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    Corona wirft Scheinwerferlicht auf ausbeuterische Branchen

    Corona wirft Scheinwerferlicht auf ausbeuterische Branchen

    Überausbeutung und Werkverträge: Geschäftsmodelle einiger Branchen sind Brandbeschleuniger der Pandemie

    Menschenunwürdige Arbeits- und Wohnbedingungen für Werkvertragsbeschäftigte in der Fleischindustrie sind seit Jahren bekannt. Die großen Fleischkonzerne lagern einen Großteil ihrer Kerntätigkeiten an Subunternehmen aus, die Beschäftigte in Ost- und Südosteuropa anwerben. Gearbeitet wird im Akkord. Viele Beschäftigte arbeiten "nicht nur zu miesen Löhnen und Arbeitsbedingungen, sondern werden auch in Absteigen zusammengepfercht, in denen Abstand und grundlegende Hygienemaßnahmen kaum möglich sind", wie Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) dem Spiegel sagte. Das Problem ist also mittlerweile sowohl der Öffentlichkeit als auch der Politik bekannt. Faire Mobilität, ein vom DGB initiiertes Projekt, das Information und Beratung zur Arbeitnehmerfreizügigkeit und den Rechten mobiler Arbeitnehmer*innen bietet, setzt sich seit Jahren für die Belange der ausgebeuteten Arbeiter*innen ein.

    Der Gesundheitsschutz gehört genauso zu der Interessenvertretung wie das Eintreiben offener Löhne und fehlender sozialer Sicherung. Es ist nicht nur die Fleischindustrie, auch andere Branchen verletzen die Arbeitsrechte migrantischer Arbeitnehmer*innen massiv. Die Paketbranche, die häusliche Pflege, die Landwirtschaft, Bau- und Logistikbranche werden zu großen Teilen von osteuropäischen Arbeitnehmer*innen getragen. Hier herrschen auch abseits von Corona katastrophale Bedingungen, die jetzt endlich geändert werden müssen. Dafür setzt sich ver.di seit langem ein.

    Derzeit sind diese Arbeitsbedingungen mit Blick auf Corona häufig zu Brandbeschleunigern der Pandemie geworden. In allen größeren Unternehmen etwa der Fleischwirtschaft werden Schlachtung, Zerlegung und weite Teile der Fleischfeinverarbeitung durch Subunternehmen mittels Werkverträge erledigt. So versuchen sich die Auftraggeber weitestgehend der Verantwortung für den Arbeits- und Gesundheitsschutz eines Großteils der Beschäftigten auf ihrem Betriebsgelände zu entziehen. Das kann nicht so weitergehen. Es geht um den Arbeitsschutz und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten – und um unser aller Gesundheit. Corona könnte insofern eine Chance sein, diese allseits bekannten Bedingungen jetzt endlich verbessert werden. Welche politischen Änderungen jetzt durchgesetzt und kontrolliert werden müssen, fasst Faire Mobilität wie folgt zusammen:

    „Notwendig ist daher die Initiierung eines politischen Prozesses, der die Branche dazu zwingt, die Verantwortung für das eigene Personal zu tragen und nicht über Werkverträge an Personaldienstleister abzugeben. Um die Situation der Beschäftigten grundsätzlich zu verbessern, müssten nicht zuletzt die Betriebsräte für die gesamte Belegschaft an einem Standort zuständig sein und nicht nur für den Bruchteil derjenigen, die eine Festanstellung haben. Die Arbeitsprozesse müssten so gestaltet werden, dass sie nicht die Gesundheit der Menschen ruinieren. Und Beschäftigte, die aus dem Ausland kommen, müssten die Möglichkeit haben, Deutsch zu lernen und am sozialen und kulturellen Leben teilzuhaben. Zudem müsste der Praxis, die in vielen Schlachtbetrieben gebräuchlich ist, Gewerkschaftern in alter Hausherrenmanier Hausverbote zu erteilen, ein Riegel vorgeschoben werden.“ (Quelle: https://ogy.de/wliu)

    Viele Arbeitnehmer aus den mittel-und osteuropäischen Ländern, die durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit EU-weit arbeiten können und vor allem im Niedriglohnsektor, als Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter oder Werksvertragsbeschäftigte arbeiten, sind erschrocken über die Arbeitsbedingungen in Deutschland. Wenn die Allgemeinheit dieser menschenverachtenden, systematischen Ausschlachtung von Arbeitskräften nicht weiter zusehen will und zudem nicht bereit ist, die Folgekosten der „Ausbeutungspraxis der Unternehmen in der Fleischindustrie“ zu tragen, muss ein politisches Umdenken eingeleitet werden. Die Instrumente dafür sind vorhanden. Der Bundesarbeitsminister, Hubertus Heil, will Leiharbeit und Werkverträge in der Fleischindustrie verbieten. Außerdem soll es Mindeststandards für Unterkünfte und schärfere Kontrollen geben.

    Die Corona-Ausbrüche haben gezeigt, wie die Unternehmen versuchen, besonders gefährliche und schwierige Arbeiten auf unterbezahlte migrantische Arbeiter*innen auszusourcen. Menschen, die aufgrund der ungleichen Lebensverhältnisse in Europa keine andere Wahl haben als diesen Jobs nachzugehen. Das Ende des Werksvertragssystems in diesen Branchen muss mit der Stärkung der Rechte der Kolleg*innen einhergehen. Dazu gehören Arbeits- und Lebensbedingungen, die sich auf die Realität transnationaler Familien einstellen, bessere Wohnungsversorgung, die Stärkung der gesellschaftlichen Teilhabe der Menschen in den Gemeinden und der Zugang zur Sozialversicherung, gerade auch bezüglich der Prävention von arbeitsbezogenen Erkrankungen.

    Diejenigen, die besonders unter Corona weiterarbeiten müssen und besonders ungeschützt sind, müssen jetzt dringend von uns als Gesellschaft gestärkt und geschützt werden. Wir bleiben gemeinsam mit den Expert*innen von Faire Mobilität, die deutschlandweit Beratungsstellen anbieten, am Ball. Denn eines ist klar: Die Pandemie trifft alle und wir alle haben eine gemeinsame Verantwortung, alles Menschenmögliche zu tun, um ihr Einhalt zu gebieten und Menschenleben zu schützen.