Arbeitsmarktpolitik

Perspektiven für Bildung und Arbeit durch Fachkräftebedarf?

Perspektiven für Bildung und Arbeit durch Fachkräftebedarf?

Arbeitsmarktpolitische Fachtagung am 31.5.2011
Arbeitsmarktpolitische Fachtagung am 31.5.2011 ver.di Arbeitsmarktpolitische Fachtagung am 31.05.2011

Klagen über Engpässe bei gut qualifiziertem Personal einerseits, eklatante Defizite in der schulischen Bildung, Aus- und Weiterbildung und massiver Rückgang geförderter Qualifizierungen andererseits – wie geht das zusammen? Dass dem Bedarf an Fachkräften mit größeren Anstrengungen bei Ausbildung und Qualifizierung begegnet werden müsste, liegt auf der Hand. Nach wie vor gibt es aber zu wenige Ausbildungsplätze, nach wie vor vernachlässigen viele Unternehmen die Weiterbildung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei den arbeitsmarktpolitischen Instrumenten wird gespart: 2010 ging im Vergleich zu 2009 die Zahl der geförderten Weiterbildungen bereits um ein Fünftel zurück.  Mit einer interessengeleiteten Fachkräftedebatte wird unterdessen versucht, den Weg für mehr Zuwanderung von Arbeitskräften zu ebnen, Arbeitszeiten zu verlängern, Kosten für Qualifizierung und höhere Löhne einzusparen. 

Im Mittelpunkt der Tagung stand die Frage, in welchen Branchen des Dienstleistungssektors heute und zukünftig mehr Fachkräfte benötigt werden und welche Bildungsanstrengung dies konkret erfordert. Es geht um die Perspektiven von hundertausenden Menschen auf gute Arbeit und neue Arbeitsplätze in den Dienstleistungsbranchen. Ohne nachhaltige bildungs- und arbeitsmarktpolitische Anstrengungen bleibt es bei der Verfestigung von Lohnarmut und der Ausgrenzung Bildungsbenachteiligter vom Arbeitsmarkt.

Recht auf Ausbildung und Förderung für bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt

Elke Hannack anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachtagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Elke Hannack

Elke Hannack, im ver.di-Bundesvorstand für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zuständig, mahnte größere Anstrengungen zur Bekämpfung von Bildungsbenachteiligung an. [Rede]

 

Politik für Bildung und Arbeit – der Fachkräftebedarf aus Sicht der Bundesregierung

Gerd Hoofe, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, sieht den Arbeitsmarkt durch strukturelle und demografische Veränderungen vor neuen Herausforderungen gestellt. Seiner Ansicht nach droht ein erheblicher Mangel an Fachkräften mit der Folge von Standortnachteilen und Versorgungsengpässen. Die Integration insbesondere von Jüngeren, Älteren und Frauen in den Arbeitsmarkt müsse verbessert werden.

Gerd Hoofe anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachtagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Gerd Hoofe

Wie sich dies mit den radikalen Kürzungen in der aktiven Arbeitsmarktpolitik jetzt und in den nächsten Jahren verträgt, konnte Gerd Hoofe nicht erklären. Er beharrte: „Die Instrumentenreform ist kein Spargesetz“. Es werden lediglich arbeitsmarktpolitische Instrumente abgeschafft, die „nicht wirksam“ sind. Dies widerspricht allerdings der Tatsache, dass positiv evaluierte Instrumente wie der Gründungszuschuss und die Einstiegsqualifizierung quasi abgeschafft werden, während nachweislich wirkungslose Instrumente wie der Vermittlungsgutschein beibehalten werden sollen.

