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    Bildungsabschluss nachholen - Arbeitsmarktchancen verbessern

    Bildungsabschluss nachholen - Arbeitsmarktchancen verbessern

    IAB erforscht Barrieren beim Zugang zu Weiterbildungsmaßnahmen – Gewerkschaften fordern verstärkte Anstrengungen der BA

    Die Zahlen haben sich seit Jahren wenig verändert – knapp die Hälfte der Arbeitslosen in Deutschland verfügt über keine abgeschlossene Berufsausbildung, bei den Beschäftigten hingegen liegt der Anteil ohne Berufs-abschluss unter 15 Prozent. Das Risiko arbeitslos zu werden, ist eng mit dem Fehlen eines Berufsabschlusses verbunden!

    Gleichzeitig liegt der Anteil der jungen Menschen, die mit 30 oder 35 noch keine Berufsausbildung abgeschlossen haben, weiter erschreckend hoch: Von den 20–34-Jährigen ist heute jeder siebte ohne Berufsabschluss.

    Der Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit hat sich wiederholt mit dieser Situation befasst – gerade die Arbeitnehmervertreter*innen drängen seit langem auf eine Intensivierung der abschlussbezogenen Weiterbildung für arbeitslose junge Erwachsene, um den Teufelskreis der Arbeitslosigkeit zu durchbrechen.

    Die aktuelle Entwicklung allerdings verläuft uneinheitlich: Während im Rechtskreis des SBG III im Jahr 2013 knapp 180.000 Eintritte in eine Weiterbildung zu verzeichnen waren (und damit knapp 30 Prozent mehr als im Vorjahr), ist die Tendenz im Rechtskreis des SGB II gegenläufig. Hier begannen 2013 nur knapp 150.000 Arbeitssuchende eine geförderte Weiterbildung, fast 15 Prozent weniger als im Vorjahr. „Barrieren besser zu kennen, die es Arbeitslosen schwer machen, das Weiterbildungsangebot zu nutzen, war für die Gewerkschaftsvertreter im Verwaltungsrat der BA ein wichtiges Forschungsdesiderat. Wir freuen uns, dass das IAB – das Forschungsinstitut der BA – diese Lücke nun geschlossen hat,“ betont Eva M. Welskop-Deffaa, Mitglied im ver.di-Bundesvorstand und für ver.di im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit.

    Die soeben veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der BA („Finanzielle Aspekte sind nicht zu unterschätzen“, IAB-Kurzbericht 14/2014) zeigt auf: Für die meisten Arbeitslosen sind es finanzielle Aspekte, die einer länger dauernden Weiterbildung im Wege stehen. Etwa zwei Drittel der Befragten beklagen die Unsicherheit nicht zu wissen, ob sich die Weiterbildung wirklich als finanzieller Vorteil im weiteren Berufsleben auswirken wird. Fast die Hälfte der Befragten (44 Prozent) gibt an, sich den mit einer Weiterbildung verbundenen Verzicht auf ein Einkommen nicht leisten zu können.

    Finanzielle Aspekte der Weiterbildung

    Während einer Weiterbildung können Arbeitslose weiter Arbeitslosengeld beziehen, dies fällt aber meist geringer aus als alternative Einkommensquellen, die kurzfristig ohne Weiterbildung erreicht werden können. Angesichts der Zweifel an der Verwertbarkeit der Weiterbildung in Form zukünftiger beruflicher Verbesserungen, die bei den befragten Arbeitslosen weit verbreitet sind, ist für viele Menschen ohne Berufsabschluss ein als relativ sicher angesehener nächster Job mit einem Einkommen knapp oberhalb des Transferbezugs attraktiver als die unsichere Aussicht auf ein später durch die Weiterbildungsmaßnahme erreichbares höheres Einkommen. „Unsichere Gewinne in der Zukunft wiegen spürbare Nachteile in der verlängerten Gegenwart nicht auf,“ diese Erkenntnis einer verhaltensökonomisch basierten Lebenslaufpolitik wird durch die IAB-Studie deutlich bestätigt.

