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Flexible Übergänge in die Rente

Flexible Übergänge in die Rente

Lebenslaufpolitik erfordert innovative Konzepte

Die Rentenreformen vergangener Legislaturperioden haben Möglichkeiten des flexiblen Übergangs in die Altersrente stark eingeschränkt. Nur für einen kleinen Kreis von Beschäftigten konnten korrigierend Demographie-Tarifverträge passende Angebote gestalten – dies ist das unmissverständliche Ergebnis einer im Jahr 2013 veröffentlichten Studie, die durch ver.di und die Hans-Böckler-Stiftung initiiert und gefördert wurde. 2014 wächst nun das Interesse an innovativen Konzepten tarifvertraglichen Übergangsmanagements: Das Rentenpaket der schwarz-roten Bundesregierung hat Signale für einen Neuaufbruch lebenslauforientierter Alterssicherungspolitik gesetzt.

Die Frankfurter Beruf-und-Familie gGmbH, Tochter der gemeinnützigen Hertie-Stiftung, hat in diesen Tagen das vom Autorenteam der Böckler-Studie gesetzte Thema „Flexibel in die Rente“ mit eigenen Daten aufgegriffen. Sie bestätigt, dass nur wenige Tarifverträge existieren, die die Herausforderungen des demographischen Wandels für Beschäftigte und Betrieb zu einem klugen Ausgleich bringen.

Gerade aus Sicht der Beschäftigten ist die Erweiterung der Alterssicherungspolitik um tragfähige Teilrentenmodelle und Angebote gleitenden Übergangs in die Rente von großer Bedeutung: Nur ein Viertel der Beschäftigten will bis zum Renteneintritt voll erwerbstätig sein (28 %), fast genauso viele möchten in den letzten Erwerbsjahren vor der Rente lediglich mit reduzierter Arbeitszeit im Job bleiben (26 %). Diese von der Hertie-Stiftung vorgelegten Zahlen bekräftigen Erkenntnisse des Index Gute Arbeit: Ein gutes Drittel der Beschäftigten will vorzeitig in Rente gehen, acht Prozent können sich vorstellen, über das gesetzliche Rentenalter hinaus weiter erwerbstätig zu sein.

Intensivierte Anstrengungen des betrieblichen Gesundheitsschutzes, alternsgerechte Arbeitsplätze und die Frage, wie das Wissen der ausscheidenden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Unternehmen gesichert werden kann, sind Themen, die für eine lebenslauforientierte Tarifpolitik auch aus Arbeitgebersicht von wachsendem Interesse sind.

Nachdem es in den vergangenen Jahren gelungen ist, im Alltag die Balance von „Beruf und Kindern“ durch flexible Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Eltern zu erleichtern, richtet sich die Aufmerksamkeit politisch und betrieblich zunehmend auf das Thema „Beruf und Pflege älterer Angehöriger“. Bei der Gestaltung alternsgerechter Arbeitsplätze für älter werdende Belegschaften stehen die praktischen Überlegungen aber noch ganz am Anfang, so das Fazit, das bei der Hertie-Stiftung nicht anders klingt als bei Ute Klammer und ihrem Team junger Lebenslaufforscher.1

Um die Entwicklung innovativer Modelle des Übergangs vom Beruf in den Ruhestand zu fördern, werden Politik und Wissenschaft ebenso wie Gewerkschaften ihre Anstrengung intensivieren:
Nach der Sichtung erprobter Praxis-Modelle müssen diese Erfahrungen zeitnah in konsistente Handlungsstrategien umgesetzt werden! ver.di wird sich daran mit seiner sozial- und tarifpolitischen Kompetenz aktiv beteiligen.

Von tarifvertraglichen Lösungen flexibler Übergänge in die Rente werden Beschäftigte nur dann in großer Zahl profitieren, wenn die Tarifbindung wieder steigt. Die Ankündigung der Großen Koalition, die Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen zu erleichtern, ist daher von entscheidender Bedeutung, um die sozialpolitisch drängenden Fragen von Teilrente und selbstbestimmten Übergängen erfolgreich zu gestalten.

Eine zukunftsweisende Alterssicherungspolitik braucht nach dem nun vorgelegten Rentenpaket rasch eine lebenslaufpolitische Flankierung zur Erleichterung flexibler Übergänge in die Rente. Es ist wichtig, gewerkschaftlich den Blick jetzt schon auf diese Herausforderungen zu richten, auch wenn der Pulverdampf der politischen Diskussion um die verfassungskonforme Ausgestaltung der abschlagsfreien Rente mit 63 und die anderen Elemente des Rentenpaketes sich noch nicht verzogen hat.

 

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1 Die zitierte Studie „Flexibel in die Rente“ von Frau Professorin Ute Klammer u. a. ist 2013 als Buch erschienen: Norbert Fröhler, Thilo Fehmel, Ute Klammer: Flexibel in die Rente. Gesetzliche, tarifliche und betriebliche Perspektiven, Berlin (edition sigma) 2013

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