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Arbeit 4.0 – Gesundheitsmanagement und Prävention

Arbeit 4.0 – Gesundheitsmanagement und Prävention

Bericht von der Vernetzungstagung für ver.di-Selbstverwalter*innen

Der Ort hätte nicht besser gewählt sein können. Im Hörsaal des historischen Kesselhauses auf dem Gelände des Unfallkrankenhauses Berlin fand im März die Vernetzungstagung für die ver.di-Selbstverwalter*innen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der gesetzlichen Unfallversicherung (GUV) statt. Das passende Umfeld, auch insofern, da in der Klinik, die zu den BG Kliniken – Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung gGmbH gehört, Patient*innen der GUV als auch der GKV behandelt werden.

Die Sozialwahlen wurden erfolgreich abgeschlossen. Gleichwohl will ver.di in Zukunft und im Hinblick auf die nächsten Sozialwahlen noch mehr für die Vernetzung der Selbstverwalter*innen und die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Selbstverwaltung tun; dazu dienen zum Beispiel die Vernetzungstagungen. Auch ist der Austausch zwischen den Praktiker*innen der unterschiedlichen Bereiche sehr wichtig, betonte Dagmar König, im ver.di-Bundesvorstand u. a. für die Selbstverwaltung zuständig, in ihren Begrüßungsworten. Nach ihrer Einführung übergab sie das Wort an den Hausherren: Prof. Dr. Axel Ekkernkamp, ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Unfallkrankenhauses Berlin (ukb). Dieser wiederum bedankte sich bei seinem „Chef“, Dr. Horst Riesenberg-Mordeja, der als Selbstverwalter auch der Vorsitzende der Gesellschafter-Versammlung ist. Denn das Besondere an dieser berufsgenossenschaftlichen Klinik ist, das war nach seinen einführenden Worten klar, Eigentümer sind die paritätisch selbstverwalteten Berufsgenossenschaften. In allen Entscheidungsgremien der gGmbH sind die Vertreter*innen der Gewerkschaften auf der Eigentümerseite hälftig vertreten. Gewinne werden nicht gemacht; Überschüsse werden reinvestiert, zum Beispiel in den Ausbau der stationären Rehabilitation.

Axel Ekkernkamp stellte in seinem Vortrag das Angebot des Unfallkrankenhauses vor. Er machte neben einem Einblick in die Ausrichtung der Klinik – Vollversorgungsauftrag für Patientinnen und Patienten der Unfall- und der Krankenversicherung – auch klar, wie wichtig die Zusammenarbeit mit der Selbstverwaltung ist. “Sie tragen die Verantwortung für die Gelder der Versicherten, die für eine optimale Heilbehandlung eingesetzt werden“, und die in den BG-Kliniken auf höchstem Niveau erfolge, so der Professor. Es gehe darum, nach einem Arbeits- und Wegeunfall oder einer Berufskrankheit für die Versicherten nach der Akutbehandlung eine nachhaltige Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess und die optimale Teilhabe am Gemeinschaftsleben zu gewährleisten.

Auch in dem anschließenden Vortrag von Thomas Hagdorn, kaufmännischer Direktor des BG Klinikums Bergmannstrost in Halle und Jörg Botti vom Spitzenverband „Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung“ (DGUV) ging es um das bestmögliche Heilverfahren nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung. Sie haben das Benchmarkingprojekt Reha-Management der DGUV durchgeführt und erforscht, wie eine effektive Prozessgestaltung einer erfolgreichen Heilverfahrenssteuerung im besten Fall aussieht. Eine intensive Steuerung der Behandlung schwerer Verletzungen führt zu kürzerer AU-Dauer, so ein Ergebnis ihres vorgestellten Benchmarkingprojekts. Die intensive Heilverfahrenssteuerung der Reha führe auch zu deutlich niedrigeren Verletztengeldzahlungen. Der zusätzliche finanzielle Aufwand für die Steuerung durch einen Reha-Manager lohne sich also, so die Experten. Die intensive Betreuung der Versicherten steigere den Rehabilitationserfolg und verringere die Kosten für Rehabilitation und Rentenzahlungen. Die an die ersten Vorträge anschließende Diskussion landete schnell bei der Personalfrage. Intensivmedizinisches Personal etwa ist zwar noch nicht in Berlin, jedoch in vielen anderen Regionen Deutschlands mittlerweile schwer zu finden.