    Neben finanziellen Aspekten werden vom IAB weitere Barrieren identifiziert, die die Aufnahme einer Weiterbildung behindern: Knapp 30 Prozent der Befragten konstatieren, dass sie „das Lernen nicht mehr gewohnt“ sind, für mehr als ein Viertel ist die Vollzeitweiterbildung nur schwer mit der Betreuung von Angehörigen oder Kindern vereinbar.

    Menschen ohne Berufsausbildung sehen insgesamt höhere Hindernisse bei der Entscheidung über die Teilnahme an einer Weiterbildung als Menschen mit höherem Bildungsabschluss. Geringqualifizierte geben häufiger Lernschwierigkeiten und schlechte Erfahrungen mit Lehrern an. „Alles in allem scheinen Bildungsinvestitionen in der Vergangenheit die Bereitschaft für eine Weiterqualifizierung der Befragten zu erhöhen, während sich negative Erfahrungen in der Vergangenheit als Hemmnisse für zukünftige Qualifizierungsanstrengungen erweisen“, so die IAB-Forscher*Innen.

    Weiterbildungen sind ein wichtiges Instrument der Arbeitsmarktpolitik, da häufig die Marktanforderungen nicht mit den Qualifikationen der Arbeitslosen übereinstimmen. Damit allerdings eine Weiterbildung erfolgreich sein kann, ist die persönliche Teilnahmebereitschaft essenziell, unterstreicht das IAB. Um die finanziell

    begründeten Hemmschwellen abzubauen, schlagen die Forscher institutionelle Änderungen vor, zum Beispiel in Form eines erhöhten Transfereinkommens oder durch die Zahlungen von Prämien bei erfolgreichem Abschluss der Maßnahme wie im Projekt „Thüringen braucht dich“.

    Vermittlungsfachkräfte spielen bei der Ansprache der Arbeitslosen auf Weiterbildungsangebote eine zentrale Rolle, so das IAB. Schätzt der Vermittler längere abschlussbezogene Maßnahmen als sinnvoll ein, gilt es in einem ersten Schritt, mögliche Schwierigkeiten auf Seiten der Arbeitslosen zu identifizieren und nachvollziehbare Informationen über den Zusammenhang zwischen Qualifikation und Arbeitsmarkterfolg zur Verfügung zu stellen. Die Beratung sollte dabei nicht auf einer allgemeinen Ebene bleiben, sondern an die lokale Arbeitsmarktlage und die individuelle Lebensverlaufsperspektive angepasst sein.

    Weiterbildung von jungen Menschen mit Migrationshintergrund

    Betrachtet man die Gruppe der jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss, so liegt der Anteil bei ausländischen jungen Erwachsenen heute deutlich höher als bei deutschen: Der Anteil lag bei ausländischen jungen Erwachsenen bei 33,1 Prozent, bei den deutschen jungen Erwachsenen bei 10,8 Prozent.

    Die IAB-Studie belegt, dass Menschen mit Migrationshintergrund auch in Bezug auf  eine potenzielle Weiterbildungsmaßnahme mehr Hindernisse sehen als Menschen ohne Migrationshintergrund.

    Noch deutlicher fällt der Unterschied bei Personen mit gesundheitlichen Problemen aus: Sie haben signifikant mehr Hürden zu überwinden als Arbeitslose ohne Gesundheitsbeeinträchtigungen.

    Menschen, deren Lebenslauf bisher durch eine größere Zahl von SGB-II-Bezugszeiten geprägt war, nehmen insgesamt weniger Hindernisse in Bezug auf eine Weiterbildung wahr. „Möglicherweise,“ so das IAB, „sehen Personen, die häufig zwischen Arbeitslosigkeit und Beschäftigung wechseln, Weiterbildung als eine Chance auf einen stabileren Erwerbsverlauf, sodass Hindernisse in den Hintergrund treten.“