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Minijobs - Beschäftigungsverhältnisse zweiter Klasse

Minijobs - Beschäftigungsverhältnisse zweiter Klasse

Seit Einführung des Mindestlohns ist die Zahl der Minijobs zurück gegangen, gleichzeitig steigt die Zahl der Studien, die die negativen Begleiterscheinungen der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse empirisch belegen. Insbesondere das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in den letzten Wochen mehrere Untersuchungen vorgelegt, die nachweisen, dass der Minijob alles andere ist als ein gut gefedertes Sprungbrett auf dem Weg in ein existenzsicherndes Arbeitsverhältnis. Minijobber suchen intensiv nach einer anderen Arbeit (IAB-Kurzbericht 19/2015), Frauen im mittleren Lebensalter gelingt nur selten der Übergang aus dem Minijob in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung (IAB-Projekt „Erwerbstätigkeit von Frauen in Mini- und Midijobs) und in der arbeitsrechtlichen Praxis werden Minijobber*innen arbeitsrechtliche Ansprüche in erschreckenden Maße nicht gewährt (IAB-Kurzbericht 18/2015).

Um aussagekräftige Zahlen zur Arbeitsrechtswirklichkeit von Beschäftigten im Minijob zu gewinnen, hat das IAB eine groß angelegte Studie durchgeführt, bei der geringfügig Beschäftigte ebenso wie befristet Beschäftigte und sozialversicherungspflichtig Teilzeitbeschäftigte mit Vollzeitbeschäftigten verglichen wurden. 7.500 Arbeitnehmer machten in einer telefonischen Befragung detaillierte Angaben zu ihren Beschäftigungsverhältnissen, ebenso – in einer zweiten telefonischen Befragung – Geschäftsführer und Personalverantwortliche von ca. 1.100 Betrieben. Die Befragung der Arbeitnehmer und Arbeitgeber hat gezeigt, dass das Ausmaß, in dem Beschäftigte über arbeitsrechtliche Ansprüche informiert sind, und die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen diese Rechte verwehrt werden, mit der Beschäftigungsform eng zusammenhängen. Signifikante Unterschiede zwischen den Vergleichsgruppen zeigten sich vor allem bei den Minijobbern. Jede dritte Minijobber*in gab an, keinen bezahlten Urlaub zu erhalten. Fast die Hälfte der unbefristet in einem Minijob Beschäftigten erhielt nach eigenen Angaben keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die Befragung von Beschäftigten und Betrieben ergab darüber hinaus, dass die Gewährung von bezahltem Urlaub und von Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall häufiger ausbleibt, wenn die Beschäftigten das betreffende Recht nicht kennen. Vergleichsweise gut informiert über ihre Rechte sind Beschäftigte in Betrieben mit Betriebsrat oder Tarifvertrag. Auch die Personalverantwortlichen beantworten Fragen zum bezahlten Urlaub häufiger korrekt, wenn es im Betrieb einen Betriebs- oder Personalrat gibt.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte kennen mehrheitlich wichtige arbeitsrechtliche Regelungen. Dies gilt sowohl für Vollzeitkräfte und für Teilzeitbeschäftigte, ebenso wie für befristet Beschäftigte. Von ihnen wird insgesamt nur selten von der Nichtgewährung arbeitsrechtlicher Ansprüche berichtet. Anders die Minijobberinnen: Von ihnen gibt ein Drittel an, keinen bezahlten Urlaub zu erhalten.  Rund 46 Prozent der Minijobberinnen bekommen keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, so ihre Angaben in der Befragung.

Diese Ergebnisse sind für uns als Gewerkschaft einerseits ein Aufruf zu noch mehr betrieblicher Aufklärungsarbeit, andererseits sind sie ein Hinweis darauf, dass die grundsätzliche Skepsis Minijobs als Arbeitsverhältnissen 2. Klasse gegenüber berechtigt bleibt. Offenbar haben die Arbeitnehmer*innen in der Praxis Gründe, die sie bewegen, trotz der Kenntnis ihrer Arbeitsrechte diese nicht einzufordern.

Betriebsräte sind Gold wert

Eindeutig waren die Ergebnisse in Bezug auf die gewerkschaftliche Organisierung. Die Frage zum bezahlten Urlaub wird häufiger korrekt beantwortet, wenn es einen Betriebs- oder Personalrat im Betrieb gibt: Verschiedene Fallbeispiele zeigen, dass dem Betriebsrat bei der Verbreitung von Informationen zu arbeitsrechtlichen Regelungen eine sehr wichtige Funktion zukommt. Darüber hinaus beeinflusst ein engagierter Betriebsrat auch die subjektiv wahrgenommene Handlungsmacht der Arbeitnehmer/innen. Dies gelingt einerseits über die konkrete Unterstützung bei der Durchsetzung der Ansprüche, aber auch indirekt über eine Solidarisierung der Arbeitnehmer/innen untereinander, die es leichter macht, auf arbeitsrechtliche Standards zu pochen.

Minijobberinnen

Die Studie verweist zugleich auch darauf, dass die beobachteten Defizite bei der Durchsetzung arbeitsrechtlicher Standards vor allem Frauen betreffen. Sie sind häufiger in Minijobs tätig als Männer; prinzipiell erhöhen Kinder im Haushalt die Wahrscheinlichkeit, als Minijobber oder in Teilzeit tätig zu sein. Teilzeitbeschäftigung ist vor allem durch geschlechtsspezifische Muster der Vereinbarkeit von Familie und Beruf geprägt.

Beschäftigungsumfang

Keineswegs entspricht der Stundenumfang der Minijobberinnen regelmäßig ihren (Teil-)Zeitwünschen. Unklar aber bleibt, so die Autoren der Studie des IAB, „ob der Arbeitgeber einem Beschäftigten tatsächlich die Erlaubnis zur Erhöhung der Arbeitszeit versagt, oder ob dies nur eine Vermutung des Beschäftigten darstellt.“

Aufklärung

Die Studie macht deutlich, dass diejenigen, die unter unsicheren und prekären Bedingungen arbeiten, über die Nachteile und vor allem auch über ihre Rechte umfassend informiert sein müssen! Auch in atypischen Arbeitsverhältnissen haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer den vollen Anspruch auf alle gesetzlichen und tarifvertraglichen Rechte!

Die DGB-Broschüre „Minijob: Kleine Teilzeit mit großen Stolpersteinen“ informiert umfassend.

Soziale Lebenslaufpolitik

Doch Aufklärungsarbeit über Arbeitsrechte allein reicht nicht.

Denn auch in der Alterssicherung schlagen sich die Nachteile eines Minijobs gravierend nieder. Rentenbeiträge aus einer Minijob-Beschäftigung führen nur zu Mini-Ansprüchen. Und schlimmer noch: Nur ein Sechstel der Minijobberinnen zahlt eigene Beiträge zur Rentenversicherung (http://tinyurl.com/q5vuegf). Für die meisten sind Jahre im Minijob Lücken in der Rentenbiografie, die das Altersarmutsrisiko dramatisch befeuern.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, muss neben der arbeitsrechtlichen Beratung und Begleitung insbesondere auch die Qualifizierung von Minijobberinnen zum Thema gemacht werden – der Umstieg aus dem Minijob in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung setzt umfassendes „Empowerment“ voraus.

Studie: http://doku.iab.de/kurzber/2015/kb1815.pdf

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