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    Menschen mit Behinderung: großer Nachholbedarf am Arbeitsmarkt

    Menschen mit Behinderung: großer Nachholbedarf am Arbeitsmarkt

    Alle vier Jahre werden die Schwerbehindertenvertretungen neu gewählt. Aktuell laufen seit dem1. Oktober die Schwerbehindertenwahlen - allerdings längst nicht in allen Betrieben, wie eine aktuelle WSI-Studie von Wolfram Brehmer und Florian Blank zeigt.

    Denn viele Unternehmen beschäftigen gar keine Schwerbehinderten oder ihnen rechtlich gleichgestellte Personen – oder weniger, als die gesetzliche Quote vorsieht. (siehe unten)

    Arbeitgeber mit mehr als 20 Beschäftigten sind in der Regel verpflichtet, fünf Prozent ihrer Stellen mit Menschen zu besetzen, denen das Versorgungsamt einen Grad der Behinderung von mindestens 50 auf einer bis 100 reichenden Skala attestiert. Auch Menschen mit geringerem Behinderungsgrad können diesen Schwerbehinderten gleichgestellt werden; darüber entscheidet die Arbeitsagentur. Wer die Vorgaben als Arbeitgeber nicht erfüllt, muss eine Ausgleichsabgabe zahlen.

    Selbst dort, wo genügend Wahlberechtigte arbeiten, wird der Rechtsanspruch auf die Einrichtung einer Schwerbehindertenvertretung nicht überall eingelöst.

    Fachkräftemangel? Stellt mehr Menschen mit Behinderungen ein und bildet sie aus!

    Zu viele der 7,8 Millionen schwerbehinderten Menschen haben es auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland unnötig schwer. Menschen mit schweren Behinderungen sind noch immer deutlich weniger am Erwerbsleben beteiligt als Menschen ohne Behinderung – und das, obwohl sie im Durchschnitt besser qualifiziert sind.

    In den OECD-Ländern gibt jeder siebte Erwachsene im erwerbsfähigen Alter an, eine Behinderung zu haben – ein Anteil, der auch bei jungen Menschen erheblich ist und weiter zunimmt (8 % im Jahr 2019). Viele von ihnen sind von einer sinnvollen Arbeit ausgeschlossen, haben ein geringes Einkommen und – u.a. daraus folgend – eine eingeschränkte soziale Teilhabe.
    „Disability, Work and Inclusion: Mainstreaming in All Policies and Practices“ dokumentiert die aktuelle Arbeitsmarktsituation von Menschen mit Behinderungen, die im Vergleich zu Menschen ohne Behinderungen nach wie vor mit großen Unterschieden bei Beschäftigung bzw. Arbeitslosigkeit und Armut konfrontiert sind.
    Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass das vor rund 20 Jahren gesetzte Ziel, die Behindertenpolitik proaktiv und beschäftigungsorientiert zu gestalten, bisher nicht erreicht wurde. Insbesondere Schlüsselbereiche, wie z. B. Maßnahmen zur Unterstützung junger Menschen mit Behinderungen, zur Verbesserung der Qualifikationen von Menschen mit Behinderungen und zum frühzeitigen Eingreifen bei gesundheitlichen Problemen, wurden bisher zu wenig beachtet (zur Online-Ausgabe, englisch). 

    Ihre Erwerbsbeteiligung liegt bei nur 49 Prozent im Vergleich zu 78 Prozent bei nicht schwerbehinderten Arbeitskräften. Die Statistiken der Unternehmen belegen, dass die Beschäftigungsquote Schwerbehinderter bei 4,6 Prozent stagniert. Bei privaten Arbeitgebern liegt sie sogar noch niedriger und mit 4,1 Prozent unter der verpflichtenden Quote.

    Die Ausgleichsabgabe muss erhöht werden.

    Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit erfüllen 62 Prozent der Arbeitgebenden in der Privatwirtschaft die Quote nicht oder nicht vollständig und zahlen stattdessen die Ausgleichsabgabe. Bei den öffentlichen Arbeitgebenden sind es 39 Prozent.

    Die Erfahrung zeigt, dass sich bei der Mehrheit der Arbeitgebenden von selbst nicht viel bewegt. Wir begrüßen deshalb das im Koalitionsvertrag vereinbarte und von ver.di seit langem geforderte Vorhaben, eine vierte Stufe bei der Ausgleichabgabe für Unternehmen einzuführen, die keine einzige Person mit einer schweren Behinderung beschäftigen. Das kann aber nur der erste Schritt sein, insgesamt muss die Ausgleichsabgabe so erhöht werden, dass sie zu einem echten Anreiz zur Einstellung und Ausbildung von Menschen mit Behinderungen wird.

    Immer wieder bestätigt: Besser geht es mit Mitbestimmung

    Die WSI-Untersuchung auf Basis einer repräsentativen Befragung von mehr als 3 200 Betriebs- und Personalräten zeigt, dass mitbestimmte Betriebe bei der Erfüllung der Fünf-Prozent-Quote im Vergleich zu denen ohne Betriebsrat spürbar besser abschneiden. Betriebsräte in der nicht-gemeinnützigen Privatwirtschaft sagen zu 59 Prozent, dass ihr Arbeitgeber die Fünf-Prozent-Vorgabe erfüllt, unter den befragten Personalräten (öffentliche Dienste) konstatieren das knapp 82 Prozent. „Offensichtlich sind mitbestimmte Betriebe besser darin, schwerbehinderte und ihnen gleichgestellte Menschen in Arbeit zu integrieren“, so Brehmer und Blank. Dennoch besteht auch in mitbestimmten Betrieben Nachholbedarf: Im Durchschnitt kommen lediglich der öffentliche Dienst und gemeinnützige Betriebe auf Beschäftigungsquoten von gut fünf Prozent. In den mitbestimmten Betrieben der gewinnorientierten Privatwirtschaft hingegen machen Schwerbehinderte oder ihnen Gleichgestellte nur 3,9 Prozent der Beschäftigten aus. Hier finden sich mit 11,6 Prozent auch häufiger Betriebe, die gar keine Schwerbehinderten beschäftigen. Besonders häufig kommt dies in kleineren Betrieben vor.

    Genau deshalb ist die seit 1. Oktober stattfindende Wahl der Schwerbehindertenvertretung (SBV) in den Betrieben so wichtig: Die SBV leisten einen entscheidenden Beitrag für die Integration von Menschen mit Behinderung in Arbeit und Ausbildung.

    sbv-wahlen.verdi.de

    ver.di unterstützt sie dabei: mit Schulungen und Informationen, Vernetzung und Einflussmöglichkeiten über den Bundesarbeitskreis Behindertenpolitik und seinen Vorstand – und bei den Wahlen natürlich mit den benötigten Materialien.

    Wir setzen gemeinsam auf Karriere statt Barriere!

    [18.10.2022]