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Keine Geschichte ohne uns

Keine Geschichte ohne uns

Gibt es eine deutsche Geschichte ohne die Geschichte der Migration nach Deutschland?
Wie erzählen wir unsere Geschichte und wo beginnt die Geschichtsschreibung der Einwanderungsgesellschaft?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich das Seminar „Fit für die Einwanderungsgesellschaft - der ver.di Realitätscheck“ der Migrantinnen und Migranten“, das vom 22. August bis 25. August in der Bildungsstätte Brannenburg stattfand. 

Bevor es geschichtlich wurde, präsentierte Romin Khan, Referent für Migrationspolitik bei ver.di, die aktuellen migrationspolitischen Entwicklungen in der Gewerkschaft in Form eines interaktiven Inputs, zu dem die Teilnehmenden auch ihre Kenntnisse beitragen konnten. Insbesondere die Ausschreibung der neuen Traineestellen wurde diskutiert, da sich ver.di damit auch für die verstärkte Einstellung von Migrant*innen ausgesprochen hat. Viele Kolleg*innen befürchteten, dass die Anforderung nach fließendem Englisch in Wort- und Schrift, viele kompetente vielsprachige Kolleg*innen von der Bewerbung ausschließe, beispielsweise aus Süd- oder Osteuropa. 

Zeitstrahl: Sich in die Geschichte einschreiben

Seminar "Fit für die Einwanderungsgesellschaft - der ver.di-Realitätscheck" ver.di Zeitstrahl

Sandra Vacca vom Verein DOMiD, dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V., erarbeitete am Freitag mit den Aktiven zunächst einen historischen Zeitstrahl mit dem Themenschwerpunkt Migration und Arbeit. Neben vielen anderen Aspekten wurde nach der Sichtbarkeit der verschiedenen Gruppen gefragt, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Viele Kolleg*innen äußerten den Wunsch, dass mehr über die Opfer statt immer wieder über die Täter gesprochen werden müsse. Außerdem waren Fragen der Anwerbungs- und Auswahlprozesse von Arbeiter*innen und die Politik der „Rückkehrprämien" (https://www.deutschlandfunkkultur.de/einwanderungsland-deutschland-migranten-ungewollt-und.976.de.html?dram:article_id=348540) in den 1980er Jahren intensiv diskutierte Themen, zu denen die Kolleg*innen eigene Erfahrungen beitragen konnten. Im zweiten Teil der Veranstaltung brachten die Teilnehmenden ein eigenes Objekt in den Zeitstrahl ein, mit dem sie ihre Assoziationen zum Thema Migration verbanden und aus der eigenen familiären Geschichte berichteten.  Durch das umfangreiche historische Allgemeinwissen und das Erfahrungswissen der Teilnehmenden konnte die Referentin Inspiration für neue Beiträge zur Weiterentwicklung ihrer narrativen Methode gewinnen.

Mit der Lupe zu suchen

Am Samstag besuchten die Kolleginnen und Kollegen im Rahmen einer Führung die Ausstellung „Migration bewegt die Stadt“ im Stadtmuseum München. 

Eine Ausstellung, die sich als eine Intervention in die bestehende Ausstellung zur Geschichte der Stadt versteht, in der Migration bislang oft ganz fehlte oder mit der Lupe zu suchen war. 

Die Exponate der Ausstellung und der Kontrast zur historischen Dauerausstellung stießen auf großes Interesse. In der Auswertung fragten die Teilnehmenden sich selbst, wie es sich wohl anfühlen würde, wenn Migration eine Selbstverständlichkeit in den offiziellen Erzählungen der Geschichtsschreibung bilden oder sogar im Zentrum stehen würde? Der Wunsch und die Notwendigkeit, mehr gewerkschaftliches Material zur Geschichtsschreibung durch Initiativen wie DOMiD oder die Dauerstellung zu sammeln und beizutragen, wurde sehr einhellig geäußert. Beispielsweise in der Frage, wer unsere Städte baut oder gebaut hat, würde sich bis heute kontinuierlich die Ausblendung migrantischer Arbeitskraft zeigen. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass eine gewerkschaftliche Geschichtsschreibung von unten notwendigerweise die Geschichte der Migration miterzählen müsse.

[12.9.2019]