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Interkulturelle Öffnung des Gesundheitswesens

Interkulturelle Öffnung des Gesundheitswesens

Gleiche Zugänge zu Gesundheitsdienstleistungen für alle Versicherten unabhängig von Nationalität und Hautfarbe – eine Selbstverständlichkeit, so sollte man meinen. Leider sprechen die Zahlen eine andere Sprache. „Der Zugang zum Gesundheitssystem wird Menschen mit Einwanderungsgeschichte durch verschiedene Barrieren vielfach erschwert. Sie nehmen seltener allgemeinmedizinische Leistungen und häufiger Notaufnahmen in Anspruch“, so heißt es im Antrag „Migration und Integration“ (Antrag K 011, Iniantrag K 011-1) , den der ver.di-Gewerkschaftsrat dem 4. Ordentlichen Bundeskongress der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft in Leipzig vorgelegt hat. Er greift damit Anliegen auf, die der ver.di Bundesmigrationsausschuss in seinem Antrag „Arbeitsschutz und Rehabilitation – gleiche Zugänge für Migrantinnen/Migranten“ (Antrag K 012) formuliert hatte. „Die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen erfolgt bei Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland durchschnittlich später und in oft chronifiziertem Zustand. Auch unter denjenigen, die Leistungen aus der beruflichen, medizinischen oder sozialen Rehabilitation in Anspruch nehmen, ist der Anteil von Migrantinnen und Migranten unterdurchschnittlich.“

Die Mitglieder des Bundesmigrationsausschusses wissen aus eigener Erfahrung, welche Hürden sich auftun können, wenn man als türkischstämmiger oder afrikanischer Beschäftigter in Deutschland eine Rehaleistung der Rentenversicherung in Anspruch nehmen will. Sie kennen das Gefühl, sich von einem Arzt nicht richtig verstanden zu wissen, wenn man Gesundheitsbeschwerden in der Nicht-Mutter-Sprache beschreiben will. Und sie haben erlebt, wie schwer es sein kann, für die Eltern in Deutschland ein Pflegeheim zu finden, das kultursensibel auf die Wünsche und Bedürfnisse der in Deutschland alt gewordenen ersten „Gastarbeiter-“Generation eingeht. 

8. Integrationsgipfel der Bundesregierung am 17.11.2015 ver.di  –

Beim 8. Integrationsgipfel der Bundesregierung, der am 17. November 2015 in Berlin stattfand, ging es um genau diese Themen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatsministerin Aydan Özoğuz hatten mehr als 100 Vertreter und Vertreterinnen von Migrantenselbstorganisationen, Repräsentanten aus Bundes- und Landesministerien und aus der Zivilgesellschaft ins Kanzleramt eingeladen. Für ver.di nahm Bundesvorstandsmitglied Eva Welskop-Deffaa am Integrationsgipfel teil. „Das Positionspapier, das die Migrantenselbstorganisationen für den Integrationsgipfel vorgelegt haben, stimmt in wesentlichen Punkten mit den Forderungen des Bundesmigrationsausschusses überein. Wir fordern den Abbau aller Barrieren; ausreichend verfügbare Sprachmittlung hat dabei eine wesentliche Funktion“, so Eva Welskop-Deffaa. Gewerkschaftliche Beratungsangebote sollten sich gerade da, wo es um Arbeitsschutz und Reha geht, durch ein hohes Maß an Kultursensibilität auszeichnen.

Zusammen mit dem Ethno-Medizinischen Zentrum hatte ver.di im Sommer 2015 in der ver.di-Bildungsstätte am Wannsee eine interkulturelle Schulung für ver.di-Versichertenälteste und -berater/-innen angeboten. Mit Angeboten dieser Art trägt ver.di ganz konkret dazu bei, die Teilhabechancen von Migranten und Migrantinnen im Bereich von Reha, Prävention und Rente  zu verbessern.

Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft

Ganz in diesem Sinne betonte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung beim 8. Integrationsgipfel: „Eine vorausschauende und nachhaltige Integrationspolitik muss sich auch mit dem Thema Gesundheit und Pflege beschäftigen. Schon heute leben mehr als 1,5 Millionen Senioren mit Einwanderungsbiografien in unserem Land. Diese Zahl wird rasant steigen auf geschätzt 3,5 Millionen im Jahr 2032. Über 5,6 Millionen Menschen mit Einwanderungsgeschichten leben seit 20 oder mehr Jahren bei uns und werden ihren Lebensabend hier verbringen. Das heißt, die nun ins Rentenalter kommenden Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter der ersten Generation, neu hinzukommende Flüchtlingsfamilien, Fachkräfte aus aller Welt und hier geborene Kinder aus Einwandererfamilien – sie alle brauchen ein Gesundheitswesen, das interkulturell offen ist.“ Darum, so Aydan Özoğuz, habe sie „Gesundheit und Pflege in der Einwanderungsgesellschaft“ zum Schwerpunktthema 2015 gemacht.

Wertvolle Hinweise für die Weiterarbeit am Thema liefert die Studie „Pflege- und Pflegeerwartungen in der Einwanderungsgesellschaft“ des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, die beim 8. Integrationsgipfel vorgestellt wurde. Gute Gesundheitsversorgung in der Einwanderungsgesellschaft steht und fällt mit der interkulturellen Öffnung unserer Altenheime, Krankenhäuser, Arztpraxen und Beratungsangebote. Niemand darf wegen sozialer, kultureller oder religiöser Gründe benachteiligt werden. „Gerade in der Altenpflege sind Kultursensibilität und Mehrsprachigkeit des Personals wichtig,“ betonte Staatsministerin Özoğuz. Gemeinsam mit Bundeskanzlerin Merkel sprach sie sich dafür aus, dass mehr junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte in die Pflegeberufe gehen und dass die Anerkennung ausländischer Abschlüsse in den Gesundheits- und Pflegeberufen verbessert wird. Die Einwanderung von Pflegekräften bleibe nötig, um den immensen Bedarf decken zu können. DaMigra, der Dachverband der Migrantinnenorganisationen in Deutschland, hatte zuvor deutlich gemacht, dass auch in Migrantenfamilien die Pflege älterer Familienmitglieder nicht mehr selbstverständlich und dauerhaft Zuhause geleistet werden könne. Wie in Familien deutscher Herkunft komme den professionellen Unterstützungsangeboten zunehmende Bedeutung zu, um die Frauen zu entlasten, die sich neben ihrer Berufstätigkeit zum Teil viele Jahre lang um pflegebedürftige Familienangehörige kümmern. 

8. Integrationsgipfel der Bundesregierung am 17.11.2015 ver.di  –

Angela Merkel dankte den Migrantenorganisationen für die Unterstützung des Anliegens des Integrationsgipfels. Es gehe darum, die Bedingungen eines guten Miteinanders gemeinsam zu gestalten. Bei der Integration der Flüchtlinge könnten die Migranten und Migrantinnen, die schon länger in Deutschland leben, wichtige Kulturmittler sein, um auf beiden Seiten Unsicherheiten abzubauen.

Der Bundesmigrationsausschuss der ver.di hat sich für 2016 vorgenommen, am Thema „Gesundheit und Pflege“ weiter zu arbeiten.

Weitere Informationen zum 8. Integrationsgipfel: