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Rehabilitation und Migration

Rehabilitation und Migration

Versorgungsunterschiede beim Reha-Angebot – Versichertenälteste und Versichertenberaterinnen als Lotsen nutzen

In Deutschland hat jede 5. Bürgerin/jeder 5. Bürger eine Migrationsgeschichte – Deutschland ist ein Einwanderungsland. Um die Barrieren abzubauen, die den Zugang zu guter Arbeit für Migranten und Migrantinnen versperren, werden intensive Diskussionen geführt. Im Schatten dieser Debatten blieb lange unbemerkt, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich von der Mehrheitsbevölkerung auch in Gesundheitsfragen unterscheiden: Der Zugang zum Gesundheitssystem ist für sie vielfältig erschwert. Hürden bestehen bei der allgemeinen Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, Hürden bestehen aber auch bei der medizinischen Rehabilitation der Rentenversicherung.

Aktuelle Studien bestätigen: Menschen mit Migrationshintergrund nehmen seltener allgemeinmedizinische Leistungen und häufiger Notaufnahmen in Anspruch. Die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen erfolgt bei ihnen durchschnittlich später und oft in chronifiziertem Zustand.

Die deutsche Rentenversicherung (DRV) hat diese Daten nun zum Anlass genommen, die Teilhabe von Migranten an medizinischen Reha-Angeboten kritisch zu analysieren. Das Ergebnis: Migranten und Migrantinnen nehmen medizinische Rehabilitation deutlich seltener in Anspruch als deutsche Versicherte. Je nach Herkunftsland zeigen sich für sie deutliche Probleme, rechtzeitig eine Reha anzutreten und sie erfolgreich abzuschließen. „In Anbetracht dieser Ergebnisse“, die der Bundesmigrationsausschuss der ver.di im letzten Jahr bereits intensiv diskutierte, sollte „der Zugang zur Rehabilitation erleichtert werden,“ schlussfolgert RVaktuell, die Fachzeitschrift der Deutschen Rentenversicherung, in ihrer April-Ausgabe 2015.

Schulung zum Erwerb interkultureller Kompetenz am 29./30.6.2015 für Versichertenälteste und -berater/innen ver.di  –

Um dieses Ziel zu unterstützen, hat ver.di Ende Juni 2015 zusammen mit dem Ethno-Medizinischen Zentrum Hannover und der Deutschen Rentenversicherung erstmals eine Schulung für Versichertenälteste und Versichertenberaterinnen angeboten, die sie mit Grundkenntnissen kultursensibler Kommunikation ausstattet und befähigt, Migranten und Migrantinnen den Weg vom Renten- zum Rehaantrag zu weisen.

Reha vor Rente

Migranten und Migrantinnen weisen eine höhere Frühberentungsquote auf, als die Versicherten der Deutschen Rentenversicherung ohne Migrationshintergrund. Gleichzeitig ist unter denjenigen, die Leistungen aus der beruflichen, medizinischen oder sozialen Rehabilitation in Anspruch nehmen, der Anteil von Migrantinnen/Migranten unterdurchschnittlich.

Dieses Gefälle wird durch neueste Untersuchungen der Deutschen Rentenversicherung zur medizinischen Reha bestätigt und in Bezug auf die Nationalität differenziert: So stellen Migrantinnen/Migranten türkischer Herkunft 2,2 Prozent der aktiv Versicherten der Deutschen Rentenversicherung (DRV), aber nur 1,6 Prozent der Rehabilitanden.

Ihre stationäre Rehabilitation verläuft häufiger ohne Erfolg. All dies verweist auf ausgeprägte und strukturelle Zugangsbarrieren zum und im deutschen Gesundheitssystem und auf spezielle Defizite in der Rehabilitation. Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreterinnen in der Selbstverwaltung der Rentenversicherung sehen sich gefordert hier für Verbesserungen einzutreten. Denn die Zahlen zeigen, dass sich für viele unserer (potentiellen) Mitglieder ihre Versichertenansprüche auf gute Gesundheitsleistungen nicht von allein erfüllen.

