Nachrichten

    Fünf Jahre „Wir schaffen das“

    Fünf Jahre „Wir schaffen das“

    Aktuelle Entwicklungen zur betrieblichen Situation Geflüchteter in Deutschland

    Vor fünf Jahren nahm die Bundesrepublik unter dem Druck der Flüchtlingsbewegung auf der Balkanroute fast eine Million Schutzsuchender aus den Kriegs- und Krisenländern des Mittleren Ostens auf. Der berühmte Ausspruch der Kanzlerin Merkel „Wir schaffen das!“ spiegelte einen breiten gesellschaftlichen Konsens wider, die Zugezogenen zu unterstützen und ihnen das Ankommen in der neuen Gesellschaft auf allen Ebenen zu erleichtern. Auch die Gewerkschaften verstanden und verstehen sich als Teil der Willkommensbewegung und setzen sich aktiv für diese Ziele ein.

    Ein sicherer, ausreichend vergüteter Arbeitsplatz und eine qualifizierte Berufsausbildung sind wichtige Bausteine für die Integration von Geflüchteten in Deutschland. Daher gilt es, fortlaufend die Frage zu stellen, wie eine gelungene Integration in die Betriebe gefördert werden kann. Im Rahmen der Tagung „Ankommen am Arbeitsplatz – Integration in den Betrieben in Deutschland“ des DGB Bildungswerks, wurde die aktuelle Situation der betrieblichen Integration Geflüchteter anhand von Praxisbeispielen, Erfahrungen und Konzepten für eine gute Integrationsbegleitung beleuchtet und diskutiert.

    Die Entwicklung der betrieblichen Arbeitsmarkintegration fünf Jahre seit der Fluchtmigration

    In ihrem Vortrag stellte Carola Burkert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung die aktuelle Situation der betrieblichen Arbeitsmarktintegration Geflüchteter in Deutschland dar. Diese habe sich durchaus positiv entwickelt, so sind nach fünf Jahren Zuzug circa 50 Prozent der Geflüchteten erwerbstätig. Zudem arbeiten über 50 Prozent der geflüchteten Erwerbstätigen mindestens auf Fachkräfteniveau.

    Zu kritisieren sei jedoch der deutliche Gendergap in der Erwerbstätigenquote, unterteilt in Geschlecht sind sogar 57% der Männer, jedoch nur 29% der geflüchteten Frauen erwerbstätig. Darüber hinaus ist der Anteil der Arbeitnehmer*innen die in gering qualifizierten Dienstleistungsbereichen beschäftigt sind, im Vergleich zur deutschen Arbeitnehmer*innenschaft um ein vielfaches höher (44 Prozent zu 13 Prozent).

    Erklärung zur Grafik 1: Von 100 Geflüchteten die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, arbeiten 26,9 Prozent in Verkehrs- und Logistikberufen. Betrachtet man die deutsche Arbeitnehmer*innenschaft, arbeiten nur 8,8 Prozent in dieser Branche.

    Grafik: Asylherkunftsländer - v. a. Verkehr-/Logistikberufe, Gastgewerbe, Fertigung- und Reinigungsberufe - deutliche unterschiedliche Beschäftigungsstruktur zu Deutschen IAB Grafik 1

     

    Probleme aus der Praxis

    Welche Schwierigkeiten bei der betrieblichen Integration auftauchen, wurde im Laufe des ver.di Praxisprojekts „Betriebliche und Integration von Geflüchteten in kommunale Betriebe“ sichtbar. Im Rahmen des Projekts absolvierten junge Geflüchtete eine Ausbildung in einem kommunalen Betrieb, anhand der Erfahrungen sollten Kriterien für eine gelingende Integration erarbeitet werden. Es stellte sich heraus, dass neben Sprachproblemen insbesondere der unsichere Aufenthaltsstatus die erfolgreiche Aufnahme eines Ausbildungsverhältnisses behindert. Rechtliche Fragen sorgen für Unsicherheit auf beiden Seiten und bedeuten einen erheblichen Mehraufwand für die Ausbildungsbetriebe. Der Sozialwissenschaftler und Kooperationspartner des Projekts Hans-Peter Obladen fordert ein größeres Engagement seitens der Betriebe, aber auch die Entwicklung von Unterstützungsangeboten und transparenten Vorgaben für die gelungene Aufnahme einer Betriebsausbildung:

    „In den beteiligten Betrieben wurde deutlich, dass sie die Unterstützung und Zusammenarbeit anderer Abteilungen oder Referate benötigen. So muss es doch die Aufgabe der Personalabteilung sein, sich ins Ausländerrecht einzuarbeiten, um auf vielfältige neue soziale Fragen Antworten geben zu können. Auch die Aufgaben der Ausbilderinnen und Ausbilder wandeln sich, so tauchen zunehmend interkulturelle Fragestellungen auf, braucht es mehr Aufmerksamkeit und bei Bedarf die Unterstützung durch individuell angepasste Arbeitsmarktinstrumente, wie ausbildungsbegleitende Hilfen oder assistierte Ausbildung. […] „Das schaff ich nicht auch noch“, war ein häufiges Argument.“