Fachkräftemangel oder Fachkräfteschwemme? – BIBB/IAB-Modellrechnungen zu den Entwicklungen im Dienstleistungsbereich

Dr. Gerd Zika anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachkräftetagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Gerd Zika

Dr. Gerd Zika, Wissenschaftler am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB),sieht den künftigen Bedarf an Arbeitskräften vor allem im mittleren Qualifikationsniveau. Ein Fachkräftemangel im Dienstleistungssektor sei vor allem in Gastronomie und Reinigung sowie bei Gesundheits- und Sozialberufen zu befürchten. Ein genereller Fachkräftemangel sei nicht absehbar. Gerd Zika empfiehlt, Geringqualifizierte mittels Weiterbildung und Qualifizierung auf dieses Niveau anzuheben, um zu vermeiden, dass es zu einem Fachkräftemangel bei gleichzeitig hoher Unterbeschäftigung kommt. [Präsentation]

Übergänge im Jugendalter – Anforderungen an Reformen in der Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik

Dr. Birgit Reißig anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachkräftetagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Birgit Reißig

Dr. Birgit Reißig vom Deutschen Jugendinstitut (DJI), hat die Übergangswege von Jugendlichen über mehrere Jahre beobachtet und die Jugendlichen wiederholt befragt. Sie rät dazu, Jugendliche bereits in der Schule für systematische Begleitung identifizieren. Die Eltern müssten einbezogen und die Kooperationen zwischen Lehrkräften, Berufsberater/innen, Betrieben und anderen Akteur/innen sichergestellt werden. Die Schulen benötigten mehr Unterstützung dabei, die bestehenden (allerdings oft zeitlich befristet finanzierten) Angebote und die vielfältigen Kooperationspartner zu einem konsistenten Förderkonzept der Vorbereitung auf Abschlüsse und Anschlüsse zusammen zu bringen. Auch nach der Schule müsse für diese Jugendlichen die kontinuierliche Begleitung sichergestellt und „Maßnahmekarrieren“ vermieden werden. Insgesamt käme es entscheidend auf das Engagement in den jeweiligen Regionen an. [Präsentation]

Chancen durch geförderte Aus- und Weiterbildung an der Schnittstelle von Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik

Beate Kostka, Bereichsleiterin für aktive Arbeitsmarktpolitik im SGB II bei der Bundesagentur für Arbeit (BA), weist darauf hin, dass nur rund ein Drittel aller Menschen, die an Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen, darüber den Einstiege in den Arbeitsmarkt schaffen würden. Die angebotenen Maßnahmen müssten stärker auf ihre Wirkung hin überprüft und eingesetzt werden. Nicht jeder könne aber auch eine anspruchsvolle Umschulung über zwei oder drei Jahre bewältigen.

Beate Kostka anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachkräftetagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Beate Kostka

Dennoch bleibe die Qualifizierung von großer Bedeutung für die Förderung durch Arbeitsagenturen und Jobcenter. Im Schwerpunkt verfolge die BA die Ziele: 1. Verringerung der Jugendlichen ohne Schulabschluss, 2. Verbesserungen der Erwerbschancen für Alleinerziehende und 3. Verbesserung der Integrationschancen für Geringqualifizierte. Auch das Qualifikationsniveau von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern solle erhöht und die Weiterbildungsaktivitäten kleinerer und mittlerer Unternehmen verbessert werden. Für jedes Handlungsfeld werden entsprechende Arbeitsmarktinstrumente vorgehalten. Leider führten Ko-Finanzierungsregelungen oft zum Aus für gute Programme vor Ort.

Fachkräfte- und Qualifizierungsbedarf in Branchen des Dienstleistungssektors aus Sicht der ver.di-Fachbereiche

Teilnehmer/innen anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachtagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Teilnehmer/innen

Übereinstimmend wird die Vernachlässigung von Ausbildung und Qualifizierung trotz ständig steigender Anforderungen bei gleichzeitig schlechten Arbeitsbedingungen konstatiert. Der beklagte Mangel an Fachkräften könne nur mit höheren Ausbildungskapazitäten, einer Verbesserung der Qualität von Berufsausbildung und Studium, einer deutlichen Steigerung der Qualifizierung in den Unternehmen und der abschlussbezogenen Förderung in Mangelberufen begegnet werden. Prekäre Arbeitsbedingungen schreckten zudem viele mögliche Auszubildende davon ab, sich für nachgefragte Berufe zu entscheiden.

