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    Recht auf gute Arbeit für Menschen mit Beeinträchtigung durchsetzen

    Recht auf gute Arbeit für Menschen mit Beeinträchtigung durchsetzen

    ver.di-Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit unterstreicht die Bedeutung der Schwerbehindertenvertretung

    Seit 2007 wird mit dem DGB-Index Gute Arbeit einmal jährlich bundesweit die Arbeitsqualität gemessen. Der von DGB, ver.di und Sozialforschern entwickelte Index ist als ein wissenschaftlich fundiertes Instrument zur Erfassung der Arbeitsbedingungen in Deutschland breit anerkannt. Anlässlich des 5. Jahrestags des Inkrafttretens der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland (im März 2014) hat ver.di zur diesjährigen Befragungswelle eine Sonderauswertung in Auftrag gegeben, mit der erstmals die Arbeitssituation von Menschen mit Beeinträchtigung mit Hilfe des Index-Instrumentariums erfasst wird.

    Der erste Befund: Beschäftigte mit Beeinträchtigung erleben ihre Erwerbstätigkeit in hohem Maße als sinnstiftend. Mit 81 Prozent Zustimmung liegt für sie der „Sinn der Arbeit“ sehr hoch, über dem des Durchschnitts aller Beschäftigten. Die Index-Befragung bestätigt damit, wie wichtig die Einlösung des Anspruchs der UN-Behindertenrechts-
    konvention ist – sie fordert in Artikel 27 ein gleiches Recht auf Beschäftigung und gute Arbeit für Menschen mit Behinderung!

    Bis zur Einlösung dieses Anspruchs liegt aber noch ein weiter Weg vor uns. Der Teilhabebericht der Bundesregierung weist aus, dass die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Handicap deutlich über dem Durchschnitt liegt: Menschen mit Beeinträchtigungen sind tendenziell häufiger und auch länger von Arbeitslosigkeit betroffen (25,9 Monate) als Nicht-Beeinträchtigte (15,3 Monate). Zugleich ist ihre Entgeltsituation deutlich ungünstiger als die der Vergleichsgruppen ohne Behinderung.

    Die von ver.di vorgelegte Studie zum DGB-Index Gute Arbeit ergänzt dieses Bild, schließt wichtige Datenlücken und macht den umfassenden Handlungsbedarf deutlich.

    Arbeitsbedingungen von Menschen mit Behinderung

    Arbeitsbedingungen von Menschen mit Behinderung - So beurteilen sie selbst die Lage (Ergebnisse einer Sonderauswertung zum DGB-Index Gute Arbeit) ver.di  –

    Die tatsächlichen Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzgestaltungen sind weit davon entfernt, gute Arbeit für Menschen mit Beeinträchtigung zu gewährleisten.

    Die Hälfte aller Beschäftigten mit Behinderung gibt bei der DGB-Index-Befragung an, an einem nicht behindertengerecht ausgestatteten Arbeitsplatz arbeiten zu müssen. Auch unter den als schwerbehindert anerkannten Beschäftigten arbeitet nach eigener Einschätzung mehr als ein Drittel (38 Prozent) an nicht behindertengerecht ausgestatteten Arbeitsplätzen.

    Arbeitshetze und mangelnde Wertschätzung durch die Vorgesetzten kommen als Belastung hinzu.
    60 Prozent der Beschäftigten mit Behinderung geben an, sehr häufig oder oft unter Zeitdruck und gehetzt arbeiten zu müssen (bei den Beschäftigten insgesamt liegt der Wert bei 56 Prozent).
    39 Prozent der Beschäftigten mit Beeinträchtigung geben an, von Vorgesetzten gar nicht oder nur in geringem Maße Wertschätzung zu erfahren.

    Behindertengerechte Arbeitsplätze

    Von herausragender Bedeutung für Teilhabechancen und Arbeitsqualität ist die Ausstattung des Arbeitsplatzes: Dort, wo behindertengerechte Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, ergeben sich für die Beschäftigten mit Behinderung signifikant größere berufliche Gestaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten – ebenso wie bessere Einkommen. Der Gesamt-Indexwert „Gute Arbeit“ liegt für behindertengerechte Arbeitsplätze bei 62, im Unterschied zu 54 für nicht behindertengerechte Arbeitsplätze.

    Konkret befürchten 44 Prozent der befragten Beschäftigten mit Beeinträchtigung, die an einem behindertengerechten Arbeitsplatz arbeiten, ihre Arbeit unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter ausüben zu können, von den behinderten Kollegen an einem nicht behindertengerechten Arbeitsplatz befürchten dies 60 Prozent.

    Schwerbehindertenvertretungen stärken

    Die ver.di-Umfrage zeigt auch: In Betrieben mit einer Schwerbehindertenvertretung werden deutlich mehr behindertengerechte Arbeitsplätze vorgefunden als in solchen ohne eine gewählte Vertretung (16 Prozentpunkte Differenz). Schwerbehindertenvertretungen schaffen wichtige Voraussetzungen für gleiche Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung.

    Bei der Vorstellung der Studie am 18. September 2014 in Berlin betonte ver.di-Bundesvorstands-mitglied Eva M. Welskop-Deffaa: „Mit den Schwerbehindertenvertretungswahlen im Herbst dieses Jahres, die zwischen dem 1. Oktober und 30. November stattfinden, wollen wir den Anteil der Betriebe mit einer Schwerbehindertenvertretung deutlich steigern! Das Info-Material, das ver.di zur Verfügung stellt, soll und kann helfen Vorbereitung und Durchführung der Wahlen zu unterstützen.“

    Verena Bentele, Behindertenbeauftragte der Bundesregierung unterstrich: „Die Befragten haben deutlich gemacht, dass sie ihre eigenen Arbeitsbedingungen als nicht zufriedenstellend einschätzen. Deswegen ist es wichtig, die Schwerbehindertenvertretungen in den Betrieben zu stärken, damit diese sich besser für die Umsetzung der geltenden gesetzlichen Regelungen einsetzen können. Mein Anliegen ist, dass Menschen mit Behinderungen sich selbst einbringen, um sich für ihre Belange stark zu machen. Ein wichtiger Schritt ist die Beteiligung an den bundesweit stattfindenden Wahlen zu den Schwerbehindertenvertretungen im Oktober und November. Auch die Gewerkschaften müssen sich überbetrieblich und betrieblich noch konsequenter für die Umsetzung der UN Behindertenrechtskonvention einsetzen als bisher. ver.di hat mit dieser Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit die Perspektive von Menschen mit Behinderung ins Zentrum gerückt und damit einen Stein ins Wasser geworfen, der weitere Kreise ziehen muss.“

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