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Teilhabe am Erwerbsleben auch bei psychischen Erkrankungen

Teilhabe am Erwerbsleben auch bei psychischen Erkrankungen

Teilhabe von Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Arbeitswelt verbessern?

Vielfalt der Beeinträchtigungen im Bundesteilhabegesetz berücksichtigen

In Deutschland leben rund sieben Millionen Menschen mit einer anerkannten Schwerbehinderung. 700 000 erhalten Leistungen aus der Eingliederungshilfe. Der Teilhabebericht der Bundesregierung (2013) geht davon aus, dass 500 000 Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung eine psychische Beeinträchtigung haben. Gegenüber dem Jahr 2005 stellt dies eine Zunahme um 42 Prozent dar. Nahezu verdoppelt hat sich die Zahl der Menschen, die aufgrund psychischer Beeinträchtigungen eine Rente der Deutschen Rentenversicherung erhalten. Auch im Bereich der Rehabilitation schlagen sich diese Veränderungen nieder. (Früh-)Verrentung und kurzfristige Reha-Maßnahmen sind als Antworten auf die Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Behinderungen aber nicht ausreichend. Gefordert sind verlässliche Angebote, die ihnen gute Arbeit und Teilhabe am Erwerbsleben ermöglichen.

Maßstab des im Koalitionsvertrag angekündigten Bundesteilhabegesetzes muss die UN-Behindertenrechtskonvention sein. Sie zählt zu den Menschen mit Behinderungen ausdrücklich Menschen, „die langfristige körperliche, seelische (!), geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe hindern können.“ Die Konvention fordert von allen Verantwortlichen, nicht zuletzt auch von den Arbeitgebern, für alle Menschen mit Behinderung „angemessene Vorkehrungen“ zu treffen: Das bedeutet, notwendige und geeignete Anpassungen an die Bedürfnisse der Menschen mit Behinderungen zu schaffen, so dass Exklusion wirksam verhindert wird.

„Angemessene Vorkehrungen“ für Menschen mit einer psychischen Behinderung sehen naturgemäß anders aus, als angemessene Vorkehrungen für Gehbehinderte oder Hörgeschädigte. Wo die Rollstuhlfahrerin regelmäßig die Rampe und den Aufzug braucht, um ihren Arbeitsplatz erreichen zu können, wo der Blinde dauerhaft auf seinen Blindenhund angewiesen ist, braucht die Beschäftigte mit psychischer Behinderung ebenso verlässlich eine Arbeitsumgebung, die ihr die Erwerbstätigkeit ermöglicht – z.B. in Gestalt eines Begleit-Coachings.

Schwerbehindertenvertretungen als Lotsen

Neben der Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit der Unterstützungsleistungen, ist ihre Auffindbarkeit ein zweiter wesentlicher Punkt. Gerade Menschen mit psychischen Behinderungen werden ein Hilfsangebot nicht annehmen können, dessen Auffindbarkeit genau jene Energien und Ressourcen erfordert, die ihnen (in schubweise auftretenden Krankheitsphasen) fehlen. Lotsen durch das Hilfesystem sind von zentraler Bedeutung. Diese Lotsenfunktion übernehmen – dort wo sie im Betrieb gewählt sind - heute bereits erfolgreich die Schwerbehindertenvertretungen. Sie tragen wesentlich dazu bei, behinderungsgerecht ausgestatte Arbeitsplätze und angemessene Vorkehrungen für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Dies ist wesentliches Ergebnis einer jüngst von ver.di in Auftrag gegebenen Repräsentativbefragung von Beschäftigten mit Behinderung.
Um die Lotsen- und Anwaltsfunktion auch für Menschen mit psychischer Behinderung umfassend und verlässlich übernehmen zu können, bedarf es einer Stärkung der Schwerbehindertenvertretung (SBV). Qualifizierter Weiterbildung und Schulung kommt eine herausragende Bedeutung zu, leichtere Heranziehungsmöglichkeiten der Stellvertreter_innen
sowie großzügigere Freistellungsregelungen und Mitspracherechte kommen als weitere Forderungen hinzu. Es ist dafür Sorge zu tragen, dass die Rechte und Ressourcen der Schwerbehindertenvertretungen ausgebaut und gestärkt werden (siehe dazu auch: ver.di-Behindertenpolitischer Leitantrag und DGB-Reformvor-
schläge zum Schwerbehindertenrecht).

Psychische Erkrankungen

Nach vielen Jahren der Tabuisierung werden psychische Erkrankungen im Kontext von Arbeits- und Gesundheitsschutz endlich ihrer Bedeutung entsprechend wahrgenommen. Dabei wird allerdings zwischen psychischen Belastungen, psychischen Erkrankungen und psychischen Behinderungen nicht durchgängig sorgsam unterschieden. Psychische Belastungen sind Faktoren in der (Arbeits-)Umwelt, die die psychische (und physische!) Gesundheit gefährden.

Zur Behinderung regelt das SGB IX: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Alter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist.“ Mit der Dauer einer psychischen Erkrankung verändert sie sich zu einer psychischen Behinderung: Wenn psychische Erkrankungen länger als 6 Monate andauern, von der Altersnorm abweichen und mit Teilhabebeeinträchtigungen einhergehen, handelt es sich um „psychische Behinderungen“ im Sinne des SGB IX. Neben Depressionen geht es bei psychischen Erkrankungen bzw. Behinderungen vor allem um schwere Abhängigkeitserkrankungen, dementielle Syndrome, schizophrene Erkrankungen und Angsterkrankungen.

Psychische Belastungen

Neben umfassender Unterstützung von Beschäftigten mit psychischen Behinderungen fordert ver.di eine intensive präventiv angelegte Abwehr psychischer Gefährdungen. Neue Gesundheitsrisiken im Erwerbsleben sind stark durch psychische Belastungen geprägt (z. B. durch die Digitalisierung der Arbeitswelt) – gerade auch in den Dienstleistungsberufen. Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (www.gda-portal.de) hat Psychische Erkrankungen zu einem der Schwerpunktthemen 2013–2018 gemacht. Die von ver.di angemahnte Weiterentwicklung der Gefährdungsbeurteilung zielt auf die frühzeitige Erkennung und Vermeidung psychischer Gefährdungen  (www.verdi-gefaehrdungsbeurteilung.de). Die von DGB, BDA und Bundesarbeitsministerium unterzeichnete Gemeinsame Erklärung „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ aus dem September 2013 verdient in diesem Zusammenhang besondere Beachtung als Ausweis der Bedeutung, die psychischer Belastung von Seiten der Sozialpartner zugemessen wird.