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    Arbeitsschutz ist Gesundheitsschutz

    Arbeitsschutz ist Gesundheitsschutz

    Das Interesse war groß: Fast 500 Menschen nahmen an dem digitalen Live-Event der Macher*innen der Arbeitsschutzregel teil, das sich an interessierte ver.di-Mitglieder, Funktionär*innen, Betriebs- und Personalrät*innen, Schwerbehindertenvertretungen und hauptamtliche Kolleg*innen richtete. Eingeladen hatte das Ressort Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik in Kooperation mit CAIDAO dem Institut für Betriebsratsberatung, um zu berichten, wie die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel entstanden ist, aber auch um den Interessenvertreter*innen bei der Umsetzung dieser Regeln ganz praktische Handlungsempfehlungen an die Hand zu geben.

    Laptop und Monitore auf einem Tisch ver.di Online-Konferenz zur SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel

    In ihren einführenden Worten wies Dagmar König, verantwortlich für das Thema Arbeitsschutz im Bundesvorstand von ver.di, auf die oft noch unzureichende Umsetzung des Arbeitsschutzes in vielen Betrieben und Branchen hin. Erst unter den verschärften Bedingungen der Pandemie nehmen viele Arbeitgeber die Gefährdungsbeurteilung langsam ernst. Sie ist die Grundlage für alle aus ihr abgeleiteten technischen, organisatorischen und auch personenbezogenen Maßnahmen des Arbeitsschutzes. Die betrieblichen Interessenvertreter*innen, „die die Nöte und Sorgen der Arbeitnehmer*innen am besten kennen, haben unter den verschärften Bedingungen der Corona-Pandemie jetzt gute Chancen, den Arbeitsschutz durchzusetzen“, betonte Dagmar König.

    Auf der Grundlage einer Beurteilung möglicher Gefährdungen am Arbeitsplatz und mit der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel im Rücken müssen die Arbeitsbedingungen angepasst werden. Denn die Arbeitsschutzregel schreibt vor, dass bereits bestehende Gefährdungsbeurteilungen vor dem Hintergrund der Pandemie zu überprüfen und zu aktualisieren sind. Berücksichtigung soll dabei auch die Situation der im Homeoffice befindlichen Beschäftigten finden, genauso wie die aufgrund der Pandemie möglicherweise eintretenden zusätzlichen psychischen Belastungen. Die Überprüfung der Gefährdungsbeurteilungen hat ausdrücklich unter Einbeziehung der betrieblichen Interessenvertretungen stattzufinden. Hilfreich bei der Umsetzung ist der Praxis-Leitfaden, in dem ver.di das komplexe Regelwerk übersichtlich aufbereitet.

    Es bedarf dringend nachhaltiger Prozesse und Strukturen vor Ort, die die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten bei ihrer täglichen Arbeit während der Corona-Pandemie wirkungsvoll schützen.

    Ganz besonders sind jetzt die betrieblichen Interessenvertretungen gefragt, denn sie haben ein Mitbestimmungsrecht. Dagmar König verwies aber nicht nur auf die präventiven Maßnahmen, die vor der Infektion mit dem Erreger SARS-CoV-2 schützen sollen. Auch nach einer Infektion sollten die Arbeitnehmer*innen mit den Nachwirkungen einer Erkrankung nicht alleine gelassen werden. ver.di setzt sich dafür ein, dass Covid-19 als Berufskrankheit anerkannt wird. Im Moment gilt das nur für Beschäftigte und ehrenamtliche Helfer*innen in stationären oder ambulanten medizinischen Einrichtungen, in der Wohlfahrtspflege und in Laboren. Beschäftigte aus anderen Bereichen können ihre Erkrankung aber unter Umständen als Arbeitsunfall geltend machen (Interessierte verweisen wir auf den Vortrag von Prof. Dr. Stephan Brandenburg, den er am Tag der Selbstverwaltung gehalten hat. Die Anerkennung als Berufskrankheit ist derzeit an den Kontakt mit SARS-CoV-2-infizierten Personen im Rahmen der beruflichen Tätigkeit im Gesundheitswesen, an relevante Krankheitserscheinungen (wie Husten und Fieber) und den positiven Nachweis des Virus durch einen PCR-Test geknüpft. Ist die Erkrankung als Berufskrankheit anerkannt, übernimmt die gesetzliche Unfallversicherung die Kosten der anstehenden Heilbehandlung und die der medizinischen, beruflichen und sozialen Rehabilitation. Bei einer bleibenden Minderung der Erwerbsfähigkeit kann sie auch eine Rente zahlen. Im Todesfall können die Angehörigen eine Hinterbliebenenrente erhalten.

