SelbstverwalterInnen im Porträt

Fatma Erdem

Fatma Erdem

Dr. Fatma Erdem, Jahrgang 1973, kam mit 13 Jahren aus der Türkei nach Berlin. Nach dem Studium war sie zunächst als Familienhelferin tätig. Die Diplom Sozialpädagogin entschied sich allerdings, neben der Arbeit noch eine Doktorarbeit zu schreiben. Ihr Thema – Interkulturelle Kompetenz in der Sozialarbeit – hat viel mit ihrer praktischen Arbeit zu tun. Seit 2007 ist Fatma Beraterin und Teamleiterin beim Deutschen Gewerkschaftsbund in der Beratungsstelle für Migrantinnen und Migranten. Hier berät sie Ratsuchende zu arbeits-, sozial- und ausländerrechtlichen Fragen – auf Deutsch und auf Türkisch. Ihr umfangreiches Wissen setzt sie für ver.di als Delegierte im Bundesmigrationsausschuss, aber auch als Versichertenälteste für die Deutsche Rentenversicherung ein. Die Versicherten hier können gewiss sein, Fatma Erdem berät sie nicht nur kompetent zu Fragen rund um die Rente, sondern kennt sich in allen Bereichen der sozialen Sicherung aus.

Sie hat unseren Fragebogen beantwortet und uns im Gespräch ihre Arbeit in der Selbstverwaltung geschildert:

Selbstverwalter_innen im Porträt Fatma Erdem  –

Selbstverwaltung was ist das? Deine Antwort in 140 Zeichen.

Mitwirkung der Versicherten in der Verwaltung der Sozialversicherungen, das heißt: soziale Sicherung von Versicherten für Versicherte.

GewerkschafterInnen in der Selbstverwaltung vertreten die Interessen der Versicherten. Was heißt das konkret?

Ob bei Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall, Pflegebedürftigkeit oder im Alter – Versicherte verlassen sich auf die Sozialversicherungsträger. Da sie mit ihren Beiträgen eigene Ansprüche erworben haben, wollen sie zurechtverlässlich die entsprechenden notwendigen Leistungen bekommen, zum Beispiel wenn es um die Wiederherstellung der Arbeits- oder Erwerbsfähigkeit oder um die Anerkennung eines Arbeitsunfalls geht. GewerkschafterInnen kennen die Interessen und Bedürfnisse der einzelnen Beitragszahler, sie kennen aber auch den sozialpolitischen Auftrag der Sozialversicherung. Dieser Wissensschatz befähigt sie zu einer klugen Interessenvertretung der Betroffenen – etwa in einem Widerspruchsausschuss. Meine Beratungstätigkeit, als Versichertenälteste vor Ort, ist stark von meiner sonstigen Beratungstätigkeit im gewerkschaftlichen Kontext beeinflusst. Um den Betroffenen die bestmögliche, individuelle Hilfestellung geben zu können, angenommen, sie wären auf eine Erwerbsminderungsrente angewiesen, muss ich auch die anderen ergänzenden Möglichkeiten etwa die Sozialgesetzgebung der Grundsicherung kennen, also relativ umfassend Bescheid wissen.

ver.di sagt: GewerkschaftsvertreterInnen in der Selbstverwaltung sind die idealen Versichertenvertreter. Warum?

Sie sind die idealen SelbstverwalterInnen, da sie die Ausgewogenheit zwischen Beiträgen und Leistungen im Blick haben und zwischen den unterschiedlichen Interessen vermitteln können. Diese Fähigkeit fällt nicht vom Himmel, sondern beruht auch auf dem Wissen aus der Gewerkschaftsarbeit, das sich immer an den Bedürfnissen der Arbeitnehmer/Versicherten orientiert. Gewerkschafterinnen in der Selbstverwaltung kennen die Belastungen und Bedürfnisse der Versicherten sehr genau. Die Sozialversicherungen federn soziale Risiken ab. Unsere Mitbestimmungsrechte formen die Sozialversicherungsträger, auch wenn unsere Spielräume noch so eng sind, mit. Es geht um die soziale Absicherung und die Rechte der ArbeitnehmerInnen, die wir bei ver.di ja sowieso schützen.

Viele Versicherte sagen uns: Ich weiß gar nicht, was meine Selbstverwalter für mich machen. Wie und wo können sie von Deiner Arbeit erfahren?

Als Versichertenberaterin oder Versichertenälteste ist man mit den Menschen sehr eng in Kontakt, sodass die Ratsuchenden sehr genau wissen, wie wichtig die Selbstverwaltung ist. Die Beratung vor Ort ist ja ganz handfest und direkt. Fragen zur Rente sind oft mit den Kenntnissen über andere Institutionen der sozialen Sicherung verknüpft. Um die jeweiligen Versicherten bestmöglich zu beraten, etwa bei einer drohenden Zwangsverrentung, schöpfe ich aus meinem Wissen aus der umfassenden Beratungstätigkeit für MigrantInnen. Das spricht sich herum; von meiner Arbeit erfahren die Menschen oft über Mundpropaganda ...

ver.di hat einen kleinen Cartoon-Film gemacht, um über die Aufgaben in der Sozialversicherung zu informieren. Welches Bild in unserem Viola-Clip gefällt Dir am besten?

Das Bild, auf dem Viola im Kreis anderer ver.di-SelbstverwalterInnen zu sehen ist! Es stellt ein eingespieltes Team dar, energisch, zukunftsorientiert und motiviert. Für mich steht es für die Vielfalt der Versicherten in der Rentenversicherung und die Vielfalt derer, die sich in ver.di als Selbstverwalterinnen engagieren. Wenn ich das Bild sehe, habe ich das Gefühl, dass sich in Violas Team mindestens ein oder auch zwei MigrantInnen befinden. So soll es sein. Die plurale Zusammensetzung der ver.di-Selbstverwalterlisten ist mir und uns in ver.di sehr wichtig.

Du bist in der Selbstverwaltung der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg aktiv. Seit wann hast Du diese Aufgabe und was war in dieser Zeit die spannendste Herausforderung?

Ich bin seit 2012 Versichertenberaterin für die DRV Berlin-Brandenburg. Durch die Zweisprachigkeit, ich spreche deutsch und türkisch, gelingt es mir, die Ratsuchenden in ihrer Muttersprache zu beraten und sie zu unterstützen. Die Amtssprache ist für viele, insbesondere aus der sogenannten „Gastarbeitergeneration“, eine Hürde, sodass viele Fragen im Schriftverkehr letztlich unbeantwortet bleiben und interkulturell bedingte Probleme oder Missverständnisse entstehen. Durch die Beratung in der Muttersprache können viele Fragen geklärt werden und es gelingt Vertrauen aufzubauen, das hilft, gesetzliche Regelungen verständlich zu machen. Das ist eine tolle Herausforderung für mich selbst.

Seit 2011 veranstaltet ver.di alljährlich im Mai den Tag der Selbstverwaltung. Dein persönliches Motto für den Tag der Selbstverwaltung 2016?

Ich wünsche mir mehr Informationen für MigrantInnen über die Struktur der Selbstverwaltung. Und mehr Angebote, die interkulturelle Kompetenz integrieren und die Sprachbarrieren für MigrantInnen abbauen helfen, sodass die Leistungen der Sozialversicherungen von allen verstanden und in Anspruch genommen werden können.