Versichertenälteste als Pfadfinder

ver.di hat daher die Zusammenarbeit mit dem Ethno-Medizinischen Zentrum (EMZ) in Hannover gesucht, das seit vielen Jahren intensiv die Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Migration und sozialer Ungleichheit erforscht und Lösungskonzepte erarbeitet. Das Projekt „Mit Migranten für Migranten – Interkulturelle Gesundheit in Deutschland“ (MiMi) gehört zu den Erfolgsprojekten des EMZ: Im Rahmen dieses Programms werden sozial engagierte MigrantInnen in ganz Deutschland zu transkulturellen Gesundheitsmediatoren geschult.
Aufbauend auf diesen langjährigen Erfahrungen hat das EMZ nun ein Projekt „MiMi-Reha“ gestartet, das gemeinsam mit der Deutschen Rentenversicherung Info-Angebote für Migrantinnen und Migranten einerseits, hauptamtliche Rehaberaterinnen andererseits entwickelt. Zusammen mit ver.di ist dieses Angebot auf Versichertenälteste und Versichertenberaterinnen, die ehrenamtlich in der Selbstverwaltung der DRV aktiv sind, ausgeweitet worden. Sie werden zu interkulturellen Pfadfindern geschult, die ratsuchenden Migranten und Migrantinnen den Weg vom Renten- zum Rehaantrag aufzeigen und sie bei der Suche nach einer geeigneten Reha unterstützen.

Schulung zum Erwerb interkultureller Kompetenz am 29./30.6.2015 für Versichertenälteste und -berater/innen ver.di  –
Schulung zum Erwerb interkultureller Kompetenz am 29./30.6.2015 für Versichertenälteste und -berater/innen ver.di  –

Zum Start fand Ende Juni 2015 für die ehrenamtlichen ver.di-Versichertenältesten und ver.di-VersichertenberaterInnen der Deutschen Rentenversicherung im ver.di-Bildungszentrum am Wannsee eine Schulung zum Erwerb interkultureller Kompetenz statt, die durch professionelle Teamer des EMZ geleitet wurde.

Ziel des zweitägigen Seminars war die Unterstützung der ehrenamtlichen KollegInnen zur Führung von Gesundheits- und Reha-Beratungsgesprächen mit MigrantInnen. Hierzu wurden Hintergrundinformationen über Arbeit, Gesundheit und Migration und Aspekte interkultureller Kommunikation vermittelt. Ausgehend von Erfahrungen in der eigenen Selbstverwalterpraxis wurden typische Problemkonstellationen analysiert und Lösungswege diskutiert, die es ermöglichen MigrantInnen besser zu erreichen und mehr Teilhabe und Chancengleichheit für alle KollegInnen zu ermöglichen. Thema war unter anderem die Frage nach der Bedeutung von Sprachbarrieren und der Rolle von Familienmitgliedern als „ehrenamtlichen Dolmetschern“. In einer solchen Dreieckskommunikation ist Kultursensibiltät in besonderer Weise gefordert, so ein Fazit der Veranstaltung.

Schulung zum Erwerb interkultureller Kompetenz am 29./30.6.2015 für Versichertenälteste und -berater/innen ver.di  –

Ramazan Salman, Gründer und Geschäftsführer des EMZ, betonte zu Beginn der Schulung, dass es „ein Recht gibt, verstanden zu werden und der Staat bzw. öffentliche Einrichtungen Sorge dafür tragen müssen, diesem Recht Geltung zu verschaffen.“ Er bedankte sich bei den ver.di-Aktiven für ihr Engagement und ihr Interesse – sie seien Mittler und Brückenbauer, wie sie die Einwanderungsgesellschaft dringend benötige.

Literaturtipp: „Die medizinische Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung: Hilfe bei chronischen Erkrankungen“ (http://www.ethno-medizinisches-zentrum.de/)