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    Interview mit Canan Yildirim

    Interview mit Canan Yildirim

    Die neue Vorsitzende des ver.di-Bundesmigrationsausschusses stellt sich vor 

    „Rassismus und Sexismus sind oft miteinander verwoben, Migrantinnen erleben Benachteiligungen doppelt“ 

    Als Gast im Landesmigrationsausschuss Hamburg ist Canan Yildirim in die ehrenamtliche Arbeit bei ver.di eingestiegen. Seit zwei Jahren ist sie die Vorsitzende des Landesmigrationsausschusses Hamburg und seit Oktober 2021 ist sie nun die Vorsitzende des Bundesmigrationsausschusses. Hauptberuflich arbeitet sie als Bildungsreferentin bei „Arbeit und Leben“ in Hamburg. Wir haben Canan Yildirim zum Gespräch gebeten. 

    Canan Yildirim - Vorsitzende des ver.di-Bundesmigrationsausschusses Canan Yildirim Canan Yildirim  – Vorsitzende des ver.di-Bundesmigrationsausschusses

    Liebe Canan Yildirim, du bist seit Oktober 2021 neue Vorsitzende des ver.di-Bundesmigrationsausschusses. Was beinhaltet diese Aufgabe? Und welche Schwerpunkte setzt Du als Vorsitzende? 

    Es sind mehrere Themen, die gleichzeitig behandelt werden müssen. Auf der einen Seite möchte ich, dass ver.di bunter wird und auch hohe Positionen von Migrant*innen besetzt werden. Ein bis zwei Vorzeigebeispiele reichen hier nicht aus. Außerdem wiegt das Thema Diskriminierung und Rassismus natürlich sehr schwer. Ich möchte, dass unsere Mitglieder von ver.di geschult werden, wie sie sich gegen Diskriminierung schützen können. Gleichzeitig möchte ich, dass sich die Gewerkschaft für die Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle für die von struktureller Diskriminierung (Rassismus, Sexismus) betroffenen Personen einsetzt. Ebenso möchte ich den geflüchteten Frauen, die in der Gesellschaft kaum wahrgenommen werden, mehr Gewicht verleihen.

    Kannst Du uns ein bisschen was von Deinem beruflichen Werdegang erzählen? Welche Stationen in Deinem Lebenslauf waren für diese Aufgabe wichtig?  

    Ich bin mit 12 Jahren ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland gekommen und musste schnell die Sprache lernen, weil ich wie viele andere Gastarbeiterkinder für die Community gleich als Übersetzerin eingesetzt wurde. Aufgrund meiner mangelnden Deutschkenntnisse wurde ich auf der Hauptschule ein Jahr zurückgestuft und kam in die 6. Klasse. Ich wollte unbedingt studieren. Das deutsche Schulsystem selektiert die Schülerschaft leider schon nach der 4. bzw. 6. Klasse hinsichtlich des weiteren Werdegangs. In meinem Fall bedeutet das, dass ich keine Möglichkeit mehr hatte, aufs Gymnasium oder auf die Realschule zu gehen. Daher habe ich einen langen Umweg gemacht, bis ich mein Abitur auf dem Wirtschaftsgymnasium machen konnte. Während meines BWL-Studiums wusste ich, dass ich nicht als typische BWLlerin arbeiten wollte. Daher habe ich neben meinem Studium als Referentin bei „Arbeit und Leben“ gearbeitet, wo ich auch nach dem Studium für soziale Projekte eingestellt wurde. Hier habe ich hauptsächlich in dem Bereich der Jugendbildung, in enger Zusammenarbeit mit der DGB-Jugend, mehrere Projekte geleitet. Mein Weg führte mich dann wieder zurück nach Hamburg, wo ich als Leiterin der „Elternschule“ migrantische Eltern beraten und Kurse für sie entwickelt habe. Die Doppel- und Dreifach-Belastung der Mütter stand einem Kursbesuch meistens im Wege. Die Frauen haben in prekären Beschäftigungsverhältnissen gearbeitet, hatten den gesamten Haushalt zu „wuppen“, Probleme mit der deutschen Sprache und waren meistens mit der Erziehung der Kinder überfordert. Die Kurse in ihrer Muttersprache, angepasst an ihre Arbeitszeiten, haben sie gestärkt.

    Und wie ging es dann für dich weiter? 

    Da ich gerne im gewerkschaftlichen Kontext arbeiten wollte, habe ich eine Stelle bei „Arbeit und Leben“ Hamburg angenommen. Die Migrationsberatungsstelle, die ursprünglich 25 Jahre vom DGB geführt wurde, wurde an „Arbeit und Leben“ übergeben, weil der DGB sich nach und nach von der Migrationsarbeit verabschiedete. Mein Vater war oft in der Beratungsstelle. Die Beratung war für ihn in türkischer Sprache. Bei „Arbeit und Leben“ habe ich genau die Migrationsberatung gemacht, die mein Vater vor 25 Jahren in Anspruch genommen hat. In die Beratung kommen neben den Menschen, die Probleme mit den Behörden hatten, auch die, die schon in Rente waren, aber mit dem Geld nicht mehr klarkamen. Hier wurden die Auswirkungen der prekären Beschäftigung deutlich. Sie hatten kaum was zum Leben. Meine Intention, mich bei der Gewerkschaft zu engagieren, wuchs, je mehr solche Missstände an mich herangetragen wurden.  

    Was muss sich konkret ändern, damit migrationspolitische Themen selbstverständlicher Teil der Gewerkschaftsarbeit werden? 

    Die Gewerkschaft muss mit Taten deutlich machen, dass sie sich für die Migrant*innen einsetzt. Sie muss vielfältiger werden. Es reicht nicht, die Öffnung der Gewerkschaft zu „wollen“. Sie muss ein Konzept haben, damit sich die Migrant*innen mit ihrer Gewerkschaft identifizieren. Wie bei der Besetzung von Posten eine Frauenquote angelegt wird, muss es auch eine Migrationsquote geben.  

    Rassismus und Sexismus sind oft miteinander verwoben. Ist der Sexismus, den beispielsweise muslimische Frauen, kurdische oder schwarze Frauen erleben, anders als der, dem herkunftsdeutsche Frauen ausgesetzt sind? 

    Das stimmt. Die Migrantinnen erleben Benachteiligungen doppelt. Entweder werden sie diskriminiert, weil sie anders aussehen oder weil sie Frauen sind. Oder eben beides gleichzeitig. Aber das Gefühl der Ohnmacht ist gleich wie bei herkunftsdeutschen Frauen.

    Du bist auch in feministischen Kontexten engagiert. Was kann die in Deutschland oft noch sehr weiße Frauenbewegung von der kurdisch-türkischen lernen? 

    Deine Frage kann ich nicht eindeutig beantworten. Sie sind insofern vergleichbar, dass während die kurdisch-türkische Frauenbewegung für die Umsetzung von Frauenrechten, wie zum Beispiel die Wiedereinführung der Istanbuler Konvention, die gesellschaftliche Ächtung und Abschaffung der Kinderehen oder das Recht auf Bildung für Mädchen kämpfen, setzt sich die Frauenbewegung in Deutschland ebenfalls für die Umsetzung des Rechts für Frauen ein.  Sie haben allerdings einen weiten, steinigen Weg hinter sich gebracht, den die kurdisch-türkischen Frauen noch vor sich haben. Die Frauenbewegung in Deutschland ist mittlerweile auch bunt und vielfältig. Hier engagieren sich Frauen aus unterschiedlichen Kulturen. Die Bewegung verliert also immer mehr ihre „Blässe“ und wird immer bunter.

    Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Deine wichtige Arbeit!

    [8.3.2022]