Harald Giesecke anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachtagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Harald Giesecke

Kinder- und Jugendhilfe

Harald Giesecke aus dem ver.di-Fachbereich Gemeinden betont die bedeutende Rolle der Kindertagesstätten bei der Vermeidung von frühzeitiger sozialer Selektion. Trotz des Geburtenrückgangs gebe es schon jetzt, aber vor allemperspektivischübereinen längeren Zeitraum Mangel an Erzieher/innen. Für den Bereich der Ausbildung sei daher die Erhöhung und nicht die Verringerung der Ausbildungskapazitäten notwendig. Die gezielte Gewinnung von Jugendlichen für den Erzieher/innen-Beruf könne nur gelingen, wenn die Arbeitsbedingungen sowie das Image des Berufes entscheidend verbessert werden, so dass der Beruf auch attraktiv werde. Für Umschulungsmaßnahmen stehe die Absicherung der dreijährigen Qualifizierungsförderung durch BA, Länder und Träger aus. Sonst laufe auch das Quereinsteiger-Programm für die Zielgruppen Männer, Berufsrückkehrer/innen und Migrant/innen mit Berufsabschluss leer. [Präsentation]

Gesundheitswirtschaft am Beispiel Pflege

Herbert Weisbrod-Frey, Bereichsleiter Gesundheitspolitik bei ver.di, beklagt den hausgemachten Fachkräftemangel bei den examinierten Altenpfleger/innen.Es müsse darauf dringend mit einer Erhöhung der Ausbildungskapazitäten reagiert werden. Die Arbeitsbedingungen müssen in den Punkten Familienfreundlichkeit, Personalschlüssel, Gesundheitsverträglichkeit und Arbeitszeiten dringend verbessert und mehr Vollzeitarbeitsplätze angeboten werden.

Herbert Weisbrod-Frey anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachtagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Herbert Weisbrod-Frey

Der im vergangenen Jahr durchgesetzte Mindestlohn in der Pflegebranche reiche bei Weitem nicht aus. Notwendig seien mehr Tarifverträge. Nur dann könnten junge Menschen für Pflegeberufe gewonnen werden. Die Abschaffung von Schulgeld für Auszubildende und die Einführung einer Ausbildungsumlage in allen Bundesländern seien Mindestbedingungen auf dem Weg zu mehr Fachkräften. Für Umschulungen stellt Herbert Weisbrod-Frey fest, dass die Förderung der dreijährigen Qualifizierung trotz aller politischen Initiativen weiterhin zwischen Bund bzw. BA und Ländern ungeklärt sei. Dies sei im Hinblick darauf, dass bundesweit keine 3.000 examinierten Altenpflegekräfte arbeitslos gemeldet seien, völlig unverständlich. Bestrebungen, die Umschulungsdauer auf weniger als drei Jahre zu verkürzen, werden den anspruchsvollen Aufgaben in der Altenpflege nicht gerecht und seien zumindest für diejenigen, die noch keine Ausbildung im Pflegebereich inklusive Praxiserfahrungen gemacht hätten, keine Lösung. [Handout]

 

Techniker/innen und Ingenieur/innen

Barbara Zahn anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachtagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Barbara Zahn

Barbara Zahn vom ver.di-Landesbezirk Bayern verneint entgegen anderslautender Meldungen den Fachkräftemangel bei Techniker/innen und Ingenieur/innen. Es gebe vielmehr eine hohe Zahl Techniker/innen und Ingenieur/innen, denen der Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt ermöglicht werden müssten. Diese Gruppe müsse von den Arbeitsmarktinstrumenten besser bedient werden. Die Qualität der Ausbildung müsse dringend verbessert und Investitionen in Weiterbildung deutlich erhöht werden. Die Quote der Studierenden, die ihr Studium abbrechen, sei infolge schlechter Studienbedingungen bei gleichzeitig enorm hohen Anforderungen viel zu hoch.

