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Gesundheitsreport nicht in die Schublade stecken

Gesundheitsreport nicht in die Schublade stecken

Betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz stärken

Rund 30 Millionen Menschen sind in Deutschland sozialversicherungspflichtig beschäftigt bzw. haben Anspruch auf Krankengeld. Der BKK Dachverband hat für den Gesundheitsreport 2014 die Daten der 9,3 Mio. in den Betriebskrankenkassen Versicherten ausgewertet. Die Ergebnisse liefern wichtige Hinweise für die betriebliche Gesundheitsförderung, den Arbeits- und Gesundheitsschutz und die allgemeine Sozial- und Gesundheitspolitik. Sie machen dabei deutliche regionale Unterschiede sichtbar, die politische Aufmerksamkeit erfordern.

Arbeitnehmer_innen im Osten Deutschland sind häufiger krankgeschrieben als im Westen Deutschlands. Dieser Befund hängt eng mit dem Altersschnitt der Versicherten zusammen. In Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt liegen die Fehlzeiten der Beschäftigten rund fünf Tage über dem Bundesdurchschnitt. Die jüngsten und gesündesten Versicherten leben in Bayern und Baden-Württemberg.

Die Betriebskrankenkassen sehen die Gründe für die Unterschiede bei den Fehltagen – neben dem demografischen Faktor – vor allem in den Lebensumständen der Beschäftigten: „Da wo Versicherte am besten verdienen und in zukunftsorientierten Branchen arbeiten, da sind die Versicherten weniger krank als in Ländern mit altindustrieller Struktur oder in Ländern und Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit.“(Tagesschau.de)

Seit 2006 nehmen die krankheitsbedingten Fehlzeiten jedes Jahr zu, 2014 um rund 7,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Schaut man sich die gesundheitlichen Gründe für den Krankenstand genauer an, lassen sich Schlüsse ziehen, die auf neue berufliche Belastungen hinweisen. Für die meisten Ausfalltage sind Muskel-und Skeletterkrankungen verantwortlich. Sie entstehen nicht nur durch körperlich anstrengende Arbeit, sondern auch durch monotone und bewegungsarme Tätigkeiten und haben häufig auch psychische und psychosoziale Ursachen. Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen nehmen zu, um 2,3 Prozent im letzten Jahr.

ver.di fordert deshalb eine intensive präventiv angelegte Abwehr beruflicher Gefährdungen und eine Arbeitsmarkpolitik die diese Belastungslage ernst nimmt.

Gesundheitliche Chancengleichheit für alle

Wir wissen: Krankheit, Alter, Arbeitsbedingungen und soziale Stellung beeinflussen das Erkrankungsrisiko. Regionale Unterschiede, wie sie der Gesundheitsreport analysiert, sind ebenfalls ein wichtiger Parameter für eine effektive Präventionsarbeit und Gesundheitsversorgung. ver.di begrüßt eine differenzierte Auswertung der Daten, da wir uns für gesundheitliche Chancengleichheit einsetzen. Die unterschiedlichen Bedürfnisse müssen in eine Vielfalt der Maßnahmen übersetzt werden.

Neue Konzepte zum Arbeitsschutz und zur Gesundheitsförderung müssen entlang neuer Untersuchungs-Ergebnisse gedacht werden und auch Menschen ohne sozialversicherungspflichtige Beschäftigung stärker einbeziehen. ALG-II-Empfänger etwa schätzen ihre Gesundheit weitaus schlechter ein als Erwerbstätige (IAB-Kurzbericht und Spiegel.de).

Wer durch Armut und andere schwierige Lebensumstände benachteiligt ist, das betonen auch die Autoren des Gesundheitsreports, dessen Erkrankungsrisiko ist doppelt so hoch. Schichtabhängige Unterschiede beeinflussen „nachweislich den Gesundheitszustand, das Gesundheitsverhalten und die Inanspruchnahme der Vorsorgeuntersuchungen.“ Gerade diejenigen Gruppen mit besonderem Bedarf werden aber bislang kaum von präventiven Maßnahmen erreicht. Um dieses „Präventionsdilemma“ zu lösen, müssen Erwerbslose stärker integriert werden. Ihre Bedürfnisse müssen in das bevorstehende Präventionsgesetz mit einbezogen werden (sopoaktuell Nr. 201).

Gute Arbeit für alle

Die veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen führen zu einer Veränderung des Krankheitsspektrums. Hohe Arbeitsbelastung, Arbeitsverdichtung, Stress, und Überstunden und nicht selten die Sorge um den Arbeitsplatz sind für den hohen Krankenstand mit verantwortlich. Angesichts einer steigenden Arbeitsintensivierung und Arbeitshetze, prekären Arbeitsverhältnissen und den damit verbundenen negativen Folgen für die Beschäftigten steigt die Relevanz von Guter Arbeit und abgestimmter Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen – es geht vor allem um die vollständige und flächendeckende Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung. Zur Unterstützung hierfür hat ver.di eine ver.di-Online-Handlungshilfe zur Gefährdungsbeurteilung entwickelt, die sehr gut nachgefragt wird.

Derzeit hat die Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen oberste Priorität. Dabei macht sich ver.di dafür stark, den Zusammenhang von psychischen und psychisch bedingen Erkrankungen zu thematisieren. Aktuell bilden diese Themen, also Gefährdungsbeurteilung, psychische Belastungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen den Schwerpunkt der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) für die Jahre 2013–2018.

ver.di arbeitet in diesem Bündnis mit und hat sich in einer Kooperationsvereinbarung verpflichtet, die genannten Ziele der GDA gezielt zu unterstützen.

In einer sozialen Lebenslaufpolitik, die auf den demographischen Wandel aktiv reagiert, kommt Arbeitsschutz als gewerkschaftlichem Handlungsfeld oberste Priorität zu.

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