    Videomitschnitt der Online-Konferenz zur SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel am 12.11.2020

    Psychische Belastungen im Blick behalten

    In einem interessanten Kurzvortrag von Eva Haberkern, Arbeitspsychologin bei CAIDAO, stand die psychische Gesundheit der Beschäftigten in Zeiten der Corona-Pandemie im Zentrum. Da die Arbeitsbedingungen sich in sehr vielen Bereichen grundlegend verändert haben, viele Menschen im Homeoffice arbeiten und Arbeitsprozesse ständig angepasst werden müssen, entstehen Mehrbelastungen, die sich häufig auf die Psyche auswirken. Nicht selten komme es bei dem Versuch, Job, Kinderbetreuung und den Haushalt unter einen Hut zu bringen zu Überforderungssituationen. Auch die Trennung zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmt. Die psychische Belastung steigt.

    „Um die Gesundheit der Beschäftigten in Krisenzeiten und darüber hinaus zu schützen, ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung Grundlage für die Entwicklung passgenauer Maßnahmen“, betonte die Arbeitspsychologin. In dem von Eva Haberkern erstellten Reader zur Online-Konferenz sind viele Hilfestellungen für Interessenvertreter*innen gebündelt. Auch im Praxis-Leitfaden zur neuen Arbeitsschutzregel ist der Erhalt der psychischen Gesundheit ein wichtiges Thema. Hier steht ganz am Ende auch ein Muster-Fragebogen zur Verfügung, der angepasst an die jeweilige Branche, eine gute Möglichkeit für die Interessenvertretungen bietet, die Beschäftigten danach zu befragen, welche Belastungen sie als besonders herausfordernd empfinden. Die Ergebnisse dieser Befragung sind ein guter Startpunkt für die zu ergreifenden Maßnahmen, die auch in dieser außergewöhnlichen Situation die psychische Gesundheit der Beschäftigten zu schützen helfen.

    Nach der Sensibilisierung für die psychischen Belastungen ging es bei der Veranstaltung nun konkret um die Arbeit an der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel, die im Sommer 2020 im Ministerialblatt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) veröffentlicht wurde. Sie konkretisiert auf der Grundlage des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) und der Arbeitsschutzverordnungen den SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard des BMAS.

    Blick auf Monitor mit Videokonferenz über die Schulter einer im Vordergrund sitzenden Person. ver.di Online-Konferenz zur SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel

    Bei der Einhaltung dieser Konkretisierungen kann der Arbeitgeber davon ausgehen, dass die Anforderungen an den neuesten Stand der Technik, der Hygiene und Arbeitsmedizin erfüllt sind. Wählt der Arbeitgeber eine andere Lösung, muss damit mindestens die gleiche Sicherheit und der gleiche Gesundheitsschutz für die Beschäftigten erreicht werden. Die Arbeitsschutzregel ist also mit einer hohen Verbindlichkeit ausgestattet, auch wenn sie rechtlich nicht bindend ist. Das betonte auch Peer-Oliver Villwock, Leiter der Unterabteilung "Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit" im BMAS in dem anschließenden Gespräch zwischen den Beteiligten der Ausarbeitung der Regeln.

