Nachrichten

    Fachkräftemangel bei Lkw-Fahrer*innen

    Fachkräftemangel bei Lkw-Fahrer*innen

    Britische Verhältnisse auch bei uns?

    In den vergangenen Monaten gab es teils dramatische Versorgungsengpässe in Großbritannien. So konnten beispielsweise die Energiekonzerne BP und Esso wegen akuten Lkw-Fahrermangels einige Tankstellen nicht mehr mit Kraftstoff versorgen. In der Folge bildeten sich lange Schlangen, nachdem die Lieferprobleme bekannt wurden. BP und Esso schlossen sogar einige Tankstellen, an anderen gab es entweder nur noch Benzin oder Diesel. Der Betreiber, die EG Group, führte an den Zapfsäulen eine Obergrenze von 30 Pfund (35 Euro) je Kunde ein. 

    In dem ehemaligen Mitgliedsland der Europäischen Union ist die Bedeutung von Lkw-Fahrer*innen für das reibungslose Funktionieren des Wirtschaftssystems so drastisch sichtbar geworden. Neben Benzin fehlten auch einige Nahrungsmittel in den Supermarktregalen. Viele Preise für Verbraucher*innen sind gestiegen. Als Sofortmaßnahme wurde eine befristete Übergangsregelung eingeführt, die der britischen Regierung die Ausgabe von Visa für Lkw-Fahrer erleichtert. Insgesamt sollen so 5.000 ausländische Fachkräfte ins Land geholt werden, um den beschriebenen Lieferengpässen entgegenzuwirken. 

    Das Verkehrsministerium kündigte zudem ein Maßnahmenpaket an, um die Zahl der einheimischen Lkw-Fahrer*innen kurzfristig zu erhöhen. Unter anderem sollen Mitarbeitende des Verteidigungsministeriums aushelfen, um zusätzliche Fahrprüfungen anbieten zu können. Das Bildungsministerium soll ebenfalls bei der Ausbildung mithelfen. Auch kostenlose Umschulungen werden angeboten. Insgesamt sollen so 50.000 Fahrprüfungen pro Jahr zusätzlich möglich gemacht werden. Zudem soll zukünftig mit höheren Löhnen, fixen Arbeitszeiten und besseren Arbeitsbedingungen für den Mangelberuf geworben werden. Die geplanten Verbesserungen führen aber eher zu eher Verlagerung des Problems: Nunmehr könnte für viele Busfahrer*innen ein Umstieg vom Personen- auf den Warenverkehr interessant werden. Damit würde aber Fahrpersonal in der Personenbeförderung knapp werden – ein Teufelskreis.

    Die Ankündigungen unterstreichen die Bedeutung der Berufskraftfahrer*innen und sind insgesamt eine klare Abkehr von der restriktiven Einwanderungspolitik der Regierung von Premierminister Boris Johnson seit dem Austritt aus der EU: Johnson hatte Visa-Ausnahmen bisher strikt abgelehnt, obwohl Logistikfirmen und Einzelhändler diese schon länger forderten, um „Großbritanniens Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften zu beenden“. 

    In Großbritannien fehlen nach Schätzungen des Branchenverbands Road Haulage Association etwa 100.000 Lastwagenfahrer. Inwieweit der jetzige Sinneswandel der Regierung hier nachhaltig zu Verbesserungen beiträgt, bleibt abzuwarten. 

    Aber ist der Fachkräftemangel bei Lkw-Fahrer*innen lediglich ein britisches Problem? Betrifft uns das Thema in Deutschland gar nicht? Oder drohen auch bei uns „britische Verhältnisse“?

    Laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) besteht in Deutschland seit Jahren ein Engpass an Berufskraftfahrer*innen im Güterverkehr. Der Logistikbranche mangelt es an qualifizierten Fachkräften. Und auch der Blick in die Zukunft scheint recht düster. Die Situation wird sich in den nächsten Jahren weiter verschlechtern. 

