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Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund

Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund

„Teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik gestalten – Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund verbessern!“ 

Wie sieht sie aus – die Arbeitsmarktwirklichkeit von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland? Diese Frage steht seit einigen Monaten wieder weit oben auf der Agenda der politischen Diskussion. Allerdings fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf die Probleme derer, die neu nach Deutschland zuziehen. Die Sorge um Lohndumping und die Angst vor dem Missbrauch des deutschen Sozialsystems durch „Armutsmigration“ rückt Flüchtlinge, Asylsuchende und die volle EU-Freizügigkeit für Rumänen und Bulgaren in den Vordergrund der migrationspolitischen Debatten. Dabei geraten die fortbestehenden Probleme beruflicher Integration der Migrant_innen und ihrer Kindern, die schon lange in Deutschland leben,  allzu leicht in den Hintergrund. Leider bestehen für sie aber nach wie vor erhebliche Hürden beim Zugang zum Arbeitsmarkt – Diskriminierungserfahrungen, die auf ihre gesellschaftlichen Integrationschancen  insgesamt ausstrahlen. 

Die arbeitsmarktpolitische Tagung 2014 der ver.di wandte sich unter der Überschrift „Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund – Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik“ den unterschiedlichen Erfahrungen verschiedener Gruppen von Migranten und Migrantinnen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu und formulierte  Erfordernisse einer inklusiven Arbeitsmarktpolitik. Die Tagung fand in Kooperation mit der Hans Böckler Stiftung und ihrem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) am 28. März in der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin statt.

„Gerade auch in der  Debatte über den Fachkräftemangel sollte man viel intensiver auf die ungenutzten Potentiale der Menschen mit Migrationshintergrund schauen, die schon lange in Deutschland leben.“  

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Karin Schulze Buschoff vom WSI war die erste Rednerin der Veranstaltung

Mit diesen Worten begrüßte Dr. Karin Schulze Buschoff vom WSI die Teilnehmer_innen der Tagung. Sie rief in Erinnerung, dass Generationen von Migrantinnen und Migranten zur Wohlstandsentwicklung in Deutschland beigetragen haben und dass Deutschland seit langem Einwanderungsland ist.

Eva Maria Welskop-Deffaa, Ressortleiterin für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik und Mitglied im ver.di-Bundesvorstand, skizzierte anhand einiger Kernindikatoren die offensichtliche Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte haben schon bei der Ausbildungsplatzsuche selbst bei gleicher Qualifikation deutlich geringere Erfolgschancen und Ausbildungsabbrüche sind bei ihnen viel häufiger zu beobachten als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund. Gemessen an ihrem  Anteil an der Gesamtbevölkerung sind Menschen mit Migrationshintergrund an der Arbeitslosigkeit deutlich überrepräsentiert. Die höhere Arbeitslosigkeit zieht sich durch alle Bildungsschichten, selbst Hochqualifizierte mit Migrationshintergrund sind mit 6,7 Prozent erheblich häufiger arbeitslos als jene ohne Migrationshintergrund mit nur 2 Prozent.  

„ver.di ist offen für Menschen mit Migrationshintergrund!“ 

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – "ver.di muss Menschen mit Migrationshintergrund noch gezielter ansprechen." forderte Eva Maria Welskop-Deffaa

Eva Maria Welskop-Deffaa betonte: Benachteiligungen im Erwerbsleben sind nur zu überwinden mit starker  gewerkschaftlicher Gegenwehr. 

Mit ersten Ergebnissen einer von ver.di in Auftrag gegebenen Studie stellte sie die Einstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund zum Image von Gewerkschaften vor.[*]  Die Studie fragte zugleich nach den konkreten Erfahrungen, die Migrant_innen mit Gewerkschaften gemacht haben und nach ihrem Organisationsgrad. 