    Die Regeln wurde in den verschiedenen Arbeitsausschüssen des BMAS und koordiniert von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) abgestimmt. Von Ernst-Friedrich Pernack waren als Vorsitzendem des Ausschusses für Arbeitsstätten (ASTA) hohe Vermittlungsfähigkeiten gefragt. Martina Nethen-Samimy saß für die Unfallversicherungsträger im Arbeitsstättenausschuss, sie ist für die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) im Referat für Vorschriften und Regeln tätig. Für ver.di setzten sich Katrin Willnecker, Referentin für Arbeits-/Gesundheitsschutz und Unfallversicherung und Dr. Hubertus von Schwarzkopf, Arbeitsmediziner und Mitglied des Ausschusses für Arbeitsmedizin (AfAMed) für die Belange der Beschäftigten ein. Immer mit dem Ziel, die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten zu schützen und die Arbeit der betrieblichen Interessenvertretungen zu vereinfachen. Sie alle erzählten von der Arbeit an der Ausarbeitung der Regeln, die zügig konkrete Werkzeuge für die Umsetzung vor Ort an die Hand geben sollte und beantworteten die Fragen der online Teilnehmenden.

    Die SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel soll Anfang des Jahres 2021 nachgebessert und an die aktuelle Situation und das fortschreitende Wissen über die Krankheit angepasst werden. Für ver.di sind zum Beispiel Tragezeitbegrenzungen und Erholungspausen beim Tragen von Mund-Nasen-Schutzmasken und das Augenmerk auf besonders schutzbedürftige Personen wichtig.

    Zudem muss auch beim Arbeiten im Homeoffice darauf geachtet werden, dass die Flexibilität nicht zu Lasten der Beschäftigten geht. Deshalb sind auch für die im Homeoffice befindlichen Beschäftigten Gefährdungsbeurteilungen durchzuführen. Außerdem hat der Arbeitgeber die Aufgabe, die Beschäftigten hinsichtlich einer ergonomischen Arbeitsplatzgestaltung und der Nutzung von Arbeitsmitteln zu unterweisen (das betrifft zum Beispiel die Höhe des Bildschirms). Auch das korrekte regelmäßige Lüften ist in der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel festgelegt. Das Lüften der Fenster muss beim Beginn der Tätigkeit und dann in regelmäßigen Abständen erfolgen. Im Winter wird eine Lüftungsdauer von 3 Minuten empfohlen. Besprechungs- und Seminarräume sind bereits vorab zu lüften und sollten während der Nutzung mindestens alle 20 Minuten gelüftet werden. Auch hilfreich: Die Unfallkasse Hessen und das Institut für Arbeitsschutz der DGUV haben die CO2-Timer-App entwickelt, die dabei helfen soll, die geeigneten Lüftungsintervalle zu berechnen. Die einzelnen Regelungen sind in der Arbeitsschutzregel oder auch im Praxis-Leitfaden von ver.di nachzulesen.

    [8.12.2020]

    Terminhinweis

    SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel in der betrieblichen Praxis
    Online-Fachtagung für Mitglieder der gesetzlichen Interessenvertretungen am 17. Februar 2021 von 10.00 bis 16.00 Uhr.

    Ziel dieser Tagung ist, Interessenvertretungen über ihre Mitbestimmungsrechte im Arbeits- und Gesundheitsschutz zu informieren und konkrete Handlungsansätze zu skizzieren, um eine professionelle Vertretung der Interessen der Beschäftigten sicher zu stellen – auch und insbesondere unter den Wirkungen und Nachwirkungen der Corona-Krise. Daher stehen Beteiligungsrechte, Ziele, Strategien und Handlungsmöglichkeiten der gesetzlichen Interessenvertretung zum Schutz der betroffenen Beschäftigten im Fokus dieser Tagung.

    Das Seminar ist kostenpflichtig. Alle Informationen dazu und das Anmeldeformular findest du hier.