Informationstechnologie und Datenverarbeitung

Michael Jäkel anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachtagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Michael Jäkel

Michael Jäkel ist bei ver.di verantwortlich für Kolleginnen und Kollegen in der Informationstechnologie und Datenverarbeitung. Es gebe keinen generellen Fachkräftemangel, sondern ein Missverhältnis zwischen angebotenen und nachgefragten Qualifikationen. Nicht Fachkräftemangel, sondern Mangel an vorausschauender Unternehmenspolitik und nachhaltiger Qualifizierung sei das eigentliche Problem. Nach wie vor setzten die Unternehmen auf den Ersatz von „Älteren“ durch Neueinsteiger/innen und Zuwanderer mit aktuellem Wissen. Es werde viel zu wenig ausgebildet.

Eine akademische Ausbildung im Bereich Informationstechnologie und Datenverarbeitung führe zu guten Zukunftschancen, wenn sich die Studierenden hinsichtlich ihres Wissens „breit aufstellten“. Mit qualifizierter Berufsberatung und Berufsorientierung müssten falsche Vorstellungen über Studien- und Berufsinhalte vermieden werden.

Als Grundlage für Umschulungen fehle es an Studien zur Entwicklung der IT-Branche und dem sich daraus ergebenden Arbeitskräftebedarf. Nur auf der Grundlage einer Branchenanalyse könnten zukünftige Bedarfe z.B. in den Bereich Kundenbetreuung erkannt und mit guten Perspektiven umgeschult werden. [Präsentation]

Neue Berufsfelder durch ökologischen Umbau im Energiesektor

Dr. Reinhard Klopfleisch leitet das Referat Ver- und Entsorgungspolitik bei der Gewerkschaft ver.di. Er betont, dass der ökologische Umbau der Energiewirtschaft in den letzten Jahren bereits mehr als 300.000 Arbeitsplätze in den Bereichen der erneuerbaren Energien geschaffen hat, allerdings nach wie vor klare Aus- und Fortbildungsprofile fehlen. Auch im Baubereich sind aufgrund der zunehmenden Gebäudesanierung zahlreiche Arbeitsplätze erhalten geblieben. Er sieht aufgrund der auch in diesen Bereichen fortschreitenden Rationalisierung zukünftig keine wesentliche Steigerung der Arbeitsplatzzahl in den Bereichen der erneuerbaren Energien und Energieeffizienz. Dagegen werden bessere Qualifikationen und damit neue Ausbildungsschwerpunkte und -berufe erforderlich.

Dr. Reinhard Klopfleisch anl. der arbeitsmarktpolitischen Fachtagung von ver.di am 31.5.2011 ver.di Dr. Reinhard Klopfleisch

Dabei könne durchaus an bestehenden Qualifikations- und Ausbildungsprofilen angeknüpft werden – erforderlich seien jedoch neue Schwerpunkte und Spezialisierungen in den bestehenden Berufsbildern. So könne ein Beschäftigter im Kraftwerk, der als Elektroniker oder Mechatroniker ausgebildet ist, durch Erwerb von Zusatzqualifikationen  durchaus auch beim Betrieb und der Wartung von Windenergieanlagen eigesetzt werden.

Traditionelle Arbeitsplätze in fossilen Kraftwerken und beim Netz- und Speicherausbau werden nach seiner Einschätzung nach wie vor gebraucht. Auch hier sei aber die Entwicklung neuer Studienschwerpunkte und die Erweiterung und Ergänzung der bisherigen Ausbildungsberufe erforderlich, wenn beispielsweise traditionelle Netztechniker die Umrüstung der Stromnetze zu „intelligenten Netzen“, also zu elektronisch gesteuerten Netzen vornehmen müssen.

Die Umschulung und Weiterbildung vor allem für die Arbeit in Energiebetrieben müsse wesentlich ausbaut werden. Reinhard Klopfleisch setzt hier auf die Kombination innerbetrieblicher und externer Angebote. [Präsentation]