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Familien und Corona – Für eine geschlechtergerechte Krisenpolitik

Familien und Corona – Für eine geschlechtergerechte Krisenpolitik

Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse

Auch wenn die Schulen und sonstigen Kinderbetreuungsanbieter jetzt (vorerst) wieder in den „Normalbetrieb“ wechseln, hat die Pandemie wie unter einem Brennglas gezeigt, wer in Deutschland (und auf der ganzen Welt) immer noch vorwiegend die (unbezahlte und bezahlte) Sorgearbeit übernimmt.

Die überproportionale Last der Krise wurde den Frauen aufgebürdet. Der Corona-Familienbonus von 300 Euro pro Kind ist nur ein schwacher Trost für Frauen und Eltern, die monatelang zuhause Homeschooling, ihre eigene Arbeit und die Haus- und Pflegearbeit „gewuppt“ haben. Aber nicht nur das: Weltweit droht eine Retraditionalisierung der Geschlechterverhältnisse. Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie treffen weltweit Frauen am stärksten. Deutschlands Eltern in der Krise.

Aber zurück nach Deutschland. Besonders Alleinerziehende hat die weitgehende Kita- und Schulschließung hart getroffen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hat in einem Papier unter dem Titel „Corona-Krise erschwert Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor allem für Mütter – Erwerbstätige Eltern sollten entlastet werden“ darauf hingewiesen, dass unter Haushalten mit zwei erwerbstätigen Elternteilen Home-Office-Potenzial bei 57 Prozent liegt, während er unter erwerbstätigen Alleinerziehenden bei 35 Prozent lag. Längst nicht alle erwerbstätigen Eltern konnten im Home-Office arbeiten, deswegen setzt sich das DIW auch für eine Corona-Elternzeit oder eine sonstige Vergütung ein.

Auf Basis von Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) hat das DIW in diesem Bericht ermittelt, wie viele Familien in unterschiedlichen Erwerbskonstellationen betroffen sind. „Bevölkerungsrepräsentative Informationen auf Basis großer Mikrodatensätze über die Aufteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit in Haushalten mit Kindern unter den Einschränkungen während der Corona-Pandemie liegen derzeit noch nicht vor. Deshalb werden auf Basis von Daten über die Aufteilung der Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen Müttern und Vätern für das Jahr 2018 Vermutungen darüber angestellt, wer in welchem Umfang die zusätzliche Kinderbetreuung und Hausarbeit derzeit wohl schultert.“ In dem Bericht heißt es weiter: „Die Hauptlast der zusätzlich anfallenden Kinderbetreuung und Hausarbeit tragen vermutlich die Mütter – das Ausmaß der schon zuvor ungleich verteilten Sorgearbeit könnte also noch zunehmen. Die Politik sollte diese Probleme adressieren und eine Corona-Elternzeit zusammen mit einem Corona-Elterngeld einführen. Eltern könnten dann für die Kinderbetreuung ihre Arbeitszeit reduzieren und eine Lohnersatzleistung vom Staat erhalten. Bei Paaren sollte diese Leistung an die Bedingung geknüpft sein, dass beide Elternteile weniger Stunden pro Woche berufstätig sind.“

Auch eine Befragung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung bestätigt:

Die erwerbstätigen Mütter tragen die Hauptlast der zusätzlichen Sorgearbeit in Corona-Zeiten. Die Forscherinnen, die insgesamt 7.700 Erwerbstätige befragten, warnen vor langfristigen Nachteilen. „Die Coronakrise stellt eine enorme Belastung dar für das Gesundheitswesen, die Volkswirtschaft, den Sozialstaat – und für die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern nehmen momentan zu, Fortschritte bei der Aufteilung von Erwerbs- und unbezahlter Sorgearbeit werden in vielen Familien zumindest zeitweilig zurückgenommen. Diese Tendenz ist in Haushalten mit niedrigeren oder mittleren Einkommen stärker ausgeprägt als bei höheren Einkommen, auch weil Personen mit höheren Einkommen generell während der Pandemie seltener ihre Erwerbsarbeit einschränken müssen. Das zeigen Ergebnisse einer aktuellen Online-Befragung, für die im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung 7677 Erwerbstätige interviewt wurden*“, fasst eine Pressemeldung der Stiftung die Ergebnisse der Befragung zusammen.