81 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass „durch Gewerkschaften die Lage von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland verbessert“ wird. Dieses erfreuliche Ergebnis der Studie sei außerordentlich ermutigend, so Welskop-Deffaa. Um so bedauerlicher, dass Menschen mit Migrationshintergrund unter  den Gewerkschaftsmitgliedern  unterrepräsentiert sind. Ein Organisationsgrad von nur 12,8 Prozent zeige, dass Gewerkschaften Menschen mit Migrationshintergrund ungenügend erreichen. Gerade unter den Frauen und jungen Migranten geben die allermeisten an, noch nie auf eine mögliche Gewerkschaftsmitgliedschaft angesprochen worden zu sein. „Als Anwältin einer teilhabeorientierten Arbeitsmarktpolitik muss sich ver.di aktiv öffnen für Menschen mit Migrationshintergrund. Wir müssen unser Verständnis responsiver Gewerkschaftsarbeit erlebbar machen, indem wir die Lebenssituation von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sorgsam wahrnehmen und uns für ihre Belange aktiv einsetzen,“ so Welskop-Deffaa.

Die Dienstleistungsbranchen seien zunehmend von globaler Arbeitsmigration geprägt, eine Vernachlässigung migrationspolitischer Themen verkenne die größten Herausforderungen der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. 

„Dass sich Deutschland 50 Jahre lang nicht als Einwanderungsland verstanden hat, ist das größte in deutschem Namen begangene Unrecht in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts!“ 

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Prof. Ludger Pries veranschaulicht die Migrationssituation in Deutschland anhand seines "Salatschüsselmodells"

Prof. Dr. Ludger Pries vom Lehrstuhl für Soziologie an der Ruhr-Universität in Bochum startete die Reihe der wissenschaftlichen Vorträge mit einem Überblick über alte und neue Migrationsdynamiken. Dass erst in den letzten Jahren eine radikale Wende in der Migrationspolitik vollzogen wurde – endlich begreife sich Deutschland als Einwanderungsland – zeige, wie schwer die Migrationsgeschichte des 20. Jahrhunderts  aufzuarbeiten sei. Es sei größtenteils unbekannt, dass nach dem zweiten Weltkrieg von 69 Millionen Einwohnern in Deutschland über 40 Millionen eine eigene Migrationserfahrung hatten. Pries sieht Deutschland  am Anfang einer Wende in der Integrationspolitik, ein Umdenken finde aktuell erkennbar auf der kommunalen Ebene statt: „Das Paradigma der Diversity wird immer wichtiger“. 

Die generellen Vorbehalte einer vermeintlichen Armutseinwanderung gegenüber wies Pries zurück. Zwar führe die Einwanderung von Rumänen und Bulgaren aktuell in einigen Regionen lokal zu einer Überlastung, doch der Anteil an hochqualifizierten Zuwanderern aus diesen Ländern sei deutlich höher als der Anteil von Hochqualifizierten an der Bevölkerung in Deutschland insgesamt. 

„Wir brauchen Zuwanderung – vor allem aus dem Nahen Osten und aus Afrika“ 

Hohe Zuwanderungsraten seien eine Grundvoraussetzung für Deutschlands Wirtschaftsentwicklung, so Pries. 

Da in fast allen europäischen Ländern der demografische Wandel die Zahl der jungen Erwerbstätigen knapp werden lasse, müsse sich Deutschland für Regionen mit hohen Geburtenraten öffnen. 

„Die Probleme die durch grenzüberschreitende Werkverträge und Entsendungen entstehen, können nur durch eine transnationale Gewerkschaftsarbeit angegangen werden.“ 

Pries ermutigte die Gewerkschaften Einwanderer zu organisieren und die unterschiedlichen Migrationsgruppen spezifisch anzusprechen. Nur eine offene und explizite Diversity-Politik könne das enorme Potential von Menschen mit Migrationshintergrund entfalten – Gewerkschaften könnten und sollten die breiten Sprachkenntnissen der Migrant_innen nutzen, um die transnationale gewerkschaftliche Vernetzung weiter auszubauen. 

„Es gibt signifikante Nachteile auf dem Arbeitsmarkt für Migranten auf allen Bildungsstufen.“ 

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Jutta Höhne machte die Beteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt deutlich

Jutta Höhne vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans Böckler Stiftung präsentierte aktuelle Studien zur Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Migrationshintergrund. Das Risiko arbeitslos zu werden, liegt für Menschen mit Migrationshintergrund generell deutlich höher – die in diesem Befund verborgene latente Diskriminierung konnte Höhne umfassend belegen, indem sie andere mögliche Bestimmungsfaktoren der Arbeitslosigkeit – wie Branche und Bildungsstand – sorgfältig abprüfte.

