der Vivantes bedeutete für ihn auch rechtlichen Beistand gegenüber den Ausländerbehörden während der Ausbildung zu erhalten. In charmanter Weise erweiterte er den Blick auf die Herausforderungen, die mit dem Zauberwort der kultursensiblen Pflege verbunden sind.
„Für mich bedeutet kultursensibel, dass ich mich auf die individuellen Bedürfnisse der Patient*innen einlasse, egal woher sie kommen. Die deutschen Patienten haben ja schließlich auch eine Kultur.“