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    Gute digitale Arbeit gestalten

    Gute digitale Arbeit gestalten

    Die Digitalisierung verändert alle Lebensbereiche. Die technischen Neuerungen treiben einen Wandel der Arbeitswelt an, der vielen Unternehmen nützt. Ob aber die Arbeitnehmer*innen von den technischen Innovationen profitieren, ist oft fragwürdig. Die Digitalisierung hat bisher eher zu einer Verschlechterung der Arbeitsqualität geführt. Ein zentrales Problem ist die zu hohe Arbeitsintensität. Sie ist die Hauptursache für den Anstieg psychischer Belastungen und gefährdet die Gesundheit der Beschäftigten insgesamt.

    Für einen besseren Schutz und weniger Belastungen brauchen wir einen Arbeitsschutz, der gute digitale Arbeit gestaltet. Beispiele aus der Praxis sind in dem gerade erschienenen und von Lothar Schröder herausgegebenen Reader Gute Arbeit 2020 „Arbeitsschutz und Digitalisierung – Impulse für moderne Arbeitsgestaltung“ versammelt. Eine Fundgrube für alle an diesem Themenfeld Interessierte!

    Auch wenn es vielen Unternehmen wirtschaftlich gut geht nimmt die Arbeitsqualität ab und die Belastung der Beschäftigten zu. Das zeigen die Befragungen des DGB-Index Gute Arbeit und einige Beiträge in dem hier versammelten Band. Aber nicht nur die höhere Arbeitsbelastung auch die mit der Digitalisierung einhergehende Verletzung von Persönlichkeitsrechten und die Kontrollmöglichkeiten von Beschäftigten werden in diesem interessanten Reader thematisiert.
    Die daraus resultierende Verschlechterung des Betriebsklimas geht im Moment stark zulasten der Beschäftigten, kann aber langfristig auch nicht im Interesse der Unternehmen liegen. Der Arbeits- und Gesundheitsschutz muss deshalb teilweise an die neuen Gegebenheiten angepasst und da wo er schützt, endlich konsequent und verbindlich umgesetzt werden. Die betrieblichen Mitbestimmungsorgane sind ein wichtiger Akteur im Kampf um die Entlastung der Arbeitnehmer*innen. Die Arbeitsmenge und die Personalausstattung können durch gute Tarifverträge und Dienstvereinbarungen von den Beschäftigten und der Interessenvertretung mit beeinflusst werden.

    Cover der Broschüre "Arbeitsschutz und Digitalisierung" (Gute Arbeit - Reader 2020) Bund-Verlag Cover

    Ein weiterer Schwerpunkt der Publikation liegt auf den Arbeitszeiten, deren Regulierung ebenfalls mit der Digitalisierung unter Druck geraten ist. Ständige Erreichbarkeit, zu lange Arbeitstage, Arbeit auf Abruf und fehlende Ruhezeiten machen auf Dauer krank. Um eine menschengerechte Arbeitsatmosphäre gewährleisten zu können, muss die Gefährdungsbeurteilung psychische Belastungen und den Faktor Arbeitszeit umfassen. Das gilt besonders für mobile Arbeit, da hier die Gefahren, die mit ausgedehnten Arbeitsphasen einhergehen, besonders hoch sind.

    Die Folgen der digitalen Transformation sind in bestimmten Branchen besonders drastisch. In der Hafenlogistik etwa werden immer mehr Arbeitsplätze durch vollautomatische Prozesse ersetzt. Wie ver.di dort mit einem „Tarifvertrag Zukunft“ besonders die Qualifizierung der Mitarbeiter*innen, die durch Maschinen ersetzt werden, vorantreiben will, auch das wird in einem der insgesamt fünfzehn Beiträge beschrieben. Ein weiteres Beispiel dafür, wie mit gewerkschaftlicher Hilfe schlechte Arbeitsbedingungen verbessert werden konnten, ist die Deutsche Post AG. Mit der digitalen Sendungs- und Warenverfolgung wurden hier Mitarbeiter*innen in den letzten Jahren permanent kontrolliert und unter Druck gesetzt. Jetzt ist es ver.di und den Betriebsräten gelungen, eine Konzernbetriebsvereinbarung zur Tracking- und Überwachungstechnik und eine Rahmenvereinbarung zum Verfahren einer Gefährdungsbeurteilung abzuschließen.  

    Das Instrument der Gefährdungsbeurteilung ist das entscheidende Werkzeug, damit der Weg zur systematischen Prävention arbeitsbedingter Gesundheitsrisiken eingeschlagen werden kann und die Risiken am Arbeitsplatz nach der Analyse abgebaut werden können. Sie wird bislang jedoch nicht ausreichend genutzt (siehe dazu: sopoaktuell Nr. 284). Doch nicht nur auf betrieblicher Ebene besteht Handlungsbedarf: viele Autor*innen in dem Band verweisen auch auf die Verantwortung der Politik, die eine bessere Kontrolle der bestehenden Regelungen durchsetzen müsse. Bislang ist der Personalschlüssel bei der Arbeitsschutzaufsicht viel zu gering bemessen, um dieser Aufgabe gerecht werden zu können.

    Anke Thorein und Horst Riesenberg-Mordeja machen in ihrem Beitrag „Trends, Risiken, Handlungsbedarfe – Digitalisierung als Herausforderung für den Arbeitsschutz“ deutlich, dass der betriebliche Arbeitsschutz fortlaufend und vorausschauend, beteiligungsorientiert und mitbestimmt gedacht werden muss. Betriebs- und Personalräte können die Arbeitgeber an ihre Pflichten bei der Organisation des Arbeitsschutzes und an die Anwendung der Gefährdungsbeurteilung erinnern. Die ver.di-Online-Handlungshilfe ist ein hilfreiches Werkzeug, um die durch die Digitalisierungsprozesse veränderten Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten zu verbessern: „Nur die menschengerecht und beteiligungsorientiert gestaltete Arbeit kann nachhaltig gesunde Arbeitsbedingungen gewährleisten”, so das Autorenteam.

    Dr. Horst Riesenberg-Mordeja (ver.di) anl. der 
ver.di-Veranstaltung zum "Tag der Selbstverwaltung" am 11.05.2016 in Berlin ver.di/Foto: Danny Prusseit Dr. Horst Riesenberg-Mordeja

    Ein Satz, den Horst Riesenberg-Mordeja, seit 2002 Referatsleiter für Arbeitsschutz/Unfallversicherung in der ver.di-Bundesverwaltung, nicht müde zu wiederholen wurde. Der promovierte Biochemiker ist schon seit den 90er Jahren (damals für die IG Metall und die ÖTV) als Referent im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes aktiv und saß für ver.di u. a. im Vorstand der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), der Unfallversicherung Bund und Bahn (UVB), der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und als Vorsitzender der Gesellschafter-Versammlung der BG Kliniken – Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung gGmbH. Im Januar 2020 wird er in den Ruhestand treten. 

    Mit Horst Riesenberg-Mordeja verlieren wir einen „großen Player“ auf der Bühne der Gesetzlichen Unfallversicherung, der viele Verbesserungen mit angeschoben und umgesetzt hat. Wir gönnen ihm aber von Herzen seinen wohlverdienten Ruhestand und wünschen ihm alles erdenklich Gute und vor allem viel Freude und Gesundheit, sodass er seine Rente viele Jahre genießen kann!

    [10.12.19]

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