Nicht überraschend liegt das Risiko erwerbslos zu werden, bei Geringqualifizierten aus Drittstaaten, aber auch bei geringqualifizierten Männern der 2. Generation besonders hoch. Vergleicht man allerdings Hochqualifizierte untereinander, so fällt in dieser Gruppe der hohe Anteil aus Drittstaaten auf. Auch andere Faktoren wie Entlohnung, Befristung des Arbeitsverhältnisses und beruflicher Status verweisen auf eine fortbestehende Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem deutschen Arbeitsmarkt. 

Bei besonders benachteiligten Gruppen multiplizieren sich die Hindernisse, so Höhne. Während mit der EU-Freizügigkeit der Arbeitsmarktzugang für EU-Bürger eine relativ gute rechtliche Grundlage schaffe, seien für Drittstaatler die Hürden zum deutschen Arbeitsmarkt insgesamt erheblich höher: Der aufenthaltsrechtliche Rahmen zwinge Drittstaatler sich in kürzester Zeit eine Erwerbstätigkeit zu suchen, was zur Folge habe, dass sie „jede Art“ von Arbeit annehmen müssten. Trotz einer guten Qualifikation seien dies oft atypische und kurzfristige Beschäftigungen, die sich negativ auf den weiteren Berufsweg auswirken. In diesem Zusammenhang machte Höhne auch noch einmal deutlich, dass der Akademiker-Anteil bei den Neuzuwanderern überdurchschnittlich hoch ist. 

„Migranten können ihr Qualifikationspotential deutlich schlechter auf dem Arbeitsmarkt umsetzen.“ 

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zur Tagung in die ver.di-Bundesverwaltung

Generell sei der berufliche Status von Menschen mit Migrationshintergrund deutlich geringer als es ihrer Kompetenz und Qualifikation entspräche, so Höhne. Die Positionierung auf dem Arbeitsmarkt bleibe dauerhaft schwierig, wenn  das Qualifikationspotential nicht genutzt werden könne. Dies sei am Ende auch ein Nachteil für die Wirtschaft in Deutschland. 

Am Ende ihres Vortrags gab Jutta Höhne konkrete Empfehlungen für unterstützende Maßnahmen, welche die Arbeitsmarktintegration verbessern könnten. Die Verbesserung der formalen Anerkennung und der generellen Akzeptanz ausländischer Bildungsabschlüsse stand dabei an erster Stelle. Höhne warb darüber hinaus für intensivere Sprachförderung. Ein gezieltes Bewerbungstraining sowie anonymisierte und diskriminierungsfreie Auswahlverfahren könnten  die Chancengleichheit verbessern. Referenzschreiben, die  Bewerbungen hinzugefügt würden, könnten die Diskriminierung weiter abbauen. Höhne plädierte auch für gezielte Rechtsberatung und Weiterbildungen. Sie könnten dazu beitragen, dass Menschen mit Migrationshintergrund ihre Chancen besser wahrnehmen. 

„Die Rechte von entsandten Arbeitnehmer aus Ost-Europa werden systematisch unterminiert.“  

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Ines Wagner berichtete von ihrer Forschung zu grenzüberschreitenden Werkverträgen auf der EZB-Baustelle

Ines Wagner, ebenfalls vom WSI, ergänzte die Einblicke in die Realität von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem deutschen Arbeitsmarkt mit einem vertiefenden Blick auf die grenzüberschreitende Entsendung von Beschäftigten. 

Wagner erfasste in ihren Studien die Lage von entsandten Beschäftigten aus dem EU-Ausland anhand von qualitativen Umfragen. Dazu interviewte sie hauptsächlich osteuropäische Bauarbeiter auf der Baustelle des EZB-Neubaus in Frankfurt. Die Beschäftigten waren auf der Basis eines komplexen Netzwerks von Werkverträgen für nur einen kurzen Zeitraum beim ausländischen Arbeitgeber angestellt. 