Eine gute Überleitung zu dem Vortrag von Sylvia Bühler,im ver.di-Bundesvorstand zuständig für Gesundheitspolitik, die ein dramatisches Bild von der Situation in der Pflege zeichnete. Die Personalausstattung und die Qualität der Versorgung seien in vielen Kliniken ein Trauerspiel, so Bühler eindringlich. ver.di setzt sich deshalb für mehr Personal ein und macht mit Kampagnen wie “Nicht allein in der Nacht“ auf den dringenden politischen Handlungsbedarf aufmerksam.

Nach einer Mittagspause wurden die Teilnehmer*innen der Veranstaltung in zwei Arbeitsgruppen geteilt. Manfred Wirsch, Vorstandsvorsitzender der DGUV, und Uwe Klemens, Verwaltungsratsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, führten jeweils in das Thema ein. Insbesondere die Vereinbarungen des Koalitionsvertrages wurden aus der Sicht der Selbstverwaltung thematisiert.

Die Arbeitsgruppe Unfallversicherung beschäftigte sich mit der Digitalisierung und den Veränderungen, die sich so für die Unfallversicherungsträger ergeben. Dr. Edlyn Höller (DGUV) und Prof. Dr. Dietmar Reinert vom Institut für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) machten in ihren faktenreichen Ausführungen deutlich, dass der Arbeitswelt 4.0 mit neuen Formen der Rehabilitation und der Prävention begegnet werden müsse. Die Digitalisierung berge dabei Chancen und Risiken, erörterten die Wissenschaftler etwa anhand technologischer Neuerungen wie der Künstliche Intelligenz. Zudem treten neue Formen der Verhaltens- und Leistungskontrolle der Arbeitnehmer auf den Plan und durch die zunehmende Bedeutungslosigkeit des Orts der Arbeitserbringung stehe der Betrieb als Anknüpfungspunkt zahlreicher arbeits- und sozialversicherungsrechtlicher Gesetze infrage, so eine der Schlussfolgerungen der interessanten und sehr dichten Ausführungen.

Derweil diskutierten die Selbstverwalter*innen, die in der Gesetzlichen Krankenkasse aktiv sind, über die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Klaus Zeeb, Leiter des Fachzentrums Widersprüche bei der Techniker Krankenkasse (TK) berichtete von seinen Erfahrungen in den Widerspruchssauschüssen und von den Plänen der TK, die Patienten in Zukunft stärker als „Gesundheitsmanager“ anzusprechen. Die Patient*innen entwickelten sich von passiven Empfänger*innen von Diagnosen zu aktiven, eher selbstbestimmten Beteiligten im Behandlungsprozess, wodurch sich das Arzt-Patienten-Verhältnis verändere. Darauf reagierten die Krankenkassen. Das Krankenfallmanagement könne durch die Digitalisierung – etwa durch internetbasierte Beratungs- und Trainingsprogramme – profitieren, so Zeeb. Auch in seinen Ausführungen wurde schnell klar: Die Vorteile, die die Digitalisierung verspricht, müssen gestaltet werden, das betrifft zum Beispiel den sorgfältigen Umgang mit den anfallenden Daten.

21 Prozent der Deutschen tracken jetzt schon ihre eigenen Gesundheitsdaten. Heute kann sich jeder Dritte vorstellen, gesundheits- und fitnessbezogene Daten zu messen und zu teilen. Neben der wichtigen Arbeit in den Widerspruchsausschüssen, in denen Selbstverwalter*innen die Entscheidungen der Krankenkasse auf Recht- und Zweckmäßigkeit überprüfen und – falls nötig – revidieren , ist ihre Kontrollfunktion als Selbstverwalter*innen auch bei allen Fragen rund um den Daten- und Patientenschutz sehr wertvoll. Ein gutes Beispiel dafür, dass das Mitgestalten der zukünftigen gesundheitspolitischen Ausrichtung der Sozialversicherungsträger in den unterschiedlichen Gremien der Sozialen Selbstverwaltung möglich ist. Nicht zuletzt deshalb hat es sich bewährt, wenn die ver.di-Mitglieder aus den Selbstverwaltungen neben der fachlichen Qualifikation Gelegenheit zu einem Erfahrungsaustausch haben, um gemeinsam wichtige zukünftige Gestaltungsprozesse voranzutreiben. Diesen Austausch gab es auch beim gemütlichen „Come Together“ nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung.

Organisiert wurde die Tagung von Horst Riesenberg-Mordeja, Referent für Arbeitsschutz und Unfallversicherung, zusammen mit Axel Schmidt, Referent für Soziale Selbstverwaltung, Sozialwahlen und Gesundheitspolitik. Beide sind im Ressort von Dagmar König in der ver.di-Bundesverwaltung tätig.