Nachrichten

Hybride Arbeitsmärkte

Hybride Arbeitsmärkte

Wie sehen die Arbeitsmärkte der Zukunft aus? Und was ist zu tun, um auf den Arbeitsmärkten der Zukunft die Rechte der Arbeitnehmer*innen zu sichern?
Um für Gewerkschaften vordringliche arbeitsmarkt- und sozialpolitische Aufgaben zu erkennen und daraus gewerkschaftlich die richtigen Forderungen zu formulieren, ist es entscheidend diese Fragen immer wieder neu zu stellen und die Entwicklungen, um uns herum aufmerksam zu beobachten und treffend zu deuten. Zur treffenden Deutung gehört die Entscheidung, welche Veränderungen beachtlich sind ebenso wie die präzise Benennung des Beachteten.

Damit ist es in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik „wie im wahren Leben“. Wenn wir bemerken, dass Kollegin Brandi auffällig zunimmt, morgens oft blass aussieht und seit einiger Zeit beim abendlichen Schoppen keinen Alkohol mehr trinkt, fällt es uns leicht diese Veränderungen als Schwangerschaft zu deuten und zu benennen. Anfangs sind die Signale unsichtbarer, schwerer identifizierbar. Das sichtbare Zunehmen erst gibt der Vermutung nach und nach die entsprechende Sicherheit.

Veränderungen auf den Arbeitsmärkten

Auf den Arbeitsmärkten vollziehen sich die Veränderungen, die uns interessieren müssen, sichtbar und schleichend zugleich. Wir beobachten seit einigen Jahren die Ausweitung „atypischer Beschäftigung“– etwa die Zunahme von Teilzeitbeschäftigung und befristeten Jobs. Unter den Vorzeichen der Digitalisierung ergänzt sich das Bild. Wir sehen Entwicklungen beschleunigt und zusammenhängend, die wir bislang eher getrennt wahrgenommen haben.

Es wächst nicht nur die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten, auch die Zahl derer, die neben ihrer Teilzeittätigkeit als Solo-Selbstständige arbeiten, steigt. Von den Unternehmensgründungen der letzten Jahre sind zwei Drittel „Nebenerwerbsgründungen“, das heißt, sie sind neben einer fortbestehenden (Teilzeit-)Beschäftigung in einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis erfolgt. Die Anzahl der Selbstständigen im Nebenerwerb stieg von 2011 bis 2014 um 6 %. Der Anteil der Selbstständigen im Nebenerwerb an allen Selbstständigen nahm damit von 14,2 % auf 15,2 % zu – mit deutlichen geschlechtsspezifischen Unterschieden (Selbstständigen-Monitor 2014).

Gleichzeitig bestätigt sich, die Hälfte der Neugründungen hat eine Lebensdauer von etwa 4–5 Jahren. Das bedeutet, auch die Zahl derer, die abhängige Beschäftigung und Selbstständigkeit im Lebenslauf phasenweise kombinieren, steigt spürbar an.

Darüber hinaus verschwimmen die Grenzen zwischen selbstständiger und abhängiger Beschäftigung. Die Debatten um Scheinselbstständigkeit und die Diskussion um einen gesetzlichen Kriterienkatalog zur Abgrenzung von Werkverträgen machen dies exemplarisch deutlich.

Erwerbshybridisierung

Um die skizzierten Entwicklungen zu beschreiben, sprechen Uwe Fachinger und Dieter Bögenhold im September-Editorial der Zeitschrift Sozialer Fortschritt 2015 von „Erwerbshybridisierung“. Und es scheint, als hätten sie damit den Begriff gefunden, der die Arbeitsmärkte der Zukunft und die sie prägenden neuen Vermischungen von abhängiger und selbstständiger Arbeit besonders treffend bezeichnet. Wie „Prekarisierung“ ist „Hybridisierung“ ein Fremdwort, das man sich gerne sparen würde, wenn sich die Veränderungen auch mit einem weniger komplizierten Begriff beschreiben ließen. Ebenso wie die Prekarisierung ist die Hybridisierung der Erwerbstätigkeit eine Veränderung, die sich nicht von alleine erledigen wird. Sie zu übersehen und auf die mit ihr verbundenen Handlungsnotwendigkeiten nicht präzise hinzuweisen, könnte politisch verhängnisvolle Folgen haben. Es erscheint daher weniger riskant, den komplizierten Begriff zu verwenden als die Phänomene, die sich dahinter verbergen, unkommentiert und unbeantwortet zu lassen.

