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„Wenn Arbeit krank macht“: Arbeitsintensität und Arbeitsschutz

„Wenn Arbeit krank macht“: Arbeitsintensität und Arbeitsschutz

Bericht vom Workshop Arbeitsschutz

Zweimal im Jahr treffen sich diejenigen, die bei ver.di mit dem Thema Arbeitsschutz befasst sind. Der Austausch und die Vernetzung stehen im Vordergrund des Workshops, zu dem Horst Riesenberg-Mordeja, Referent für Arbeits- und Gesundheitsschutz bei ver.di, einlädt. Zu Beginn des zweitägigen Workshops, der Anfang des Jahres, am 29. und 30. Januar 2018 in Berlin stattfand, stellte er die in Zukunft geplanten Veranstaltungen und Aktionen rund um das weite Feld des Arbeitsschutzes vor. Gefolgt von den Berichten aus der Arbeit in anderen Bereichen der Bundesverwaltung, den Landesbezirken und der Bildungsarbeit. Trotz der Arbeit in den sehr unterschiedlichen Bereichen – Beratungsarbeit bei Arbeitsunfällen, Konzeption von Bildungsangeboten für Betriebsräte, Forschungstätigkeiten oder ehrenamtliche Selbstverwaltungsarbeit in Widerspruchsausschüssen – waren sich die Anwesenden einig: Arbeitsschutz, etwa die tatsächliche Durchführung der Gefährdungsbeurteilung, wird in der betrieblichen Praxis oft noch nicht ausreichend berücksichtigt.

Hierzu lieferte das Impulsreferat von Dr. Elke Ahlers vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung über die Bedeutung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes für Betriebs- und Personalräte wichtige Daten und Erkenntnisse. Die vom WSI durchgeführte Betriebsrätebefragung 2016 zeigte, das Arbeitsschutz und Gesundheitsförderung für 86 Prozent der Befragten an erster Stelle der Themen steht, die sie im Jahre 2015 und 2016 beschäftigten. Gefragt nach den Arbeitsbedingungen in den Belegschaften antworteten die Betriebs- und Personalräte, dass die Beschäftigten vor allem unter dem Termin- und Zeitdruck und der hohen Arbeitsbelastung leiden. Auch zeigt die Befragung im Vergleich, dass die Arbeitsintensität seit 2011 um 78 Prozent gestiegen ist. Als Folge davon liegt das Niveau der unbezahlten Mehrarbeit seit nunmehr zehn Jahren deutlich und konstant über dem Niveau der bezahlten Überstunden. Ein wichtiges Thema der Zukunft sei deshalb eine Anpassung der Personalbemessung an den tatsächlichen Bedarf, so eine der Schlussfolgerungen von Elke Ahlers.

Was den Druck auf Beschäftigte zusätzlich erhöht sind neue Techniken der „Leistungssteuerung“ wie die indirekte Steuerung fügte die Arbeitswissenschaftlerin hinzu. Projektarbeit und Zielvereinbarungen führen zu veränderten Leistungsansprüchen und zu einem erhöhten Arbeitsvolumen. Weil die Beschäftigte gute Ergebnisse erzielen wollen, verzichten sie zum Beispiel auf ihre Pause. Zielvereinbarungen und Vertrauensarbeitszeit statt Stechuhr vergrößern zwar den Spielraum für selbstbestimmtes Arbeiten, gehen aber laut Ahlers auch mit einem erhöhten Stresslevel einher.

Titelseite der Präsentation von Dr. Elke Ahlers anl. des ver.di-Workshops Arbeitsschutz am 29./30.01.2018; Titel: "Die Bedeutung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes für Betriebs- und Personalräte" Dr. Elke Ahlers

Die Arbeitsintensität ist aber nicht nur vom subjektiven Empfinden der Arbeit abhängig, sondern auch stark von den betrieblichen Rahmenbedingungen geprägt. Bisherige Regulierungsmaßnahmen im Arbeits- und Gesundheitsschutz griffen aufgrund der großen Veränderungen in der Arbeitsorganisation, die eine hohe Flexibilität der Beschäftigten erforderten, nicht mehr. Es müsse ein Umdenken hin zu einem präventiven und partizipativen Arbeits- und Gesundheitsschutz erfolgen, der die Arbeitsintensität als relevanten psychischen Belastungsfaktor ernst nimmt.

Die Gefährdungsbeurteilung ist das Instrument, mit dem diese psychosozialen Belastungen sichtbar gemacht und vermindert werden können. Die aktuelle Befragung der Betriebs- und Personalräte zeige aber, dass nur 24,3 Prozent der Betriebe die Gefährdungsbeurteilung für psychische Belastungen einsetze – obwohl alle Arbeitgeber, unabhängig von der Anzahl ihrer Mitarbeiter*innen, dazu verpflichtet sind, diese durchzuführen und psychische Belastungen und Stress in allen Berufen und Hierarchieebenen mit zu berücksichtigen. Mit der Gefährdungsbeurteilung können die betrieblichen Rahmenbedingungen wie die Arbeitsintensität und die Arbeitszeit analysiert werden, um den möglichen Gefährdungen wirksam begegnen zu können. Da die neuen Belastungen durch die Veränderungen der Arbeitswelt oft als nicht regulierbare Sachzwanglogiken wahrgenommen würden und die Beschäftigten in der Folge die Verantwortung eher bei sich selbst suchten, könnte dem mit der Gefährdungsbeurteilung entgegen gewirkt werden und eine Sensibilisierung für ein strukturelles Problem im Betrieb erfolgen.

Viele Beschäftigte werten ihre Überlastungssymptome als individuelles Problem und kämen so auch gar nicht auf die Idee, die Arbeitsbedingungen ernsthaft zu hinterfragen, das berichteten die Workshopteilnehmer*innen in der anschließenden Diskussion aus ihren Gesprächserfahrungen. Auch gäbe es wenig geschützte Räume im Betrieb, in denen man eine Überforderung und Überlastung zugeben und über mögliche Verbesserungen beraten könne. Betriebliche Fachleute, wie die Betriebsärzte sind als Ansprechpersonen oft wenig hilfreich. Und auch die Betriebsräte bemängeln ein fehlendes Know-how im Betrieb und sind mit dem Prozessmanagement einer Gefährdungsbeurteilung – neben all ihren anderen Aufgaben – überlastet.

Wichtig sei es deshalb, so Elke Ahlers, zusätzlich zu dem längerfristigen Prozess der Gefährdungsbeurteilung auch erste kurzfristige Maßnahmen zu beschließen und weitere Ergebnisse durch ein transparentes Vorgehen gemeinsam mit den Beschäftigten und Vorgesetzten zu realisieren. Längerfristig geht es um eine Präventions- und Partizipationskultur im Betrieb. Als Fazit fordert Elke Ahlers ein Bündel übergreifender Gestaltungsansätze, die sowohl auf individueller, als auch auf betrieblicher und gesetzlicher Ebene ansetzen.

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