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Arbeitsschutz 4.0 - Kein Helm für den Clickworker

Arbeitsschutz 4.0 - Kein Helm für den Clickworker

Jahrzehntelang galt Deutschland als Vorreiter beim Arbeitsschutz. Da wo es raucht, kracht und stinkt, hatten deutsche Ingenieure herausragende Lösungen für den technischen Arbeitsschutz gefunden. Mit der Verschiebung der Arbeit hin zu den Dienstleistungsbranchen wurde der Arbeitsschutz vor neue Herausforderungen gestellt. Gerade bei den personenbezogenen Dienstleistungen, in der "Interaktionsarbeit", der Arbeit mit Kundinnen und Kunden, Klienten und Patientinnen und Patienten, entstehen Anforderungen und unsichtbare Belastungen mit möglichen gesundheitlichen Auswirkungen, die bislang in keiner Weise hinreichend beforscht, geschweige denn als Handlungsfeld des Arbeits- und Gesundheitsschutzes klar identifiziert wurden (Antrag A093 des ver.di-Bundeskongresses 2015 zum Arbeitsschutz).

Die Notwendigkeit, Arbeitsschutz neu zu denken und zu regeln, wird nun durch die Digitalisierung der Arbeit beschleunigt. Das Jahrbuch Gute Arbeit 2016, das von ver.di und IG Metall gemeinsam herausgegeben wurde, greift diese Fragen auf. Auch die Amtlichen Mitteilungen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, die baua-Aktuell widmet sich in der aktuellen Ausgabe dem „Arbeiten in der digitalen Welt“ und den damit verbundenen Arbeitsschutzherausforderungen. Es gibt keinen Helm für Clickworker, der diese vor den Gesundheitsrisiken der Arbeit in der Cloud schützt. Und noch ist nicht abzusehen, wie die Regeln des Arbeitsschutzes effizient weiterentwickelt werden können, um abhängig und immer häufiger auch soloselbstständig erwerbstätige Crowd- und Clickworker vor Berufskrankheiten und beruflichen Gesundheitsgefahren zu schützen.

Arbeitsschutz in der digitalen Welt

Digitalisierung führt zu einer tiefgreifenden Umwälzung und Entgrenzung der Arbeit, in der viele der klassischen Instrumente des Arbeits- und Arbeitsschutzrechtes nicht mehr greifen. Lukas Biewald, Chef der US-amerikanischen Web-Plattform Crowdflower, hat das Ausmaß der Veränderung besonders plakativ formuliert: „Bevor es das Internet gab, wäre es schwierig gewesen, jemanden zu finden, der zehn Minuten für Dich arbeitet und den Du danach wieder rauswirfst.“ Mit dem Internet hat sich das geändert: „Zahle ihnen einen kleinen Geldbetrag und Du bist sie sofort wieder los, wenn Du sie nicht mehr brauchst.“ Gemeinsam mit dem DGB (siehe: http://bremen.dgb.de/themen/++co++c7893a68-02ea-11e6-b5ce-52540023ef1a) und der Gesetzlichen Unfallversicherung (http://www.dguv.de) engagiert sich ver.di dafür, den Arbeitsschutz an die Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0 anzupassen und weiterzuentwickeln. Die neuen, durch die Digitalisierung entstehenden Risiken werden eines der Schwerpunktthemen sein, die morgen (am 11. Mai 2016) bei der ver.di-Veranstaltung zum Tag der Selbstverwaltung 2016 diskutiert werden. „Selbstverwalter und Selbstverwalterinnen sind Seismographen neuer Herausforderungen“, so Frank Bsirske in seiner Einladung. Dank starker sozialpartnerschaftlicher Selbstverwaltung befasst sich die Gesetzliche Unfallversicherung intensiv mit den Fragen des Arbeitsschutzes 4.0.

DGB-Index Gute Arbeit – Impulse der Selbstverwaltung

Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit sind ein hohes Gut. Umso erschreckender ist es, dass der DGB-Index Gute Arbeit (http://index-gute-arbeit.dgb.de) schon 2009 feststellte, dass die Hälfte aller Beschäftigten nicht glaubt, ihre Tätigkeit bis zum Renteneintritt ausüben zu können. Seitdem sind Arbeitsverdichtung und Zeitdruck, kurz Stress bei der Arbeit, weiter angewachsen.

