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    Soziale Ungleichheit wächst

    Soziale Ungleichheit wächst

    Migrant*innen besonders betroffen

    Die soziale Ungleichheit in Deutschland ist größer geworden: Diejenigen, die schon vor der Corona-Pandemie eine schwächere Position auf dem Arbeitsmarkt hatten, sind jetzt besonders von finanziellen Einbußen betroffen. Das zeigt eine Befragung von mehr als 6.000 Erwerbspersonen, die das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung durchgeführt hat.

    Für viele Menschen bricht die Arbeit ganz weg, Soloselbstständige fallen in die Grundsicherung, und auch Kurzarbeit schützt nicht immer vor einem zusätzlichen Sicherungsbedarf. Jetzt liegen erste Studien vor, die untersuchen, wer besonders unter den Folgen der Pandemie auf den Arbeitsmarkt leidet. Von Einkommenseinbußen besonders betroffen sind laut der Befragung des WSI Personen, die in atypischer oder prekärer Beschäftigung, also etwa als Leiharbeiter*in oder Minijobber*in arbeiten.

    Am deregulierten Rand des Arbeitsmarktes, ohne tariflichen Schutz und Mitbestimmung, sind Erwerbstätige besonders von der Krise getroffen. In der unteren Einkommensgruppe mit maximal 900 Euro netto monatlich waren fast 48 Prozent betroffen, während es in der obersten Gruppe mit mehr als 4.500 Euro netto knapp 27 Prozent sind. Die Befragung zeigt, dass das Risiko in Unternehmen mit Tarifvertrag und Betriebsrat entschieden niedriger ausfällt.

    Infografik "Coronakrise: Geringverdiener besonders betroffen" WSI Infografik  – Einkommenseinbußen infolge der Corona-Pandemie


    Eine weitere Auffälligkeit: Zu den von den Einkommensverlusten besonders hart getroffenen Personengruppen gehören viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Befragte mit einer familiären Zuwanderungsgeschichte haben laut der Untersuchung um knapp sechs Prozent häufiger Einkommenseinbußen als Befragte ohne diesen Hintergrund. Das liegt nicht nur daran, dass Migrant*innen besonders häufig im sogenannten Niedriglohnsektor ausgebeutet werden. Die Ergebnisse der Erhebung zeigen, dass sie bei gleichem Bildungsstand, gleichem Einkommen, gleichem Qualifikationsniveau und in der gleichen Branche häufiger Einbußen hinzunehmen hatten als Menschen ohne Migrationserfahrung. Die Daten ergänzen eine Studie des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) zum überdurchschnittlich hohen Anteil von Migrant*innen in systemrelevanten Tätigkeiten, die im Juni 2020 bei einer ver.di-Veranstaltung vorgestellt wurde.

    Für Dr. Andreas Hövermann, neben der WSI-Direktorin Prof. Dr. Bettina Kohlrausch Autor der Auswertung, sind die überdurchschnittlich häufig vorkommenden Einkommenseinbußen „ein Befund, der nur bedingt auf die unterschiedliche Zusammensetzung zurückzuführen ist, also etwa darauf, dass Personen mit Migrationshintergrund häufiger in stark betroffenen Branchen arbeiten. Dies lässt Diskriminierungsprozesse als naheliegend erscheinen, die stärker in den Blick geraten müssen und nicht toleriert werden dürfen.“

    Ungleiche Verteilung der Lasten könnte gesamtgesellschaftlich destabilisierend wirken.

    Interessant ist auch ein weiterer Befund, der bei der Untersuchung mitabgefragt wurde. Personen, die Einkommen verloren haben, sind demokratiekritischer und haben weniger Vertrauen ins politische System. Das ist bei Menschen mit Migrationserfahrung genauso ausgeprägt wie bei denen ohne. „Gehaltseinbußen und die Wahrnehmung einer ungleichen Verteilung der Lasten könnten gesamtgesellschaftlich destabilisierend wirken“, warnen die Autor*innen der Befragung, die im Dezember in einem Aufsatz des WSI zugänglich gemacht wird und hier die Personenbefragung in Hinblick auf die „Corona-Zweifel, Unzufriedenheiten und Verschwörungsmythen“ der Befragten analysiert.

    Migrant*innen häufiger erwerbslos

    Auch in einer ersten Zwischenbilanz des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit bereits im Sommer veröffentlichte, wurde deutlich, dass Erwerbstätige mit Migrationserfahrung stärker von der Krise betroffen sind als Personen ohne einen solchen Hintergrund.

    Laut den Zahlen des IAB haben Personen mit Migrationshintergrund seit Beginn der Covid-19-Pandemie häufiger ihren Job verloren als Personen ohne Migrationshintergrund (sieben Prozent der Personen mit und drei Prozent der Personen ohne Migrationshintergrund). Zudem schätzt ein größerer Anteil das Risiko als hoch ein, dass dies noch passieren könnte. Besonders Frauen mit Migrationshintergrund sind vom Risiko des Jobverlustes betroffen, heißt es in der Zwischenbilanz.

    Arbeitsmarkt muss langfristig mit Instrumenten ausgestattet werden, die faire Arbeitsbedingungen und Schutz vor Ausbeutung für alle garantiert.

    Den überdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit unter Migrant*innen erklären die Autor*innen hier mit der Struktur der Beschäftigung, die oft nicht im Homeoffice stattfinden kann, weil sie nicht ausschließlich an Computertätigkeiten gebunden ist. Migrant*innen arbeiten überdurchschnittlich oft in haushaltsnahen Bereichen, in der Saisonarbeit, in der Landwirtschaft, in der Logistik und im Verkehrssektor. Hier ist ihr Anteil in den vergangenen Jahren stark angestiegen.

    Die Bundesregierung hat zu Beginn der COVID-19-Pandemie Maßnahmen zur Abfederung der Krise auf den Weg gebracht und jetzt weitere in Aussicht gestellt. Als Gewerkschafter*innen achten wir darauf, dass diese Maßnahmen bei den Beschäftigten ankommen und dass diese sozial gerecht verteilt werden. Deshalb ist es wichtig, die besonders schutzbedürftigen Personengruppen gezielt zu unterstützen und den Arbeitsmarkt langfristig mit Instrumenten auszustatten, die faire Arbeitsbedingungen und Schutz vor Ausbeutung für alle garantieren.

    Die Untersuchung des WSI erscheint Anfang Dezember als Zeitschriftenaufsatz in den WSI-Mitteilungen.

    [10.11.2020]