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    Arbeitsschutz bei der mobilen Arbeit

    Arbeitsschutz bei der mobilen Arbeit

    So vielseitig wie die Möglichkeiten, mobil zu arbeiten, sind auch die Herausforderungen, die dadurch entstehen.

    Der Fachverband für Arbeitssicherheit (FASI) lud am 18.11.2021 in Zusammenarbeit mit dem Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim zur Online-Tagung mit dem Themenschwerpunkt „Arbeitsschutz bei der mobilen Arbeit“ ein. Dabei wurde deutlich, wie komplex das Thema der mobilen Arbeit ist, da der Begriff die unterschiedlichsten Formen von Arbeitsorganisation umfasst. Die Ausgestaltung der mobilen Arbeit ist extrem individuell und viele verschiedene Branchen machen bereits davon Gebrauch. Mitarbeiter*innen beantworten in den eigenen vier Wänden E-Mails am Laptop, laufen mit dem Roller quer durch die Stadt Essen oder müssen Videocalls im Zug führen. Durch die große Vielseitigkeit der mobilen Tätigkeiten wird es zunehmend herausfordernder, diese in der Gesetzgebung zum Gesundheitsschutz zu berücksichtigen; dafür zu sorgen, dass die Relevanz des Arbeitsschutzes beim mobilen Arbeiten nicht in den Hintergrund gerät, ist eine wichtige Aufgabe.

    Zwei Fragen wurden bei der Fachtagung besonders sinnfällig: Wie wird mobile Arbeit sinnvoll gestaltet und welche Folgen hat die mögliche Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben? Auch wenn die individuellen Anforderungen an die mobile Arbeit weit auseinanderklaffen, stellen alle Formen des mobilen Arbeitens eine besondere Herausforderung bezüglich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes dar. 

    Grafische Darstellung der AU-Tage von AOK-Mitgliedern von 2011 bis 2020 WidO Work-Life-Blending

     

    Auf der Tagung wurden Arbeitsformen diskutiert, bei denen besondere Herausforderungen bestehen. Prof. Dr. Martin Schmauder von der TU Dresden berichtete zum Beispiel von den Anforderungen an die Bildschirmarbeit und dass die persönliche Gefährdung auch von der individuellen (Fehl-)Handhabung der Arbeitsmittel abhängt. Wenn Beschäftigte an unzureichend eingerichteten Arbeitsplätzen arbeiten, erhöhen sich die Gesundheitsrisiken und Mehrbelastungen. Aber auch Aspekte des Arbeitens in einem Fahrzeug und die Ergonomie in Lkw-Führerhäusern wurden thematisiert. Hier wurde besonders deutlich, dass der klassische Arbeitsschutz beim mobilen Arbeiten verbessert und ausgebaut werden muss. 

    Der zweite Aspekt der mobilen Arbeit, der eine wichtige Rolle im Arbeitsschutz spielt, ist die psychische Belastung, die mit der Entgrenzung der Arbeit bei mobiler Arbeit einhergeht. Bei der mobilen Arbeit, vor allem bei der, die in der eigenen Wohnung ausgeübt wird, werden zunehmend die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben vermischt. Dies kann zu einer erheblichen Belastung für die Beschäftigten führen, die auch ihr privates Umfeld belasten können. Zum Beispiel ist es nicht für alle möglich, ein geeignetes Arbeitszimmer einzurichten, um so die Arbeit vom Privatleben auch räumlich zu trennen. Aber nicht nur die räumlichen Gegebenheiten können problematisch sein, auch die fehlende zeitliche Begrenzung ist für viele mobil Arbeitenden herausfordernd. Wenn man keinen festen Arbeitsplatz hat, ist es teils auch schwierig zu definieren, wann die Arbeit anfängt und wo sie aufhört. Oft stellt sich das Gefühl ein, nicht mehr offline sein zu können und die Anforderung der dauerhaften Erreichbarkeit setzt die Beschäftigten zunehmend unter Druck. Das sogenannte „Work-Life-Blending“ führt zu emotionalem Stress und in der Folge zu einem Anstieg von krankheitsbedingten Ausfällen.

    Einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung dieser Problematiken des mobilen Arbeitens kann der Arbeitgeber leisten: Genaue Absprachen und Aufklärung über die Risiken und Fallstricke sorgen für mehr Sicherheit. Denn mit dem mobilen Arbeiten sind häufig weniger Austausch und somit gestiegene Unsicherheiten bei den Beschäftigtenverbunden. Was passiert, wenn der Arbeitslaptop herunterfällt? Wann muss ich erreichbar sein und wie kann ich meine Pause einteilen? Wie erreiche ich die Kolleg*innen am besten, um mich mit ihnen abzusprechen? Diese oder ähnliche Fragen gilt es schnellstmöglich zu klären. Auch die Erwartungshaltungen sollten klar definiert und besprochen werden, riet Prof. Dr. Martin Schmauder. Hierfür sollten die Arbeitgebenden einen angemessenen Rahmen schaffen, der nicht nur das Angebot beinhalten sollte, sich jederzeit melden zu können, sondern auch tatsächliche regelmäßige Kontaktaufnahmen in den Arbeitsalltag zu integrieren.

    Grafik zum Effekt von Pausen auf Gesundheit, Wohlbefinden, Arbeitsleistung BAuA Arbeitszeit - Pausen


    Die Arbeitsschutz- und Arbeitszeitgesetze gelten selbstverständlich auch für die mobile Arbeit. In jedem Beitrag auf der Tagung betonten die Vortragenden jedoch, dass darüber hinaus ein gesetzlicher Rahmen für den Gesundheitsschutz bei der mobilen Arbeit geschaffen werden müsse. Auch in der abschließenden Diskussionsrunde wurde erneut die Frage diskutiert, welche weiteren Hilfsmittel oder Regelwerke benötigt werden, um mobile Arbeit gesundheitsgerechter zu gestalten.

    ver.di sieht Handlungsbedarf

    Da bislang ist diesem Bereich viele Fragen unbeantwortet und gesetzlich ungeregelt sind, fordert ver.di klarere Regelungen für die mobile Arbeit. Der Bereich Gute Arbeit und Innovation hat in einer aktuellen Publikation Leitideen zur Ausgestaltung im Homeoffice zusammengefasst, die zum Download zur Verfügung steht. Denn genau so vielfältig wie die Möglichkeiten, mobil zu arbeiten, sind auch die Anforderungen, die sich daraus ergeben. Wichtig ist nun, dass Arbeitgebende, Gesetzgebende und Gewerkschaften daran arbeiten, die vielfältigen Herausforderungen der mobilen Arbeit zu bewältigen und so Gute Arbeit zu ermöglichen. 

    [14.12.2021]