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Die Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern

Die Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern

Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit aus gleichstellungspolitischer Sicht

Auch wenn immer noch mehr Männer als Frauen arbeiten: Nur in wenigen Ländern ist die Erwerbsbeteiligung insgesamt und insbesondere die von Frauen so hoch wie in Deutschland. Das ist eine gute Entwicklung, da die Erwerbsbeteiligung von Frauen die Grundlage für wirtschaftliche Unabhängigkeit ist. Allerdings ist dafür die Art der Beschäftigung entscheidend, denn mit manchen Jobs lässt sich weder ein existenzsicherndes Einkommen erzielen, noch eine langfristige wirtschaftliche Unabhängigkeit im Alter sichern.

Anhand der statistischen Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit lassen sich eindeutige Unterschiede zwischen den Geschlechtern entlang der unterschiedlichen Beschäftigungsformen ablesen. Rund zwei Drittel der Selbstständigen sind Männer. Auch die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind mehrheitlich Männer. Bei den Minijobs gibt es ebenfalls signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede. Hier sind die Frauen deutlich in der Überzahl, denn zwei Drittel der ausschließlich geringfügig entlohnt Beschäftigten im erwerbsfähigen Alter sind Frauen.  

Titelblatt der Broschüre der Bundesagentur für Arbeit Bundesagentur für Arbeit

Überraschend ist, dass die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zuletzt bei den Frauen stärker gewachsen ist als die der Männer. Allerdings ist dieser Zuwachs ausschließlich in den Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen zu verzeichnen. 47 Prozent aller sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen arbeiteten im Juni 2017 in Teilzeit, das heißt weniger als die tariflich oder vertraglich normalerweise vereinbarte Arbeitszeit. Bei den Männern sind dies nur elf Prozent. Für viele Frauen ist Teilzeitarbeit wahrscheinlich immer noch die Voraussetzung, um Familie und Job in Einklang zu bringen. Und sie übernehmen nun mal hauptsächlich die Familien- und Sorgearbeit.

Die Gründe für die derart hohen Zahlen sind also einerseits in der traditionellen Verteilung der Sorgearbeit, andererseits aber auch in der steuerlichen Begünstigung von Ehepaaren (Ehegattensplitting) zu suchen. Ein kurzfristiger Anreiz, denn bei einem Minijob fallen keine eigenen Abgaben an und dem Besserverdienenden winken Steuervergünstigungen, der aber für die Frauen, die in der Regel weniger verdienen und arbeiten, langfristig große Risiken birgt. Sie erwerben selbst bei Zahlung der freiwilligen Beiträge kaum Rentenansprüche.

Auch sogenannte Aufstocker, das sind geringfügig Beschäftigte im Leistungsbezug, sind vorwiegend weiblich. Ein gutes Drittel der abhängig beschäftigten erwerbsfähigen Leistungsbezieher hat ausschließlichen einen Minijob, der nicht für die eigene Existenzsicherung reicht. Im Oktober 2017 waren 55 Prozent der 368.000 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten mit Minijob Frauen. Die Gründe dafür sind statistisch nicht erhoben. Sie könnten laut Bundesagentur für Arbeit darin liegen, dass die „Kinderbetreuung nicht gesichert ist“, „keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gefunden wurde“ oder die „Jobcenter immer noch den Fokus auf eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Männern als Hauptverdiener richten.“

"Anzeichen für eine grundlegende Änderung dieser Schwerpunkte von Männern und Frauen gibt es zumindest auf Ebene der Fachkräfte kaum. In der Berufswahl und Tätigkeit der 1,6 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigten Auszubildenden im Herbst 2017 spiegeln sich weitgehend die hergebrachten Muster. Die meisten männlichen Azubis gab es unverändert in Maschinenbau- und Fahrzeugtechnikberufen; die meisten weiblichen in medizinischen Gesundheitsberufen sowie in Büroberufen."

Die Branchen, in denen Männer und Frauen arbeiten, sind immer noch erwartbar und entlang traditioneller Zuschreibungen und Stereotype verteilt. Frauen sind in den Branchen überrepräsentiert, die trotz individueller und kollektiver Lohnverhandlungen schlechter bewertet werden und häufig im Niedriglohnsektor zu finden sind. Dass sich diesbezüglich wenig ändert, lässt sich an der Berufswahl ablesen, die die Bundesagentur ebenfalls für das Jahr 2017 ausgewertet hat.

Das ist einer der vielen Gründe für den Gender Pay Gap, die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern. Männer verdienen auch im Jahr 2016 deutlich mehr. Das monatliche Bruttoarbeitsentgelt von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten lag im Jahr 2016 (neuere Daten lagen der Bundesagentur nicht vor) im Mittel bei 3.133 Euro. Dabei bezogen Männer mit 3.301 Euro ein deutlich höheres mittleres monatliches Bruttoarbeitsentgelt als Frauen mit 2.833 Euro, ist in dem Bericht nachzulesen.

Neben der Forderung nach Entgeltgleichheit muss aber auch die gesellschaftliche Diskussion zur Bewertung von Berufsfeldern geführt werden. Die Arbeit an und mit Menschen darf nicht schlechter entlohnt werden als die Arbeit an Maschinen. In einer sich wandelnden Welt wird der Anteil der menschenzentrierten Arbeit im Gegensatz zur Arbeit in der Produktion stetig wachsen.

Die Arbeitslosenquote von Frauen liegt unterhalb der Quote von Männern, der Anteil weiblicher Langzeitarbeitsloser ist allerdings höher als bei den Männern. Und die Schwierigkeit alleinerziehend und arbeitssuchend zu sein und schwerer aus der Grundsicherung herauszukommen, liegt ebenfalls ganz überwiegend bei den Frauen. Eine Benachteiligung beim Zugang zur Förderung durch arbeitsmarkpolitische Maßnahmen bei Erwerbslosigkeit konnte nicht festgestellt werden, das lässt sich ebenfalls aus den Zahlen ablesen und ist eine erfreuliche Nachricht.

Denn die nackten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass Frauen zwar nicht mehr rechtlich benachteiligt werden, aber faktisch oft durch die Lebensumstände und Erwerbsunterbrechungen schlechter gestellt sind. Da die eigenständige Existenzsicherung von Frauen für ver.di zu den politischen Kernforderungen gehört, sind die aktuellen Zahlen auch weiterhin ein Arbeitsauftrag an uns, den wir sehr ernst nehmen.

Die Voraussetzung für eine eigenständige Existenzsicherung sind sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze statt Minijobs, die Durchsetzung des Rechts auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, die Verwirklichung betrieblicher Chancengleichheit und ein anderes Steuersystem, das auf eine Individualbesteuerung ausgelegt ist und nicht die Ehe, sondern Kinder berücksichtigt. Zudem muss das Recht auf befristete Teilzeit mit Rückkehranspruch auch für Frauen in Betrieben mit wenigen Beschäftigten gelten – dort sind nämlich die meisten Frauen beschäftigt. Neben der klassischen Gleichstellungspolitik für Frauen ist uns allerdings auch die Förderung einer väterfreundlichen Betriebskultur wichtig, denn bezahlte und unbezahlte Arbeit muss zusammengedacht werden, wenn wir eine existenzsichernde Arbeit für alle gestalten wollen.

Die Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern 2017 (Herausgeber: Bundesagentur für Arbeit)

[06.12.2018]