    Schlechte Vorzeichen sind insbesondere die Altersstruktur der beschäftigten Lkw-Fahrer*innen sowie die nur sehr schwer zu besetzenden Ausbildungsplätze. Der Beschäftigtenanteil älterer Menschen (60+) ist im Jahr 2020 gegenüber 2017 um 2,4 Prozentpunkte auf 14,6 % gestiegen. Der Anteil liegt damit deutlich über dem Anteil älterer Beschäftigter in allen Berufen zusammengenommen (9,5 %). Die zu erwartende altersbedingte Abgangswelle prallt schließlich auf eine schwierige Nachwuchssituation: 

    17 % aller Ausbildungsstellen im Berufskraftverkehr blieben im Berufsberatungsjahr 2020/21 unbesetzt. Diese Prozentzahl an unbesetzten Stellen ist deutlich höher als der Anteil der unbesetzten Ausbildungsstellen insgesamt (13 %). 

    Im einschlägigen Magazin Trucker (https://www.trucker.de) schlägt der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGLE) bereits Alarm. Angesichts der bereits beschriebenen arbeitsmarktspolitischen Entwicklungen und der rund 80.000 schon heute fehlenden Berufskraftfahrer*innen sieht die BGLE Deutschland in der nahen Zukunft von einem Versorgungskollaps bedroht. 

    ver.di beurteilt die aktuelle Situation als noch nicht akut bedrohlich und erwartet sogar eine Entlastung im Bereich durch Kraftfahrer*innen, die sich infolge des Brexits entschieden haben, Großbritannien zu verlassen und zurück in die EU zu kommen. Es ist gut möglich, dass einige dieser Lkw-Fahrer*innen, die oft aus osteuropäischen Ländern stammen, ihre Arbeit in Deutschland wiederaufnehmen. 

    Nichtdestotrotz drohen arbeitsmarkpolitische Probleme, die aus Sicht von ver.di mit konkreten Maßnahmen zu beheben sind. Das grundsätzliche Problem ist, dass sich nicht genügend Nachwuchskräfte für den Beruf finden lassen. Grund hierfür ist die fehlende Attraktivität des Berufs. Die Arbeit ist hart. Ein Großteil des Lebens findet im Fahrzeug und auf schlecht ausgestatten Rastplätzen statt. Zudem haben die Fahrer*innen eine enorme Verantwortung für die Verkehrssicherheit, was eine sehr hohe Konzentration erfordert. Wegen des weitverbreiteten „Just-in-time-Wirtschaftssystems“ arbeiten Berufskraftsfahrer*innen außerdem unter extremem Zeitdruck. 

    All dies leisten sie für eine schlechte Bezahlung.

    Die Branche ist von Lohndumping betroffen. Berufskraftfahrer*innen im Güterverkehr in Deutschland verdienen durchschnittlich 2.300 Euro brutto. Viele Fahrer*innen werden in anderen EU-Ländern mit einem viel niedrigeren Entgelt als dem deutschen Mindestlohn angestellt, arbeiten aber oft ausschließlich innerhalb der Bundesrepublik. Dies verstößt zwar gegen EU-Recht, wird aber äußerst selten kontrolliert und geahndet. Diese Bedingungen sind nicht nur unhaltbar für die so angestellten Menschen, sondern führen zu einer „Vernichtungskonkurrenz“ in der Spedition, die die Löhne für alle nach unten drückt. Um diesem Problem entgegenzuwirken, bedarf es einer EU-Entsenderichtlinie, die auch für Berufskraftfahrer*innen gilt. Bislang sind gerade jene davon ausgenommen. Wer in Deutschland arbeitet, muss auch den deutschen Mindestlohn bekommen. Die Kontrolldichte in der Branche muss erhöht werden, sodass diese Praktiken bestraft werden. Nur so können die Löhne und Arbeitsbedingungen verbessert werden. 

    Sollten die Bedingungen in der Branche nicht verbessert werden, wird sich der immer größer werdende Fachkräftemangel in Deutschland nicht beheben lassen. Auch nicht mit ausländischen Arbeitskräften. Die aktuelle Situation in Großbritannien ist ein Ausblick auf die Engpässe, die kommen werden, wenn die Attraktivität des Berufs nicht erhöht wird. 

    [14.12.2021]