Politische Interessenvertretung von Frauen bei ver.di

Jetzt stehen wir vor der schwierigen Situation, dass trotz der Doppel-und Dreifachbelastung zusätzlich die politische Vertretung der weiblichen Interessen ansteht; denn wenn wir uns jetzt nicht gegen die Ungleichbehandlung und Nachteile wehren, droht ein Backlash, der Jahrzehnte harter feministischer Arbeit zunichtemachen könnte.

Auch ver.di setzt sich dafür ein, dass politische Entscheidungsträger*innen öfter weiblich sind, damit die Interessen von Frauen auch parlamentarisch effektiv vertreten werden können. Wie schaffen wir eine gleichberechtigte Vertretung von Frauen und Männern in den Parlamenten? Mit vollem Einsatz von euch allen: Seid dabei und helft mit bei der Aktion des Deutschen Frauenrats!

Nur so können wir eine nachhaltige gleichberechtigte Politik nach Corona weiterführen!

Zusätzlich hat der ver.di-Bereich Frauen- und Gleichstellungspolitik ein sehr informatives FAQ zum Thema Eltern und Corona zusammengestellt, auf das wir an dieser Stelle gerne verlinken.

Mit der Infosammlung für Mütter und Väter, Schwangere und Frauen in Notlagen wollen wir euch in diesen besonderen Zeiten dabei unterstützen, euch in der Informationsflut rund um Corona zurechtzufinden. Wir geben alles, diese Übersicht auf dem jeweils aktuellsten Stand zu halten. Schaut also am besten immer wieder mal vorbei und setzt euch ein Lesezeichen. Corona-Infos für Gleichstellungsbeauftragte liefert der ver.di-Bereich Mitbestimmung.

Der DGB fordert trotz des kleinen Corona-Familienbonis die Weiterentwicklung der Entschädigungsleistung nach dem Infektionsschutzgesetz.

Für Eltern, die von Kita- und Schulschließungen betroffen waren, muss:

  • die Verdienstausfallentschädigung für die gesamte Dauer der behördlich angeordneten Schließungenverlängert werden;
  • die Entschädigungshöhe auf mindestens 80 Prozentdes ausgefallenen Nettoverdienstes ohne monatliche Deckelung angehoben werden;
  • die Entschädigungsleistung um einen Freistellungsanspruch ergänzt werden, der auch stunden- oder tageweise Freistellungen zulässt.

Auch wenn wir nicht wissen, ob diese Forderungen umgesetzt werden, ist es uns als Gewerkschaft aber wichtig, Eltern und vor allem Frauen in diesen harten Zeiten zu unterstützen. Einerseits indem wir uns für die Aufwertung sogenannter weiblicher und sozialer Berufe einsetzen, aber auch ganz praktisch während Corona im Alltag.

Einen Erfolg können wir immerhin schon vermelden: Können Eltern wegen der Betreuung von Kindern im Alter von bis zu 12 Jahren nicht arbeiten gehen, so haben sie Anspruch auf Lohnersatzleistungen für max. 20 Wochen. Dies gilt für Alleinerziehende, Eltern müssen die Zeit zwischen Vätern und Müttern hälftig aufteilen, um einseitigen Rollenmustern entgegenzuzwirken.

Wir sind weiter für euch da!

Für alle Fragen erreicht ihr uns per E-Mail oder telefonisch. Bei konkretem Beratungsbedarf vor Ort wendet euch gerne an die zuständige ver.di in eurer Region.

[15.6.2020]