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Wenn Herkunft doch eine Rolle spielt

Wenn Herkunft doch eine Rolle spielt

Flyer zu den Wochen gegen Rassismus ver.di/Fotograf: Christian von Polentz Flyer zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus

Seit der Kölner Silvesternacht 2015/16 sind die Medien in Deutschland verstärkt dem Vorwurf ausgesetzt, dass sie Straftaten von Eingewanderten und Geflüchteten verschweigen oder verharmlosen würden. Viele Medien sind seitdem dazu übergegangen, die Herkunft von Tatverdächtigen öfter oder pauschal zu nennen. Das war der thematische Hintergrund der Veranstaltung mit dem Titel „Wenn Herkunft doch eine Rolle spielt. Trägt die Erwähnung der Nationalität von Tatverdächtigen bei Gewalttaten zu einer wahrheitsgetreuen Berichterstattung bei?“, die am 6. März in der ver.di Hauptverwaltung in Berlin stattfand und vom ver.di-Bundesmigrationsausschuss im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus organisiert wurde.

Zur Rolle und Verantwortung der Medien diskutierten auf dem Podium Thomas Hestermann, Professor an der Hochschule Macromedia, Cornelia Berger, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalist*innen Union in ver.di und Konstantina Vassiliou-Enz, Journalistin und Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher*innen, ein Verein von Medienschaffenden mit und ohne Migrationsgeschichte. Moderiert wurde die Veranstaltung von Romin Khan, migrationspolitischer Referent bei ver.di und stellvertretender Vorsitzender der Gelben Hand.

Massive Verzerrungen in der Berichterstattung

Publikum ver.di/Fotograf: Christian von Polentz Publikum

In seiner Studie hat Journalistikprofessor Hestermann eine überproportionale Nennung von Migranten nachgewiesen: „Die Herkunft wird meist nur dann erwähnt, wenn die Tatverdächtigen Ausländer sind.“ Nach der Polizeilichen Kriminalstatistik für 2018 kommen zwei deutsche Tatverdächtige auf eine Ausländer*in. Im Fernsehen ist das Verhältnis 1:8, in Zeitungsberichten werden ausländische Tatverdächtige bis zu 32 Malso häufig erwähnt, wie es ihrem statistischen Anteil entspricht. Wendepunkt sei die Kölner Silversternacht gewesen. Danach hätte der Deutsche Presserat den Pressekodex geändert – statt Sachzusammenhang ist nun das öffentliche Interesse für die Nennung der Nationalität ausschlaggebend. Das hätte in der Folge, so Hestermann, zu einer Verzerrung in der Berichterstattung geführt, was auch als Zurückweichen vor dem Druck der AfD gewertet werden könne.

Cornelia Berger, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalist*innen Unionin ver.di, verteidigte den im Presserat gefundenen Kompromiss, den Gewerkschaften mitausgehandelt haben, sieht die Entwicklungen seither jedoch kritisch und fordert ein, Verstöße der Redaktionen öfter zu melden und Haltung gegen Hass und Hetze zu zeigen. Konstantina Vassiliou-Enz,von den Neuen Deutschen Medienmacher*innen, kritisierte die pauschalen Verdächtigungen von ganzen Nationalitäten und rief auf, durch präzise Berichterstattung dem etwas entgegenzusetzen.

Verantwortung der Medien in der Einwanderungsgesellschaft

v.l.n.r.: Prof. Thomas Hestermann, Konstantina Vassiliou-Enz, Jinah Hussein, Cornelia Berger, Romin Khan ver.di/Fotograf: Christian von Polentz Veranstalter und Referent*innen

Romin Khan sieht in einer diskriminierenden Berichterstattung auch eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: „Wenn in den Medien pauschal die Herkunft von Tatverdächtigen genannt wird, ist das Wasser auf die Mühlen einer wachsenden Gruppe in der Gesellschaft, die glaubt, dass die Gründe für soziale Missstände grundsätzlich in der Frage von Herkunft und Zugehörigkeit zu finden sind.“ Diesen Trend dürften die Medien nicht einfach mitmachen, sondern müssen ihrer Verantwortung nachkommen, in der Einwanderungsgesellschaft auch die Rechte von Menschen mit Einwanderungsgeschichte zu wahren: „Diskriminierung ist eine alltägliche Realität und muss bekämpft werden, nicht legitimiert.“

Hier der Link zur Studie "Wie häufig nennen Medien die Herkunft von Tatverdächtigen?"

Der Bericht wurde dem Newsletter der Gelben Hand 01/2020 entnommen.

[25.3.2020]