Falsche Lohnabrechnungen, gefälschte Papiere, Androhung von Entlassung bei Inanspruchnahme von Urlaub und sogar das Ausbleiben von Löhnen nach Rückkehr ins Heimatland gehören zu den Erfahrungen der entsandten Beschäftigten. Die Arbeitnehmer sind auf ihrer Arbeitsstelle meistens isoliert und nicht über ihre Rechte aufgeklärt, was eine Beweisführung nach der Rückkehr zusätzlich erschwert. Auch die Kontrollen der Arbeitsbedingungen seien nur sehr bedingt erfolgreich, da die Kommunikation über die Grenzen faktisch nicht funktioniere. 

Weber sieht es als Aufgabe der Gewerkschaften an, sich auch für die Rechte dieser Menschen einzusetzen und das Vertrauen in die Strukturen des Gastlandes zu stärken um gemeinsamen Widerstand leisten zu können. 

Podiumsdiskussion: „Wir müssen unbedingt über Rassismus sprechen!“ 

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Im Anschluss an die Vorträge beantworteten die Rednerinnen und Redner die vielen Fragen aus dem Publikum.

In der Podiumsdiskussion am Nachmittag wurde vor allem eines deutlich: Deutschland braucht eine „Akzeptanzkultur“ – es ist unabweislich, dass wir uns viel mehr und intensiver mit der direkten aber auch der subtilen Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund auseinandersetzen müssen.

Dr. Ulrich Jahnke, Mitarbeiter der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, bekräftigte diese Aufforderung.

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – "Wir haben die Lernkurve bereits betreten", so Dr. Ulrich Jahnke zum Wandel in der Intgrationspolitik

Aus seiner Sicht ist die Arbeit an „mehr Akzeptanz“  ein langer Lernprozess, die Lernkurve liege aber inzwischen im positiven Bereich. 

"Die Sprachförderung ist der wichtigste Punkt."

Boumedien Habibes, der mit der Organisation „Arbeit und Leben“ Migrantinnen und Migranten berät, sah den Stand der Integrationspolitik kritischer. Der Schlüssel zur Integration sei das Erlernen der Sprache, für vielen Menschen seien aufgrund von hohen Kosten Sprachkurse unzugänglich. Und auch mit der Anerkennung von beruflichen Abschlüssen sei der Antragsteller oft überfordert – trotz des neuen Anerkennungsgesetzes von 2012. Kosten zwischen 500 und 800 Euro, sehr lange Wartezeiten und unterschiedliche Anlaufstellen lassen die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen noch immer als Hürde erscheinen. 

„Wie schaffen es die Institutionen, die Menschen gut zu beraten?“ 

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Boumedien Habibes hilft Menschen mit Migrationshintergrund vor allem in Rechtsfragen

Lob für das Anerkennungsgesetz kam von Dr. Monika Lüke, der Beauftragten für Integration und Migration des Landes Berlin. Das Gesetz sei ein großer Fortschritt, es müsse nun an verschiedenen Stellen – bei den Kosten und speziell für die Antragsteller aus der Gesundheitsbranche – nachgebessert werden.

Lüke stellte das Landeskonzept zur Unterstützung des Übergangs Schule-Beruf und ein Projekt vor, mit dem Jugendliche mit Migrationshintergrund für den öffentlichen Dienst gewonnen werden: Es gehe darum, Möglichkeiten aufzuzeigen und Potentiale bewusst zu machen. Wesentlich seien auch die Jobcenter gefordert, sie seien Schlüsselakteur der Integration. Mit dem Ziel der interkulturellen Öffnung müsse hier verstärkt nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht werden. 

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Die Podiumsteilnehmer/innen am Nachmittag v.l.n.r.: Dr. Ulrich Jahnke, Beate Kostka, Moderatorin Alexandra Manske, Boumedien Habibes, Erdogan Kaya und Dr. Monika Lüke

„Der Erstzugang in den Jobcentern muss barrierefrei sein.“ 

Diese Forderungen wurden von Beate Kostka, die als Vertreterin der Bundesagentur für Arbeit auf dem Podium saß, zustimmend aufgenommen. Auch Kostka betonte die Notwendigkeit die Arbeit der Jobcenter kultursensibel zu entwickeln. So sei für Migrant_innen besonders der erste Kontakt mit den Jobcentern aufgrund von Sprachproblemen nicht selten erschwert. Die Informationen müssten deshalb auch in der Herkunftssprache bereitstehen; hier habe sich das Angebot der BA deutlich verbessert. Sprachförderung verbessere im Weiteren die Arbeitsmarktchancen. Bei der weitergehenden Betreuung im Betrieb seien auch die Arbeitgeber gefordert. 