Sowohl in den Gremien des Bundesarbeitsministeriums und insbesondere in der Selbstverwaltung der Unfallversicherung hat ver.di eine Vielzahl von Verbesserungen angeregt. So sind die Probleme, die mit psychischen Belastungen einhergehen, an vielen Stellen angegangen worden. Im Arbeitsschutzgesetz wurden sie als verpflichtender Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung integriert und in die Vorschrift 1 „Grundsätze der Prävention“ aufgenommen und auch in der dazugehörenden Regel weiter konkretisiert. Eine Branchenregel für die „Callcenter“, in die psychische Belastungen einbezogen werden sollen, ist mit tatkräftiger Unterstützung durch ver.di kurz vor dem Abschluss.

Gleichwohl ist festzustellen, dass viele positive Entwicklungen in den letzten Monaten ins Stocken geraten sind. Die Hauptursache ist ein Umsetzungsdefizit der rechtlichen Vorschriften. Dieses liegt zum einen daran, dass die Aufsichtsbehörden der Länder personell viel zu schwach ausgestattet sind, um eine wirksame Überprüfung der Betriebe sicherzustellen. Auch fehlt es an einer wirksamen Konkretisierung der Vorschriften, um Sanktionen zum Beispiel bei fehlender oder unzureichender Gefährdungsbeurteilung rechtssicher durchzusetzen. Dieses ist von ver.di immer wieder eingefordert worden!

Zum anderen wurden bereits einvernehmlich auf den Weg gebrachte Rechtsverbesserungen auf Druck der Arbeitgeberverbände gestoppt. So liegt die fertige Arbeitsstätten-Verordnung seit einem Jahr im Bundeskanzleramt. Ein unglaublicher Vorgang, der so noch nie vorgekommen ist! Auch die sogenannte Anti-Stress-Verordnung liegt auf Eis.

Gleichzeitig werden die Stimmen der Arbeitgeberverbände lauter, die die Arbeitszeitregeln anpacken und die Arbeitszeit weiter „flexibilisieren“ wollen. Ver.di pocht darauf, dass die Regelungen des Arbeitszeitgesetzes arbeitswissenschaftlich abgeleitet sind. Das Arbeitszeitrecht ist Arbeitsschutzrecht. Zu lange Arbeitszeiten führen nachweislich zu einem signifikanten Anstieg der Arbeits- und Wegeunfälle und zu Erkrankungen.

Arbeitsschutz und Mitbestimmung

Weiterhin ist die betriebliche Mitbestimmung in Arbeitsschutzfragen zu schwach. Ver.di fordert die Verankerung der verpflichtenden Beteiligung der betrieblichen Interessenvertretung bei der Gefährdungsbeurteilung. Nur dann, wenn die Arbeitgeber sich von Anfang an der Interessenvertretung beteiligen müssen, wird es wirksame betriebliche Maßnahmen und spürbaren Fortschritt bei den arbeitsbedingten Erkrankungen geben.

Dieses gilt auch für den Mutterschutz. Bei der geplanten Novellierung des Gesetzes tritt ver.di für eine Stärkung des Arbeitsschutzes und der Beteiligung der betrieblichen Interessenvertretung ein, um die Sicherheit und Gesundheit der schwangeren Beschäftigten umfassend zu schützen. (ver.di-Stellungnahme zum Referentenentwurf)

Humanisierung der Arbeitswelt

Arbeitsschutz ist mehr als die Vermeidung von Unfällen und Risiken. Im Arbeitsschutzgesetz selber ist das Ziel der menschengerechten Gestaltung der Arbeit verankert. Das bedeutet, dass sich die Arbeit den Bedürfnissen der Menschen anzupassen hat und nicht umgekehrt. Geschlecht, Alter oder Behinderungen sind dabei zu berücksichtigen.

Wir brauchen mehr als einen Helm für die Clickworker, wenn wir sicherstellen wollen, dass Arbeiten in der Arbeitswelt 4.0 unter menschengerechten Bedingungen stattfinden wird.