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Fachkräftepotenziale endlich ausschöpfen

Fachkräftepotenziale endlich ausschöpfen

Die Situation von älteren Erwerbslosen auf dem Arbeitsmarkt

Über 820.000 offene Stellen meldete die Bundesagentur für Arbeit (BA) im Juli 2018. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) geht von rund 1,2 Mio. unbesetzten Stellen aus. Und in den Medien überschlagen sich nahezu täglich die Nachrichten, wie die Unternehmen über den wachsenden Fachkräfteengpass klagen. Zugleich zählte die BA im Juli dieses Jahres rund 2,3 Millionen Erwerbslose – darunter allein etwa 770.000 Erwerbslose, die über 50 Jahre alt sind und fast 500.000, die 55 Jahre und älter sind. Auf der einen Seite erleben wir also, dass der Schrei der Arbeitgeber nach Fachkräften immer lauter wird, auf der anderen Seite ist jedoch die Zahl älterer Erwerbsloser ungebrochen hoch. Wie passt das zusammen? ver.di setzt sich schon seit längerem für eine aktive Öffnung von Erwerbschancen für Menschen über 50 Jahren ein, verweist aber auch auf den bestehenden Fachkräftebedarf.

Anteil älterer Erwerbsloser wächst

Doch gerade Erwerbslose in höherem Alter bringen häufig eine bessere Qualifikation als jüngere mit: Während 2016 etwa die Hälfte aller Erwerbslosen keine Berufsausbildung hatte, waren es bei den über 54-Jährigen nur etwa jede*r Dritte.

Allein rund 170.000 über 58- jährige Erwerbslose, die in den letzten 12 Monaten kein Jobangebot erhielten, zählen als „unterbeschäftigt“ und gehen nicht als registrierte Arbeitslose in die Statistik ein.

In absoluten Zahlen betrachtet sank in den vergangenen Jahren die Zahl älterer Erwerbsloser. Schaut man jedoch auf den Anteil der älteren Erwerbslosen gemessen an allen Erwerbslosen, lassen sich steigende Zahlen feststellen. Im Juli 2018 waren 21,3 Prozent der von Arbeitslosigkeit Betroffenen über 54 Jahre alt.

Ältere Arbeitnehmer*innen haben ein geringeres Risiko, erwerbslos zu werden. Die BA führt dies darauf zurück, dass einige Arbeitgeber Fachkräfte mit Erfahrung bis zur Rente an sich binden. Bei eingetretener Erwerbslosigkeit ist es für höhere Altersgruppen aber wesentlich schwieriger, wieder eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufzunehmen. Die Chance, dass der Sprung für über 54-Jährige von der Erwerbslosigkeit in Beschäftigung mündet, ist halb so hoch wie bei allen Erwerbslosen und wird mit zunehmendem Alter (insbesondere für Frauen) schwieriger. 16 Prozent der Personen, die eine Beschäftigung aufnahmen, arbeiteten in der Zeitarbeit; Übergänge in die Bereiche Finanz- und Versicherungsdienstleistungen und Kommunikation/ Informationen kommen bei über 54-Jährigen hingegen nur selten vor.

Grafik "Ältere Arbeitslose '55 bis unter 65 Jahren' 2001 - 2017" Bundesagentur für Arbeit Aus: Institut Arbeit und Qualifikation/ sozialpolitik-aktuell. Link: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Arbeitsmarkt/Datensammlung/PDF-Dateien/abbIV77.pdf (30.07.2018)

 

Arbeitsmarktpolitische Herausforderungen und Vorbehalte der Arbeitgeber

Trotz oftmals vorhandener Qualifikation bestehen bei älteren Erwerbslosen häufig Schwierigkeiten beim Übergang in den Arbeitsmarkt. Die Statistik der BA offenbart, dass der Zusammenhang zwischen Bildungsabschluss und aufgenommener Tätigkeit bei älteren Erwerbslosen weniger relevant ist als bei jüngeren; das findet etwa darin Ausdruck, dass Tätigkeiten häufiger unter dem Niveau des Abschlusses angenommen werden. Hinzu kommt, dass das Alter per se als sog. „Vermittlungshemmnis“ in der Arbeitsvermittlung gilt. Dies fußt etwa auf der Tatsache, dass Arbeitgeber ältere Erwerbslose als weniger flexibel und belastbar einschätzen. Das IAB befragte dazu Vermittlungsfachkräfte der Agenturen für Arbeit: 70 Prozent der befragten Mitarbeiter*innen gaben an, dass Vorbehalte der Unternehmen gegenüber älteren Erwerbslosen eine der größten Hürden für die Beschäftigungsaufnahme darstellen. „Die Unternehmen wollen Olympiamannschaften, junge, gut ausgebildete, belastbare Mitarbeiter“, teilte Werner Schäffer, ver.di-Bereichsleiter für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik, dem Tagesspiegel (erschienen am 29.7.2018) mit.

Und auch die Unterstützung der Arbeitsmarktpolitik bleibt insgesamt unzureichend: Die Förderung für über 54-jährige Erwerbslose (9 % erhalten eine Förderung) liegt deutlich hinter allen Erwerbslosen (21 %) zurück. Förderungen für Maßnahmen zur Berufswahl spielen kaum eine Rolle, wohingegen beschäftigungsschaffende Maßnahmen und Maßnahmen zur Aktivierung und Eingliederung stärker zur Geltung kommen.

ver.di-Position

ver.di fordert eine Öffnung der Erwerbschancen für Menschen, die über 50 Jahre alt sind, und weist gleichzeitig auf den bestehenden Fachkräftebedarf hin (dazu: ver.di-Beschluss F 107).

„Natürlich gibt es ältere Kolleginnen und Kollegen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und mit 55 Jahren kaum eine Chance auf einen neuen Arbeitsplatz haben. Das liegt aber nicht an ihnen, sondern an den privaten und öffentlichen Arbeitgebern, die sie wegen ihres Alters nicht einstellen wollen und gleichzeitig über Fachkräftemangel klagen.“ (F 116)

Zum einen muss es darum gehen, dass ältere Erwerbslose künftig mehr in den Genuss nachhaltiger arbeitsmarktpolitischer Förderungen kommen. Dazu sind auch entsprechende personelle und finanzielle Voraussetzungen in den Jobcentern zu schaffen. Zum anderen muss bei den Arbeitgebern ein Umdenken stattfinden. In Zeiten eines wachsenden Fachkräftebedarfs erweist es sich als äußerst kontraproduktiv, Menschen aus Altersgründen den Zugang zum Arbeitsmarkt zu versperren. Der Fachkräftebedarf „kann nur durch Einbeziehung aller Beteiligten gelöst werden“ (F 133). Darüber hinaus gilt es, die bessere Nutzung von vorhandenen Erwerbspotenzialen und eine lebenslauforientierte Arbeitsmarktpolitik, gerade mit Blick auf die Rentendebatte, als einen Anker zur Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme zu verstehen (dazu ausführlich: WISO DIREKT 14/2018).

Zum Weiterlesen:

Statistik der Bundesagentur für Arbeit (2017): Situation von Älteren. Blickpunkt Arbeitsmarkt Nov. 2017
Homrighausen, P./ Wolf, K. (2018): Wiederbeschäftigungschancen Älterer. Wo Vermittlungsfachkräfte Handlungsbedarf sehen. IAB-Kurzbericht 11/2018