„Es gibt viele Vorbehalte, aber man muss darüber reden“  

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Beate Kostka sieht erheblichen Verbesserungsbedarf in den Jobcentern

Kostka sprach sich für eine intensivere Debatte über Rassismus in unserer Gesellschaft aus. Man müsse „ernst nehmen, dass es Menschen gibt, die Angst haben vor Einwanderung“, und dieser Angst aktiv entgegen treten. Es gehe darum Vorurteile auszuräumen und Falschinformationen zurückzuweisen. Gerade auch gegenüber Arbeitgebern müssten Vorbehalte thematisiert und ausgeräumt werden, um nachhaltig die Beschäftigungschancen von Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern. 

Der fünfte Podiumsteilnehmer war Erdogan Kaya, Vorsitzender des ver.di-Bundesmigrationsausschusses und aktiv im Betriebsrat der Berliner Verkehrsbetriebe. Aus Sicht der Betriebsräte und der Gewerkschaften stellte er vor allem Fragen zur Bildung in den Mittelpunkt seines Statements: Wie kann eine gute Schulbildung für Menschen mit Migrationshintergrund gewährleistet werden? Wie schaffen wir es, dass niemand die Schule ohne einen Abschluss verlässt? 

„Auch in den Köpfen in den Gewerkschaften muss erst noch klarwerden, dass Vielfalt eine Chance ist!“ 

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Erdogan Kaya, Vorsitzender des Bundesmigrationsausschusses in ver.di

Kaya betonte, dass es auch bei den Gewerkschaften noch Nachholbedarf gebe. Man sehe „in den Bezirksvorständen nur sehr wenige Menschen mit Migrationshintergrund“, in Auswahlverfahren für Gewerkschaftsgremien könnten sich Migrant_innen leider nicht gleichermaßen durchsetzen. Menschen mit Migrationshintergrund in Gewerkschafts-Funktionen gezielt zu fördern, sei wichtig um deutlich zu machen: „Ihr seid tatsächlich gewollt.“ 

Kayas Fazit war zugleich Fazit der Tagung: „Wenn Menschen Arbeit haben, haben sie eine Perspektive und sie genießen Anerkennung. Das fördert die Integration!“ 

Arbeitsmarktpolitische Tagung "Beschäftigungschancen für Menschen mit Migrationshintergrund - Anforderungen an eine teilhabeorientierte Arbeitsmarktpolitik" am 28.3.2014 Fotograf: Erich Guttenberger AMP-Tagung 28.3.2014  – Der Blick in den Tagungssaal

ver.di wird die Fragen nach fairen Teilhabechancen für Menschen mit Migrationshintergrund in den nächsten Monaten aktiv weiter verfolgen: Bereits am 19. Mai 2014 findet ein Workshop des Ressorts Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik mit der ver.di-Jugend statt, bei dem es um das Thema „Ausbildungsabbrüche von Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ gehen wird. 

„Gewerkschaften sind Erfahrungssammler und mit den eingesammelten Erfahrungen schaffen wir die Voraussetzungen für politische Veränderungen,“ so Eva Welskop-Deffaa. Der Workshop mit der ver.di-Jugend mache das deutlich: „Unsere Jugend- und Ausbildungsvertretungen kennen die Ausbildungssituation in den Betrieben und erleben in ihrer betrieblichen Praxis alle möglichen Formen der Benachteiligung und der Diskriminierung. Ihre Erfahrungen wollen wir nutzen, um die Teilhabechancen von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in der Ausbildung und beim Berufsanfang aktiv zu verbessern.“

 

 

[*] Die Studie von Carsten Wippermann erscheint Ende Mai in der Reihe „sopodialog“ und kann gegen eine Schutzgebühr i.H.v. 0,70 Euro (inkl. MwSt) bestellt werden.
Der entsprechende Bestellschein wird ebenfalls ab ca. Ende Mai zur Verfügung stehen (siehe unter http://arbeitsmarkt-und-sozialpolitik.verdi.de/service/publikationen)