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    Wer braucht schon Arbeitsschutz?

    Wer braucht schon Arbeitsschutz?

    ver.di beim Arbeitsschutz und Arbeitsgestaltung (nicht nur) in der Corona-Pandemie.

    Der kleine, aber wichtige Unterschied: mobile Arbeit versus Homeoffice. In der aktuellen Debatte um Arbeit 4.0 und Digitalisierung erfährt das Thema mobile Arbeit verstärkt und in großen Teilen der Gesellschaft Aufmerksamkeit. Unklar ist aber oft, was unter mobiler Arbeit zu verstehen ist.

    Mobile Arbeit wird oft mit dem Arbeiten daheim, der Tele(heim)arbeit verwechselt. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass die Beschäftigten abwechselnd zu Hause oder im Betrieb arbeiten. Der Arbeitgeber stattet den häuslichen Arbeitsplatz aus und übernimmt die hierfür entstehenden Kosten, so die Anforderung aus der Arbeitsstättenverordnung.

    Mobile Arbeit in der heutigen Form zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Arbeitsort mobil geworden ist. Dank kleiner mobiler Endgeräte kann man sich seine Arbeit in die Tasche stecken und an jedem Ort, also beispielsweise im Café, im Zug, im Hotel oder sonst wo arbeiten – nicht nur im Homeoffice oder im Betrieb. Zwar wird auch heute (wieder) zuhause gearbeitet, allerdings meist nicht am stationären PC, sondern mit Laptop und Smartphone – dies allerdings oft außerhalb des Regelungsbereiches der Arbeitsstättenverordnung. („Prävention und Entlastung bei mobiler Arbeit“, Gerlinde Vogl/Sylvia Kraus/Kerstin Rieder/Andreas König).

    Baustelle Homeoffice

    Wer zu Hause arbeitet, hat meist keine Ausstattung mit ergonomisch passenden Arbeitsmitteln wie im Büro: Keinen ergonomischen Stuhl, höhenverstellbaren Tisch, Tastatur und Maus, keine optimalen Lichtverhältnisse ganz zu schweigen von den vorgeschriebenen Abstands- und Wegeflächen. Abgesehen von der ungestörten Arbeitsumgebung: Sind kleine Kinder im Haus, wird es ganz schwierig.

    Schon gewusst?

    Jeder Mensch braucht nach einer Arbeitsunterbrechung mindestens 12 Minuten, um wieder in den „FLOW“ zu kommen, das heißt, um tatsächlich wieder in die produktive Konzentration zu kommen. Allein das auf dem Schreibtisch in Sichtweite liegende Handy lenkt schon ab – noch schlimmer wird es, wenn es sich ständig „meldet“. Kinder, die natürlich und mit Recht Aufmerksamkeit brauchen, passen ebenfalls nicht zum konzentrierten Arbeiten. Auch die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit bedeutet Stress. Wer nicht mehr weiß, wann das Tagwerk vollbracht ist, wann also Feierabend* ist, empfindet das sehr belastend. All das macht krank, wenn es zur Regel wird.

    Arbeitsschutz am Ende?

    Wir müssen aufpassen, dass die in Jahrzehnten erarbeiteten und erkämpften Errungenschaften im Arbeitsschutz nicht durch die vermeintliche Flexibilität beim mobilen Arbeiten und im Homeoffice übergangen werden. Das hätte schwere gesundheitliche Folgen für die Beschäftigten. Wir brauchen klare Regelungen mit dem Recht auf Feierabend, Nicht-Erreichbarkeit, geregelte und dokumentierte Arbeitszeit und Pausen, sonst profitiert allein der Arbeitgeber von der Digitalisierung. Es ist erwiesen, dass im Homeoffice freiwillig und unbezahlt mehr Überstunden gemacht werden, als im Büro. Das ist Selbstausbeutung, ohne selbständig zu sein und macht krank.

    Auch wir bei ver.di haben, während wegen Corona viele im Homeoffice gearbeitet haben, unsere Erfahrungen gesammelt. Hier kannst du nachlesen, was wir daraus gelernt haben.

    Die Verantwortung für den Arbeitsschutz hat immer noch der Arbeitgeber. Das bleibt auch so!

    Homeoffice muss immer freiwillig sein und mit Präsenzphasen organisiert werden. Beschäftigte im Homeoffice müssen Selbstorganisation lernen können, brauchen klare Aufgabenstellungen, Pausen sind einzuhalten.

    Mehr zum Arbeiten an "Nicht-Arbeitsplätzen" haben wir hier zusammengefasst.

    Aufgrund der aktuellen Lage wollen wir dafür werben, die Mitarbeit unserer Gewerkschaft ver.di im Arbeits- und Gesundheitsschutz aktiver mitzugestalten. Gerade im Arbeits- und Gesundheitsschutz ist es wichtig, dass viele aktiv mitwirken und ihre Erfahrungen und ihren Sachverstand einbringen, um die Interessen unserer Mitglieder zu wahren. Nicht nur Tarifverträge regeln Arbeitsbedingungen. Im Arbeitsschutz können wir alle aktiv werden und sehr konkret Verbesserungen mitgestalten. Wir müssen nur zusammen daran arbeiten. Vielleicht regt das ja die einen oder anderen Kolleg*innen an, aktiv zu werden und sich für die Mitarbeit in staatlichen Ausschüssen zur Gestaltung der Arbeitsschutzregeln zu begeistern (bei Interesse bitte melden bei sopo@verdi.de).

    Das Virus SARS-CoV-2-führt zu Unsicherheit und Ängsten.
    Damit geht jede*r anders um.
    Darum müssen wir Tipps zum Verhalten im Alltag und Beruf geben. Hilfe zur Selbsthilfe.

