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Lehrstelle Europa

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Einbindung der Sozialpartner in die Berufsausbildung verbessert arbeitsmarktpolitische Erfolge

Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt in einigen europäischen Ländern fast 50 Prozent. In Deutschland ist sie vergleichsweise geringer – aber einen Monat vor Beginn des Ausbildungsjahres gibt es auch bei uns noch über 120.000 unbesetzte Ausbildungsstellen, zugleich über 100.000 unversorgte Bewerber/innen. Eine aktuelle Studie, die in Kooperation der Hans-Böckler-Stiftung mit der Konrad-Adenauer-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, arbeitet heraus, wie die Länder Europas arbeitsmarkt- und ausbildungspolitisch voneinander lernen können, um die Jugendarbeitslosigkeit erfolgreich zu bekämpfen.

Der Studie zufolge gibt es nicht das „eine“ ideale Ausbildungsmodell, das man auf alle Länder übertragen kann, dafür aber klare Erfolgsfaktoren, wie ein Berufsausbildungssystem möglichst viele Jugendliche gut auf ihr Arbeitsleben in einem Europa ohne Grenzen vorbereitet. Die starke Einbindung der Sozialpartner in die Konzeption der beruflichen Bildung gehört zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren eines gelungenen Berufsausbildungssystems. „Regierungen und Sozialpartner“, so Elke Hannack, Vorsitzende des Kuratoriums der Böckler-Stiftung, „sollten sich über Mindeststandards für eine moderne Berufsausbildung verständigen.“

Es ist vorteilhaft für nachhaltige Arbeitsplatz- und Berufsperspektiven, wenn Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite Form und Inhalte der beruflichen Ausbildung gemeinsam gestalten. Dabei sind Deutschland und die Schweiz besonders fortschrittlich. Hier sind die Sozialpartner durch das duale Ausbildungssystem verbindlich eingebunden. So werden beispielsweise die Ausbildungsordnungen von Vertretern der Arbeitgeber und der Gewerkschaften gemeinsam entwickelt. Eine Beteiligung der Sozialpartner findet sich aber auch in anderen Ländern: In Schweden, Portugal und Großbritannien z. B. gibt es branchenspezifische Beiräte.

Weitere Erfolgsfaktoren guter Arbeitsmarktintegration von Jugendlichen

  • Wichtig ist ein gutes Image der Ausbildung und gezielte Berufsberatung: Vielerorts hat eine Berufsausbildung ein geringeres Ansehen als ein Studium. Deshalb müssen Politik und Wirtschaft gemeinsam stärker dafür sorgen, dass sie von den Jugendlichen wie auch von ihren Eltern als attraktive, gleichwertige Option wahrgenommen wird. Zugleich muss die Berufsberatung für junge Frauen und Männer verbessert werden, da sie in fast allen Ländern – so auch in Deutschland – zu einseitig in Richtung Studium berät.
  • Unverzichtbar sind spezielle Angebote für leistungsstarke und leistungsschwache Jugendliche: Um möglichst viele Jugendliche nachhaltig in Ausbildung und Beschäftigung zu integrieren, müssen vielfältige Wege angeboten werden. So gibt es beispielsweise in Großbritannien und in Deutschland duale Studiengänge für besonders leistungsstarke Jugendliche. Für leistungsschwächere Jugendliche wiederum gibt es beispielsweise in Schweden, Polen und Portugal speziell zugeschnittene Angebote, wodurch die Zahl der Ausbildungsabbrecher gesenkt werden konnte. Auch in Deutschland wurden mit dem Ausbau der ausbildungsbegleitenden Hilfen und der Einführung der Assistierten Ausbildung gezielt Instrumente geschaffen, die den Jugendlichen den Abschluss einer vollqualifizierenden Ausbildung ermöglichen. (vgl. sopoaktuell Nr. 175)
  • Die Akzeptanz der beruflichen Ausbildung lässt sich durch die Anschlussfähigkeit an höhere Bildungswege oder die Anrechnung erworbener Kompetenzen steigern. Ein durchlässiges Bildungssystem gibt Eltern und Jugendlichen das Versprechen, dass ihnen mit einer Berufsausbildung viele Wege offen stehen und sie nicht in einer Sackgasse landen. In Portugal und Polen erhalten Auszubildende mit dem Ausbildungsabschluss die Hochschulreife. In Schweden, Deutschland und der Schweiz gibt es Extrakurse zum parallelen oder anschließenden Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung.
  • Digitalisierung ist ein globaler Trend, der den Arbeits-markt und die Unternehmen fundamental verändert. Die Berufsausbildung muss daher so flexibel ausgestaltet sein, dass sie mit der sich stetig verändernden Arbeitswelt Schritt halten und an branchenspezifische Besonderheiten angepasst werden kann. Eine gute berufliche Ausbildung stärkt die Position des Einzelnen, um ihn auf eine unsichere Zukunft vorzubereiten und seinen Platz im Arbeitsmarkt zu finden.

Die am 21. Oktober in Berlin vorgestellte Studie basiert auf einer vergleichenden Analyse der Berufsbildungssysteme von Deutschland, Italien, Polen, Portugal, Schweden, Schweiz sowie Großbritannien.

Berufsstart als ver.di-Thema

ver.di nimmt die Themen der Böckler-Studie in zwei Fachkonferenzen auf, die im November durchgeführt werden:

Anmeldungen zu beiden Tagungen sind noch möglich (für den 4.11.2015 an sopo@verdi.de, für den 5.11.2015 an arbeitsmarktpolitik@verdi.de)

Forderungen des ver.di-Bundeskongresses

Für ver.di gilt: Eine moderne Arbeitsmarktpolitik muss alle Generationen im Blick haben und ein besonderes Augenmerk auf Jugendliche mit Handicaps legen. Der 4. Ordentliche Bundeskongress hat dazu in seinem Beschluss „Ein Arbeitsmarkt für alle! – Anforderungen an eine lebenslauforientierte Arbeitsmarktpolitik“ festgehalten: „ver.di fordert gezielte Anstrengungen zur Förderung von Jugendlichen mit Startschwierigkeiten.“ Diese Forderung erhält durch die aktuelle Studie neue Nahrung.

Entscheidend ist es für ver.di darüber hinaus, die Sozialpartner nicht nur bei der Gestaltung der Inhalte der Berufsausbildung und bei der Gestaltung der Ausbildungsordnungen einzubeziehen. Dem Zusammenspiel der Sozialpartner in der sozialen Selbstverwaltung der Bundesagentur für Arbeit kommt ebenfalls eine ganz wesentliche Funktion zu. Mit dem Papier „Betriebliche Ausbildung hat Vorfahrt“ (vgl. sopoaktuell Nr. 175) hat die Selbstverwaltung der BA im letzten Jahr wesentliche Impulse für die Förderung leistungsschwacher Jugendlicher gesetzt. Diese Impulse müssen „umfassend umgesetzt“ werden, so heißt es im Beschluss des ver.di-Bundeskongresses.

Gute Ausbildung für junge Flüchtlinge

Im Lichte des Zustroms junger Flüchtlinge und Asylbewerber wird es entscheidend sein, auch für diese jungen Menschen Ausbildungsplätze zu finden und ihre qualifizierte Integration in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Das in der Studie betonte Zusammenspiel der Sozialpartner muss sich im Angesicht der neuen Herausforderung bewähren. Welche Wege zu gehen sind, um die Ausbildung der Flüchtlinge zeitnah zu sichern, steht als Frage ganz oben auf der Agenda der Verwaltungsausschüsse der Agenturen für Arbeit.

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