Hybride Erwerbsverläufe in Deutschland auf dem Vormarsch

In Deutschland beobachten wir schon heute in „klassisch-analogen“ Branchen wie der Altenpflege die Erwerbshybridisierung auf dem Vormarsch. Fast 60 % der Altenpfleger*innen in Deutschland sind teilzeitbeschäftigt, viele unter ihnen sind „nebenher“ noch im ambulanten Pflegedienst selbstständig unterwegs. Der Musiktherapeut arbeitet als „Freiberufler“ selbstständig für den einen Wohlfahrtsverband, beim anderen ist er mit einer halben Stelle für die (gleiche) Arbeit mit behinderten Menschen angestellt. Der Journalist, der „nebenher“ freiberuflich eine kleine Beratungs- oder Webdesignfirma aufgemacht hat, die Lehrerin, die eine Teilzeitstelle an der Schule mit freiberuflicher Arbeit an der Volkshochschule kombiniert, die Friseurin, die im Salon ihrer Chefin mit 15 Stunden fest angestellt ist und sich zwei Straßen weiter mit einem kleinen eigenen Geschäft selbstständig macht ... – wir kennen sie alle in unserem Bekanntenkreis. Manchmal sieht es anfangs aus wie ein Hobby, oft ergibt es sich aus der Notwendigkeit, das Einkommen aus dem abhängigen Arbeitsverhältnis aufbessern zu müssen. Die Statistik bestätigt unsere Erfahrung: Unternehmensgründungen erfolgen seit Jahren überwiegend als Nebenerwerbsgründungen – in fast allen Branchen (KfW-Gründungsmonitor).

Digitalisierung und Internet-Plattformen werden diese Hybridisierung beschleunigen, denn die Digitalisierung schafft viele neue Möglichkeiten, Arbeit ohne eigene Betriebsräume und mit wenig Startkapitel zu organisieren und zu vermitteln. Über Internet-Plattformen (bekannt sind z.B. Airbnb, Helpling, Lieferando, DaWanda) können Menschen dank neuer digitaler Technologien ­– Smartphones und Apps – Dienstleistungen und Güter „teilen“: Taxifahrten und Reinigungsdienstleistungen, Schlafmöglichkeiten und selbst gefertigte Produkte.

Die sogenannte Plattform-Ökonomie verändert in rasantem Tempo die Organisation der Arbeit, nicht zuletzt, da sie durch eine riesige Kapitalattraktivität gekennzeichnet ist: Airbnb, der Schlafraumvermittler, hat innerhalb kürzester Zeit ein Startkapital in Höhe von 2,3 Mrd. Euro eingesammelt! (IZA-Research Report)
Charakteristisch für viele hybride Erwerbsformen sind Risikoverlagerungen vom Arbeitgeber zum Arbeitnehmer, vom Kapitalsammler zum Leistungserbringer. Der geltende (arbeits-)rechtliche Regelungsrahmen bildet nur schwache Bollwerke gegen diese Tendenz. Viele Fragen sind ungeklärt: Wann ist ein über eine Plattform vermittelter Anbieter von Dienstleistungen angestellt und müssen also entsprechende Sozialabgaben bezahlt werden? Wo endet die Haftung des Plattform-Betreibers und wo beginnt die des „selbstständigen“ Dienstleisters? Diese Fragen werden insbesondere rund um den „privaten Taxidienst Uber“ – nicht nur, aber zuerst in den USA – viel diskutiert.

Sozialpolitische Schlussfolgerungen

Der aus den Veränderungen hybrider Arbeitsmärkte resultierende politische Handlungsbedarf bezieht sich nicht nur auf das Arbeitsrecht, sondern ganz nachdrücklich auch auf die soziale Absicherung. Da wo sich neue Beschäftigungsformen arbeitsrechtlich nicht als abhängige Beschäftigung gestalten lassen, muss die soziale Absicherung trotzdem gelingen. Wir müssen die einheitliche Einbeziehung der Solo- Selbstständigen in die Gesetzliche Rentenversicherung organisieren! Diese Forderung der ver.di ist anlässlich des Grünbuchs „Arbeiten 4.0“ des Bundesarbeitsministeriums bekräftigt (ver.di-Stellungnahme) und zuletzt in einem Vortrag von Eva Welskop-Deffaa beim Equal Pay Day Forum 2015 stark gemacht worden.