    Gerade jetzt

    Die Arbeitgeberverbände versuchen, in dieser Zeit der Krise vehement an bereits erreichten Standards zu rütteln. Hier gilt es, offensiv dagegenzuhalten. Das können wir beispielsweise in den staatlichen Ausschüssen (mehr dazu weiter unten), die über den DGB besetzt werden.

    Arbeitgeber wollen zurück in die Steinzeit

    Angesichts der aktuellen Krise, gibt es wieder Angriffe auf schon erreichte Werte und Standards beim Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie der Arbeitsgestaltung allgemein (Beispiel Arbeitszeitgesetz, Branchenregeln für die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandards des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS)).

    Wir halten dagegen – mit guten, wissenschaftlich fundierten Argumenten und FAKTEN.

    Zu den zentralen Feldern des gewerkschafts- und gesellschaftspolitischen Engagements von ver.di gehören insbesondere der Arbeits- und Gesundheitsschutz.

    Die praktische Ausgestaltung der Aufgabenfelder Arbeits- und Gesundheitsschutz ist durch den Gesetzgeber – federführend ist hier das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) – an die Arbeitgeber- und Arbeitnehmer*innenvertretungen ausgelagert worden.

    Zu den Aufgaben von ver.di gehört daher, sowohl die aktive Mitarbeit bei der inhaltlichen Ausgestaltung der entsprechenden Normen und Arbeitsschutzvorschriften, als auch die Koordination der gewerkschaftspolitischen Einflussnahme und Vertretung in den dazugehörigen Gremien. Innerhalb von ver.di erfolgt eine enge Abstimmung mit dem Bereich ‚Innovation und Gute Arbeit‘ sowie mit den Arbeitsschutzexpert*innen der Fachbereiche. Extern arbeiten wir eng mit dem DGB zusammen. Und natürlich nutzen wir auch die Möglichkeiten unserer zahlreichen Selbstverwalter*innen in den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen.

    SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS)

    Über die Einbeziehung unserer Fachleute in den staatlichen Ausschüssen mischen wir hier mit: Beim BMAS wurde vereinbart, eine die Verbindlichkeit erhöhende Konkretisierung der Arbeitsschutzstandards unter Beteiligung betroffenerArbeitsschutzausschüsse des BMAS im Technischen Regelwerk vorzunehmen.

    Diese Regeluntersetzung wird vor allem durch die Ausschüsse für Arbeitsstätten (ASTA), für Arbeitsmedizin (AfAMed), für biologische Arbeitsstoffe (ABAS) sowie den für Betriebssicherheit (ABS) geleistet. ver.di ist in einigen staatlichen Ausschüssen direkt vertreten (ASTA und AfAMed. AGS, ABAS und ABS).

    Aktuell hat der ASTA eine Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Corona" eingerichtet.

    ver.di ist hier über den DGB in die Gestaltung des Arbeitsschutzes auf nationaler Ebene mit beteiligt. Wir konnten aus den zahlreichen Branchen, deren Beschäftigte wir vertreten, unsere Positionen, Forderungen und Argumente für die neuen Regeln einbringen.

    Nach dem 5. Juni erwarten wir die fertigen Arbeitsschutzregeln mit einer angepassten Gefährdungsbeurteilung zu konkreten betrieblichen Maßnahmen des Arbeits- und Infektionsschutzes zum Schutz der Beschäftigten für alle Branchen.

    Der vom BMAS gemeinsam mit Sozialpartnern, Ländern, Unfallversicherungsträgern und Sachverständigen entwickelte SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard stellt in der gegenwärtigen Ausnahmesituation der Corona-Pandemie eine wichtige Orientierungs- und Handlungshilfe dar. Eine Forderung der Gewerkschaften ist beispielsweise, dass das Homeoffice als Form mobiler Arbeit anerkannt wird und somit eine Arbeitsform ist, die zwar nicht in einer Arbeitsstätte (gemäß § 2 Abs. 1 ArbStättV) oder an einem fest eingerichteten Telearbeitsplatz (gemäß § 2 Abs. 7 ArbStättV) im Privatbereich der Beschäftigten ausgeübt wird, sondern bei dem die Beschäftigten an beliebigen anderen Orten (zum Beispiel  bei Kund*innen, in Verkehrsmitteln, am Bahnhof, auf dem Flughafen, in Gaststätten oder Hotels, in einer Wohnung etc.) tätig werden. Dennoch soll nach Auffassung von ver.di künftig gelten: Für alle Formen der mobilen Arbeit gelten die Bestimmungen des Arbeitsschutz- und des Arbeitszeitgesetzes.

    Auch im Arbeitsschutzstab zur ständigen Begleitung und Abstimmung notwendiger Anpassungen der Arbeitsschutzstandards an die weitere Entwicklung der Pandemie arbeitet ver.di mit. (dabei sind auch: Vertreter*innen des BMAS und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), des Robert-Koch-Instituts (RKI), des DGB, der BDA, von Unfallversicherungsträgern und Ländern sowie als Sachverständige die Vorsitzenden des Ausschusses für biologische Arbeitsstoffe und des Ausschusses für Arbeitsmedizin).

    Weitere Informationsquellen

    * Feierabend bedeutet übrigens, dass man nicht mehr dem Willen des Arbeitgebers unterliegt, sondern frei nach eigenem Willen sein Ding machen kann. Es lohnt sich, über diesen Wert nachzudenken!

    Lesetipp
    Tageszeitung "junge Welt"vom 23.7.2020, "Noch stehen politische Signale leider auf Rot -  Gewerkschaft Verdi fordert breitere Anerkennung von Covid-19 als Berufskrankheit für mehr Beschäftigte. Ein Gespräch mit Andreas König"