    „Die Covid 19 Pandemie stoppt den positiven Trend“

    Die bisherigen Probleme der Arbeitsmarkintegration werden durch die Corona-Pandemie verstärkt, da Sprachkurse sowie berufs- und ausbildungsvorbereitende Maßnahmen nicht ausreichend stattfinden können. Für viele Geflüchtete bilden die Beschäftigung oder Ausbildung die Grundlage für ihren Aufenthalt in Deutschland.

    Die Zahlen des IAB verdeutlichen, dass von dem durch die Corona-Pandemie ausgelösten Anstieg der Arbeitslosigkeit, Arbeitnehmer*innen aus Asylherkunftsländern am stärksten betroffen sind. Zurückzuführen ist dies insbesondere auf die Beschäftigungsstruktur: Geflüchtete sind insbesondere in Verkehr- und Logistikberufen, im Gastgewerbe sowie in der Reinigungsbranche tätig - also in Berufen, die sich nicht aus dem Homeoffice erledigen lassen und von Betriebsschließungen oder Auftragsausfällen betroffen waren. Die Pandemie stoppte die Arbeitsmarktintegration jedoch nicht nur im Bereich der Helfertätigkeiten, Menschen aus Asylherkunftsländern sind aufgrund ihrer geringen Betriebszugehörigkeitsdauer und befristeten Beschäftigungsverhältnissen auch auf formal höheren Qualifikationsniveaus am stärksten von Arbeitslosigkeit betroffen.

    Problematisch ist zudem, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht ausreichend über ihre Rechte informiert sind. Der Leiter des DGB Projekts „Support Faire Integration”, Jerzy Bohdanowicz, berichtet, dass Ansprüche auf Weiterbeschäftigung und Kurzarbeitergeld oft nicht in Anspruch genommen werden. „Wenn man denen sagt: ‚Ab morgen arbeitest du nicht‘, dann nehmen sie das so an“, so Bohdanowicz. Die Anzahl an Beratungen durch das Projekt „Support Faire Integration” habe sich im April und Mai gegenüber dem Januar 2020 verdoppelt.

    Grafik 2: Anstieg der Arbeitslosigkeit: Asylherkunftsländer am stärksten betroffen - auf allen Anforderungsniveaus IAB Grafik 2

     

    Der Handlungsbedarf steigt – Integrationserfolge nicht gefährden

    Um die bisherigen Integrationserfolge nicht zu gefährden, steigt der Bedarf nach politischen Maßnahmen. Die Gewerkschaften des DGB fordern, der Spaltung am Arbeitsmarkt aktiv entgegenzuwirken und Geflüchteten durch Qualifizierungen, Ausbildungen und der Anerkennung von bereits im Ausland erworbenen Abschlüssen, qualifizierte und unbefristete Beschäftigungsverhältnisse zu ermöglichen. Darüber hinaus fordert der DGB, dass spätestens nach einem Jahr Aufenthalt die Möglichkeit auf einen unbefristeten Aufenthaltstitel eingeräumt werden muss. So können den Geflüchteten sowie der Arbeitgeberseite Planungsunsicherheiten genommen und der überdurchschnittlich häufigen Beschäftigung in prekären Verhältnissen entgegengewirkt werden. Damit junge geflüchtete Menschen nicht wehrlos gegenüber schlechten Ausbildungsbedingungen und Ausbeutung sind, dürfen laut ver.di auch Ausbildungs(platz)wechsel und Ausbildungsabbrüche keine Abschiebung zur Folge haben (Beschluss ver.di-Bundeskongress 2019). Zudem soll die Förderung von Lotsenprogrammen innerhalb der Betriebe die Integration in Ausbildung und Betriebe unterstützen und zugleich Vorurteile abbauen. Die Unterbringung von Geflüchteten in Massenunterkünften behindert nicht nur die Integration, sondern stellt auch ein erhebliches gesundheitliches Risiko dar. Die Regierung sollte Geflüchtete daher dezentral unterbringen. In Zeiten der Pandemie hat sich die Notwendigkeit, Arbeitnehmer*innen über ihre Rechte aufzuklären, noch einmal verstärkt.

    Fünf Jahre nach dem Sommer der Migration stellen sich mit der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung aufgrund der Corona-Pandemie neue arbeitsmarktpolitische Herausforderungen: Gleiche Rechte, sicherer Aufenthalt und der Zugang zu guten Integrationsleistungen fördern die Einbindung der Geflüchteten in Gute Arbeit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.