Heute hängt die Frage, ob und wie lange ein Selbstständiger in der Rentenversicherung abgesichert ist, von verschiedenen für den Einzelnen kaum durchschaubaren Kriterien ab ­– zum  Beispiel vom Beruf, von der Art des Gewerbes, der Anzahl der Beschäftigten oder vom Einkommen. Hinzu kommen etliche (unsystematische) Ausnahmen. Im Ergebnis lassen sich die Regelungen zu den Selbstständigen in der Rentenversicherung – wie eine Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen im letzten Jahr detailliert bestätigt hat - als unübersichtlich, unsystematisch und verwaltungsaufwendig beschreiben. Sie stammen konzeptionell aus einer Zeit, in der selbstständige und abhängige Beschäftigung in der Gesetzlichen Rentenversicherung als klar unterscheidbar gedacht und als unterschiedliche Lebenslaufkonzepte angesehen wurden.

Versorgungswerke freier Berufe – etwa die Versorgungswerke der Ärzte – haben die einheitliche Einbeziehung von selbstständigen niedergelassenen und abhängig beschäftigten Kolleginnen und Kollegen in ein und demselben Versorgungswerk bereits geregelt. Das Wissen über „hybride“ Erwerbsverläufe in diesem Berufsfeld hat dazu geführt, dass eine einheitliche „soziale Alterssicherung aus einem Guss“ für alle Ärzte bereits vor Jahrzehnten erwirkt wurde. Das, was für die klassisch-hybriden Erwerbsverläufe der Ärzte längst gilt, muss für die neuen hybriden Erwerbsverläufe in der Arbeitswelt 4.0 insgesamt nachvollzogen werden – es braucht eine einheitliche Einbeziehung der abhängig Beschäftigten und der Solo-Selbstständigen in die Gesetzliche Rentenversicherung. Einkünfte aus abhängiger und selbstständiger Tätigkeit müssen additiv in die Gesetzlichen Rentenversicherung einbezogen werden, so lange, bis sie in ihrer Summe die Beitragsbemessungsgrenze erreichen.

Es braucht diese Einbeziehung der Einkünfte aus Solo-Selbstständigkeit in die Beitragspflicht vor allem, um zu verhindern, dass Menschen mit hybriden Erwerbsverläufen am Ende ihres Arbeitslebens in Altersarmut landen. Es braucht sie aber auch, um der Rentenversicherung die Beitragseinnahmen aus Arbeit zu sichern, ohne die der Generationenvertrag (Debattenportal der Bundeszentrale für politische Bildung) in der umlagefinanzierten Rente nicht funktioniert.

Last, but not least braucht es eine Sozialversicherungspflicht für solo-selbstständige Arbeit, damit kein Unterbietungswettbewerb zwischen den sozialversicherungspflichtig abhängig Beschäftigten und den Soloselbstständigen entsteht, die sich die Beiträge  zur Rentenversicherung „sparen“ und also ihre Arbeitskraft im Wettbewerb billiger anbieten können. Ein Blick auf die Einkommenssituation in der Pflege zeigt, welche Abwärtsspirale durch die sozialversicherungsfreie Solo-Selbstständigkeit entsteht: Die Einkommen sind in der ambulanten deutlich niedriger als in der stationären Altenpflege.

Die Abwärtsspirale eines solo-selbstständigkeitsinduzierten Lohndumpings müsste am Ende dazu führen, dass in Zeiten der Erwerbshybridisierung nicht nur die Solo-Selbstständigen ein erhöhtes Risiko der Altersarmut tragen, sondern auch diejenigen, deren Erwerbseinkommen dumpingbedingt immer weiter sinkt. Einer solchen Abwärtsspirale wollen wir uns in ver.di entgegen stellen.

weitere Artikel zum Thema